Fotostrecke Frischer Wind in der Haute Couture
Paris - Totgesagte leben länger: Ein Hauch von Neuanfang umwehte die Defilees von Christian Lacroix, der einen neuen Eigentümer hat, oder auch Givenchy, wo ein blutjunger Italiener erstmals für die Entwürfe verantwortlich zeichnete. Im vollen Saft präsentierte sich auch "King Karl" Lagerfeld, dem mit seiner Kollektion für Chanel ein echter Überraschungscoup gelang. Superluxuriös aber tragbar waren die Modelle fast überall. Illustre Gäste wie Gwyneth Paltrow oder Sheryl Crow zeigten, dass zumindest eine gewisse Kundschaft für diese maßgeschneiderten Kleider existiert.
Einen der Schlusspunkte setzte am Freitag der Franzose Jean-Paul Gaultier, durch dessen Kollektion unverkennbar ein Wind aus Osten wehte. Die Anspielungen an slawische Folklore mit Pelzen und Blumenstickereien sind kein Zufall, eröffnete Gaultier doch gerade seine erste Boutique in Moskau. Ein Fingerzeig auch auf die Kundschaft der Zukunft: Die Frau des neuen ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko, Jekaterina, saß mit einer ihrer Töchter in der ersten Reihe.
Auf dem Laufsteg: Tragbares für Herbst und Winter
Gaultiers Kollektion hatte aber nichts Bäuerliches, sie ist elegant und von den größten Könnern des Handwerks hergestellt, so bei einem offenen Mantelkleid über Spitzenvolants vom Dekolletee bis zum Knöchel, einem ausgestellten Rock aus gestricktem Zobel oder einem Hochzeitskleid, das von langem Ziegenhaar gesäumt ist. Die Maßschneider-Kunst für die ausgewählte Kundschaft habe natürlich ihren Platz, sagte Gaultier nach der Show. Sie sei "großzügig und schwimmt gegen den Strom der Wegwerfgesellschaft".
Auch bei Christian Lacroix war die neue Lebenskraft der Haute Couture zu spüren. Die Marke des Franzosen war vom Luxuskonzern LVMH kurz zuvor an den amerikanischen Duty-Free-Riesen Falic verkauft worden. Der neue Eigentümer gewähre dem Meister mehr künstlerische Freiheit, verlautete vor den Defilees aus der Umgebung des Designers.
Und so strahlte die Kollektion Lebensfreude und Humor aus. Es gab Anspielungen auf das 18. Jahrhundert bei Kleidern mit übertriebenem Hinterteil, Anleihen aus dem Orient mit prachtvoller Stickerei in Gold- und Silberfäden und ein Augenzwinkern mit einem weißen Pelzcape à la "Cruella" - der bösen Dame aus "101 Dalmatiner".
Auch Givenchy verzeichnete einen geglückten Neuanfang mit der ersten Kollektion des Italieners Riccardo Tisci. In gekonnter Manier arbeitete Tisci an Aufbau und Volumen seiner Einzelstücke, so bei einem hautengen schwarzen Mohairkleid oder einem aufgeplusterten Bustierkleid, das aus Blüten aus plissiertem Seidentüll, Baumwollgaze und pailletten- sowie kristallbesticktem Seidenkrepp bestand.
Zuvor hatten die Defilees mit der Show von Chanel und seinem unermüdlichen Designer Karl Lagerfeld einen Höhepunkt erreicht. Dutzende schwarze Mäntel mit Federn, Perlen, Bändchen, Tüll und Spitze ließ "König Karl" zeigen. Die Kleider entlockten der Schauspielerin Paltrow Schreie des Entzückens: "Ich kann kaum erwarten, das zu tragen", rief sie aus.
Dass die Kleider der Haute Couture für wenige Glückliche gemacht sind, zeigten auch wieder die Altmeister Armani und Valentino. Deren Shows wirken stets wie eine Generalprobe der Oscar-Verleihung: Bei Valentino trägt die Diva mit Zobel abgesetzte Seidenhosen oder mit schneeweißem Nerz verbrämte Wolljacken. Bei Armani sind die Abendroben meist in Schwarz gehalten, körpernah und bodenlang.
Im Sommer können die großen Modehäuser jetzt die Bestellungen ihrer gut betuchten Kundschaft bearbeiten, der nächste Termin des Pariser Modezirkus sind die Prêt-à-porter-Schauen Anfang Oktober.
Kim Rahir, AFP