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JUGENDSCHUTZ Freier Blick

Deutschland macht Ernst im Kampf gegen Schmuddelkram im Internet. Die Erotikanbieter ziehen mit - selbst solche, bei denen gar nichts zu sehen ist.
• aus DER SPIEGEL 22/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man muß schon einen etwas merkwürdigen Geschmack haben, um die Fotos im Internet-Angebot von »voyeurweb.com« genießen zu können. Zu sehen ist eigentlich nichts - aber offenbar macht genau das den Reiz aus.

Das Voyeurweb veröffentlicht heimlich aufgenommene Bilder, zusammengetragen und ans Voyeurweb eingesandt von Schaulüsternen aus aller Welt: Da wird durch die Jalousien in Badezimmer geknipst, über den Gartenzaun gelinst oder Frauen beim Schaufensterbummel unter den Rock fotografiert. Angesichts der Aufnahmetechnik sind die meisten Bilder von hinreißend schlechter Qualität: verwackelt, unscharf und - weil sich niemand durch ein Blitzlicht verraten will - viel zu dunkel.

Mitunter ist nicht einmal zu erkennen, welches Körperteil aus welcher Perspektive da gerade gezeigt wird. »Der Reiz ist das Authentische«, vermutet der Anbieter der Seiten, ein 40jähriger Amerikaner aus Delaware, der sich »Igor« nennt. Als Qualitätsmerkmal gilt ihm, daß die Frauenbrüste auf seinen Seiten nicht dem Bauplan eines Chirurgen, sondern der Schwerkraft gehorchen. Daß jedes einzelne Bild die Persönlichkeitsrechte des Opfers gravierend verletzt, nimmt er in Kauf: »Da muß erst mal jemand klagen.«

Auch die Betrachter stört das kaum. »voyeurweb.com« ist die meistabgerufene kostenlose Bilderseite im Internet, täglich schauen sich rund 250 000 Nutzer die jeweils gut 30 bis 50 neuen Fotos an.

Mit dem freien Blick auf weiße Baumwollslips soll es aber nun vorbei sein - zumindest für Voyeure aus Deutschland. Denn deutsche Jugendschützer glauben, daß die Bilder »die Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen« können. Um den hiesigen Gesetzen zu entsprechen, forderten sie, müsse die Seite für Jugendliche unzugänglich gemacht werden. Ansonsten, so die Drohung an die Betreiber, werde sich die Staatsanwaltschaft mit der Sache befassen. Ähnliche Post haben in jüngster Zeit knapp hundert deutsche Erotikanbieter bekommen.

Die Bundesrepublik macht Ernst im Kampf gegen Schmuddelkram im Netz - auch auf die Gefahr hin, international wieder als Oberzensor dargestellt zu werden. Das war zuletzt Ende 1995 der Fall, als der Online-Anbieter Compuserve weltweit rund 200 sogenannte Newsgroups sperrte, um den Vorwurf der Verbreitung von Kinderpornographie, erhoben von der Münchner Staatsanwaltschaft, zu entkräften. Tausende von Internet-Nutzern protestierten damals gegen die vermeintliche Zensur (auch seriöse Newsgroups, in deren Namen das Wort Sex auftauchte, waren geblockt worden) und gossen Hohn und Spott über die fehlenden Internet-Kenntnisse deutscher Strafverfolger aus.

Mittlerweile haben die Deutschen dazugelernt. Die Jugendministerien der Länder gründeten im vergangenen Oktober »jugendschutz.net«, eine zentrale Stelle, die zumindest die deutschen Angebote des Internets jugendfrei machen soll - gemeinsam mit den Anbietern von Pornographie.

Seit Ende Januar läuft jede Nacht in den Wiesbadener Büroräumen von »jugendschutz.net« ein sogenannter Crawler, ein eigens entwickeltes Programm, das selbständig nach anstößigen Begriffen, Bildern und anderen jugendgefährdenden Inhalten fahndet. Die Suchmaschine liefert bis zum Morgen 20 bis 30 verdächtige Adressen.

Wenn der Anbieter oder sein Rechner in Deutschland lokalisiert werden kann, werden die Jugendschützer aktiv. Das Angebot darf fortan nur noch Erwachsenen zugänglich gemacht werden, gegen einen entsprechenden Altersnachweis.

Eine praktikable Methode haben die Jugendschützer freilich nicht anzubieten. Sie schlagen die Einrichtung von »geschlossenen Benutzergruppen« vor: Wer Pornographie sehen will, muß eine Kopie seines Personalausweises und seiner Kreditkarte per Post an den Anbieter schicken. »Das ist weltfremd«, urteilt der Düsseldorfer Internet-Anwalt Tobias H. Strömer. Internet-Kunden wollten anonym bleiben und auch nicht tagelang warten, bevor ihr Zugang freigeschaltet wird.

Dennoch scheint das Konzept der Jugendschützer aufzugehen: »Meistens reagieren die Anbieter sofort und verändern ihre Seite«, sagt Petra Müller, die Beauftragte für »jugendschutz.net«. Denn wenn der Staatsanwalt erst mal eingeschaltet ist, das hat sich in der Szene herumgesprochen, bedeutet das in der Regel die Beschlagnahme der teuren Ausrüstung.

Auch Obervoyeur Igor hat reagiert: Verantwortlich für seine Seiten zeichnet nun er selbst und nicht mehr einer seiner deutschen Mitarbeiter, sein Münchner Rechner steht mittlerweile jenseits der Grenze. Auch die Werbung auf seiner Seite hat er etwas weniger pornographisch gestaltet. Aufgeben aber mag er sein Angebot nicht, schließlich macht das Voyeurweb durch Werbeeinnahmen einen monatlichen Umsatz von knapp 150 000 Dollar.

Und um ganz sicherzugehen, installierte Igor ein Programm, das Deutschland schlichtweg vom freien Zugriff aufs Voyeurweb abknipsen soll - eine Premiere im Internet. Das Skript erkennt Surfer aus Deutschland und verweigert ihnen den Zugriff. Ehe er sich abmeldete, wünschte Igor noch mal »unseren deutschen Besuchern alles Gute - es war schön, euch hier gehabt zu haben«.

Wie wirksam die Blockadetechnik ist, wird sich zeigen. Igor ahnt, daß die Sperre von pfiffigen Nutzern schon bald umgangen wird: »Jeder 14jährige kennt sich im Netz besser aus als ein deutscher Beamter.«

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