Frankreich jubelt "Die Götter sind mit uns"
Roche Posay - Frankreich ist wie im Rausch. Nach dem Sieg ihrer Fußballmannschaft über Portugal wurde wieder in allen großen Städten wild gefeiert - Autos und Motorräder rasten und hupten um die Wette, die Menschen tanzten auf den Straßen.
In Paris, wo es schon nach dem Spiel gegen Brasilien auf den Champs-Elysées zu Ausschreitungen gekommen war, kam ein Mann an der Metrostation Opéra ums Leben. Er war auf einen U-Bahn-Waggon geklettert, abgerutscht und vor einen anderen Zug gestürzt, berichten Radiosender. Eine Frau starb im Norden des Landes, als sie sich zum Jubeln aus einem fahrenden Auto lehnte, das ins Schleudern geriet und einen Unfall baute, so die Polizei.
Alles in allem ging es auf dem Lande jedoch ruhig zu. Dort verbringen derzeit viele Franzosen den Sommer.
So auch in La Roche Posay, wo Carlos sich das Ende des Abends eigentlich anders gewünscht hatte. Der Kneipenbesitzer in dem kleinen Ort rund 300 Kilometer südwestlich von Paris fieberte von der ersten bis zur letzten Minute für die portugiesische Mannschaft, die sich schließlich 1:0 gegen die "Blauen" aus Frankreich geschlagen geben musste. Von den 1800 Einwohnern des Thermalbades ist Carlos nämlich der einzige Portugiese.
Dennoch strömten seine französischen Mitbürger gestern Abend Dutzendweise in seine Bar "Don Luiz", wo alle Spiele der Weltmeisterschaft auf einer Riesenleinwand zu sehen waren. Doch die überschäumende Freude über den Sieg konnte der 42-Jährige seinen Gästen schließlich nicht verübeln: "Der Bessere sollte gewinnen, und das hat er auch wohl", sagte der Wirt ein wenig zerknirscht.
Seine Gäste strömten da schon auf die Straße, um die örtliche Version der Freudenfeiern zu bestaunen. "Finale, wir sind im Finale, wir sind, wir sind, wir sind im Finale", sangen Alt und Jung im Chor. Die historischen Bauten von La Roche Posay gruppieren sich um einen kleinen Park, wo früher Thermal-Badende lustwandelten. Rund um den Park läuft eine Straße, und auf der drehten die jungen Leute des Dorfes ihre Runden, laut hupend, schreiend und manche auch Fahnen schwenkend. "Ich bin eigentlich richtig erleichtert", beschreibt der 21 Jahre alte Aurélien seine Freude. Was das Finale am Sonntag gegen Italien betrifft, da ist er gespalten: "Ich bin halb Franzose, halb Italiener - aber ich glaube, Frankreich gewinnt."
"Italiener müssen zittern"
Überall im Lande wird jetzt das einst Unmögliche für wahrscheinlicher gehalten. "Die Götter sind mit uns", titelt die Zeitung "France Soir" und rät den Italienern "schon heute zu zittern". Die Sportzeitung "L'Equipe" sieht "die Brillanz einer ganzen Generation aber auch einer bestimmten Art Fußball" als bewiesen an: "Der ganze Planet weiß jetzt, dass Frankreich nicht nur bei einer Weltmeisterschaft glänzen kann, die im eigenen Land gespielt wird."
Wem der Sieg zu verdanken ist, darüber sind sich alle Zeitungen einig: Zinédine Zidane, dem brillanten Mittelfeldspieler, der mit der Weltmeisterschaft seine Karriere beendet. "Ein prachtvolles Geschenk: ein Abgang mit Pauken und Trompeten für Zidane", schreibt die kommunistische Tagezeitung "L'Humanité".
"Le Parisien" verlangt sogar "ein Denkmal für Zidane, jetzt gleich, egal wo". Der 34-Jährige sei mit dem gestrigen Match endgültig zur Legende geworden. Schon im Spiel gegen Brasilien hatte ein TV-Kommentator nach einem gelungenen Manöver Zidanes den Franzosen aus der Seele gesprochen: "Mensch, der darf doch nicht aufhören, Fußball zu spielen."
Am meisten aber staunen die Experten über den verloren geglaubten Enthusiasmus und Optimismus der Franzosen. Nur wenige Wochen und Monate, nachdem Bilder von randalierenden Jugendlichen und streikenden Arbeitern um die Welt gingen, ist ein Frankreich voller Freude und Schwung wieder auferstanden. "Das kann ich einfach nicht glauben", sagt eine Radiomoderatorin, "wie diese Fußballmannschaft das ganze Land so glücklich machen kann".