Flutopfer Wie Kinder das Grauen verarbeiten
Hamburg - Apathisch starren die Kinder auf den Boden, sie sitzen allein oder in kleinen Grüppchen zusammen in einem Hilfslager. Das Grauen, das sie erlebt haben, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Szenen, die derzeit in den Tausenden Flüchtlingslagern in Indien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand zu beobachten sind, gleichen sich.
Flutkatastrophe: Tausende Kinder suchen ihre Eltern
Die Menschen, die Glück im Unglück haben, sind in Lagern untergebracht, in denen die Erstversorgung bereits funktioniert: Kleidung, Essen, Zelte. Viele Hilfsorgansiationen haben nun begonnen, das Augenmerk auf die psychologische Hilfe auszudehnen. Claudia Berker vom Hilfswerk terres des hommes berichtet: "Viele Menschen stehen extrem unter Schock. Viele Kinder reagieren gar nicht, sondern starren nur apathisch vor sich hin."
Was die Menschen in den Flutgebieten erlebt haben, werden sie íhr Leben lang nicht vergessen. Die meterhohen Wellen, die die Küste überrollten, die Menschen wegrissen wie Spielzeugpuppen und Häuser, als seien sie aus Pappe. Besonders schlimm sind die Kinder getroffen, die ihre Eltern, Geschwister, Verwandte verloren haben.
Die Hilfsorgansiation SOS Kinderdörfer betreut in Indien und Sri Lanka derzeit etwa 6000 Kinder und Jugendliche in provisorischen Camps, die in Lagerhallen und Tempeln eingerichtet wurden. Ob die dort untergebrachten Kinder tatsächlich alle verwaist sind, ist noch völlig unklar. "Das wird Wochen und Monate dauern, bis wir absolute Klarheit bekommen", sagt SOS-Kinderdörfer-Sprecherin Adelheid Miller. "Die Eltern oder Verwandten könnten verletzt worden sein. Oder sie wurden in anderen Lagern untergebracht. Vielleicht nehmen sie auch an, dass ihr Kind tot ist." Wenn feststeht, "dass sie tatsächlich allein auf der Welt sind, können wir bis zu 500 Kinder in den bestehenden SOS-Kinderdörfern aufnehmen".
Aus anderen Krisengebieten sei bekannt, dass die Familienzusammenführung manchmal Monate dauere. Die Kinder nun an Familien im Ausland zu vermitteln sei momentan keine Lösung, sagt Berker. Es gebe auch aus Deutschland bereits Anfragen. "Das ist zwar gut gemeint, im Moment aber noch viel zu früh." Zunächst müsse geprüft werden, ob es für das betreffende Kind keine andere Möglichkeit gebe. Eine Auslandsadoption zum jetztigen Zeitpunkt könnte diese Kinder seelisch überfordern.
Langsam versuchen die Helfer Zugang zu den verstörten Flutopfern zu bekommen. Mitarbeiter der Hilfsorgansiationen malen mit den Kleinen. Sie singen und spielen. "Manche Kinder tauen dann auf. Sie sprechen oder lächeln. Und auch manche Erwachsene lächeln dann zum ersten Mal wieder", sagt Berker. Auch in den SOS-Kinderdörfern bekommen die Kinder Buntstifte, um das erlebte Grauen auszudrücken. "Wir versuchen ihnen ein Stückchen Alltag zu geben, ein bisschen Normalität", sagt Miller. Zusätzlich zu den Mitarbeitern helfen in den provisorischen SOS-Kinderdörfern junge Frauen und ältere Mädchen mit, die dort selbst untergebracht sind.
Meldungen über Kinderhändler und Entführungen können weder Miller noch Berker bestätigen. Aus der Vergangenheit sei bekannt, dass Kinderhandel in Krisengebieten ansteige, sagt terres des hommes-Sprecherin Berker. "Bislang waren wir in unseren Nothilfeprojekten in der Flutregion aber nicht damit konfrontiert." Die terres-des-hommes-Mitarbeiter seien geschult und hätten ein besonderes Augenmerk auf diese Problematik. Aus Indien melden die Helfer: "kein Thema". Im indonesischen Banda Aceh gäbe es Hinweise, aber keine Beweise. Auch in den SOS-Kinderdörfern in Indien und Sri Lanka sind bislang keine Fälle von Kinderhändlern oder Entführungen aufgetreten.