Freiburg Ein Verleger bittet seine Leser um Geld
Hamburg - Falls den beiden Zeitungen nicht schnell eine kräftige Finanzspritze verpasst wird, droht den etwa 35 Redakteuren und weiteren Mitarbeitern die Entlassung. Verleger Michael Zäh wandte sich jetzt an die Leser seiner beiden Zeitungen und teilt ihnen auf einer ganzen Seite mit, dass der Verlag dringend Geld brauche. "Wir sind massiv unter Druck geraten", schreibt Zäh, "uns fehlen die Einkünfte, auf die wir hier gehofft hatten."
Die "Zeitung zum Sonntag" war vor dreieinhalb Jahren hoffnungsvoll mit einem Haufen Redakteuren gestartet, die der in Freiburg ansässigen "Badischen Zeitung" den Rücken gekehrt hatten. Kleinverleger Zäh hatte mit dem kostenlos an die Freiburger Haushalte verteilten Sonntagsblatt eine Marktlücke gefunden. Das Blatt finanzierte sich durch Anzeigen. Hinzukam, dass das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr sich mit 50 Prozent in dem Verlag engagierte, doch schnell wieder ausstieg - Zähs Verbindlichkeiten in Höhe von rund zehn Millionen Mark aber übernahm.
Dann, Ende vergangenen Jahres, kamen Zäh und der engere Zirkel seiner Redaktionscrew auf die Idee, die "Zeitung zum Sonntag" zu einem täglichen Projekt auszubauen. Die Redaktion wurde aufgestockt. Am 20. Januar erschien die neu entworfene "zus", die nicht mehr kostenlos zu haben war. Doch die erhoffte Abonnentenzahl von mindestens 15.000 blieb aus. Auch die Wirtschaft schaltete nicht genügend Anzeigen.
Nun stellt Zäh die Leser vor die Frage, ob der Verlag die täglich erscheinende "zus" opfern solle, um die "Zeitung zum Sonntag" zu retten, oder ob er den "Kampf um die zweite Tageszeitung in Freiburg mit vollem Risiko" weiterführen solle - auf die Gefahr hin, dass auch die seit rund dreieinhalb Jahren publizierte "Zeitung zum Sonntag" eingestampft werden müsse.
Mehrere Gründe hätten in die missliche Lage geführt. Die zu geringe Abonnentenzahl. Dies habe den Verlag allerdings nicht aus der Bahn geworfen. Andere "Ereignisse" hätten "hart getroffen", teilte Zäh etwas larmoyant mit. So habe die Deutsche Presseagentur wegen eines einzigen Verfahrensfehlers den Blättern fristlos gekündigt. Angeblich, weil die Redaktion eine Meldung am Sonntag abgedruckt hat, die nur am Werktagen hätte gedruckt werden dürfen.
Außerdem werde die Redaktion von so genannten Abmahnvereinen "regelrecht bombardiert". So sei gegen den Vertrieb der "Yellow Card" Klage erhoben worden. Mit der "Yellow Card" hatten die "zus"-ler Abonnenten geworben. Für 449 Mark im Jahr gab es nicht nur die Zeitung, sondern allerlei Sonderleistungen, wie etwa sechs Gratisessen in einem Freiburger In-Lokal, eine Zehnerkarte in einem Thermalbad, die Möglichkeit, sechs Tage im Jahr ein Auto aus dem Fuhrpark des Verlages auszuleihen, Wohlfühl-Massagen oder Freibier.
Den Angestellten geht es inzwischen ans Portemonnaie. Die gesamte Belegschaft, so Zäh, sei allerdings bereit, in nächster Zeit auf Teile des Gehalts zu verzichten und dieses Geld für den Erhalt des Unternehmens zur Verfügung zu stellen: "Alle wollen weitermachen, fast um jeden Preis", so Zäh.
Tatsache ist aber, dass durchaus nicht alle hinter diesen Sparmaßnahmen stehen. Vor dem Freiburger Arbeitsgericht sind Verfahren anhängig, weil mindestens ein freier Mitarbeiter Zähs und ein angestellter Redakteur gegen Zäh klagen, weil sie ihr Geld nicht bekommen haben. Auch gab es Fälle, in denen ohne Angabe von Gründen - und mit reichlich Verspätung - das Gehalt nicht in voller Höhe ausgezahlt wurde.