Freigelassene Guantanamo-Häftlinge Ende eines Alptraums
London - Keine Anklage, keine weiteren Ermittlungen, nichts. Seit der vergangenen Nacht sind alle fünf Männer auf freiem Fuß. Nach längeren Verhören konnten vier Männer die Polizeistation in London verlassen. Gegen sie liege nichts vor, hieß es. Der fünfte Ex-Häftling war schon am Dienstagabend - direkt nach der Ankunft der Gruppe in London - freigelassen worden.
Selbst diese eintägige Haft und die Verhöre direkt nach der Rückkehr der Männer aus Kuba seien nur eine Inszenierung für die US-Behörden gewesen, hieß es. Denn alle waren bereits mehrfach in Guantanamo sowohl vom britischen MI5 als auch von US-Beamten vernommen worden.
Die Männer hatten zwei Jahre im berüchtigten Gefängnis-Camp im US-Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba verbracht. Sie waren wegen Verdachts auf Verwicklung in Terrorakte inhaftiert worden, hatten aber stets ihre Unschuld beteuert.
Wo die Männer sich derzeit aufhalten ist unklar. Noch keiner von ihnen hat sich öffentlich gezeigt oder mit der Presse gesprochen. Ihre Anwälte und Familien verhandeln über Exklusiv-Stories, für die derzeit angeblich Summen von bis zu 300.000 Pfund (440.000 Euro) geboten werden.
Drei der Männer stammen aus dem kleinen Ort Tipton in den West Midlands, rund 200 Kilometer nordwestlich von London. Shafiq Rasul, 26, Rhuhel Ahmed und Asif Iqbal, beide 22 Jahre alt. Alle drei kommen aus der gleichen Siedlung. An den Türen der Reihenhäuser, wo ihre Familien noch wohnen, hängen Zettel, die die Presse fernhalten sollen: "Klingeln Sie nicht. Wir geben keine Interviews."
Riasoth Ahmed, Vater von Rhuhel, trat vor der Freilassung seines Sohnes dann aber doch vor die Tür, um zu den versammelten Journalisten zu sprechen. "Seit 18 Monaten sage ich immer wieder: Mein Sohn ist kein Terrorist. Glauben Sie, meiner Familie geht es gut? Meine Frau hat 18 Monate lang geweint und ich bin wütend."
Die Stimmung in dem Ort sei geteilt, berichtet eine BBC-Reporterin, und die Rückkehr der Freigelassenen in die Heimat damit schwer. Die eine Fraktion ist sicher, dass die drei Jungs völlig unschuldig in schlimmen Schlamassel gerutscht sind. Die andere Fraktion denkt, dass es schon einen Grund geben wird, warum die Männer zwei Jahre in Haft waren.
Heute, am Tag nach ihrer Freilassung, haben sich alle fünf Männer an unbekannten Orten mit ihren Familien getroffen. Ein Moment, den die Angehörigen seit zwei Jahren herbeigesehnt haben, den sie aber auch gefürchtet haben. Die Schwester von Jamal Udeen aus Manchester, Maxine Fiddler, erklärte vor dem Treffen, sie sei völlig aufgeregt.
Der 35-Jährige war bereits am Dienstag als erster der fünf Männer auf freien Fuß gesetzt worden. Seit mehr als einem Jahr hatte seine Familie keinen Brief mehr von ihm bekommen. "Vielleicht will er gar nicht mit uns reden," befürchtete seine Schwester. "Vielleicht will er lieber allein bleiben. Wer kann sich schon vorstellen, zwei Jahre eingesperrt zu sein. Er ist ja nur noch an seine eigene Gesellschaft gewöhnt."
Jamal Udeens Anwalt Robert Lizar hatte sich bereits gestern an die Öffentlichkeit gewandt. Sein Mandant verlange eine Reaktion der US-Regierung für die Ungerechtigkeit, die er erleiden musste. Der britischen Regierung werfe er Komplizenschaft vor, weil sie seine Haft so lange habe andauern lassen. Von beiden verlange er eine Entschuldigung. Zudem wolle er vor US-Gerichten eine Entschädigung erstreiten. Körperlich gehe es Udeens nach der langen Haft nicht sehr gut und mental sei er derzeit labil.
Besonders schlecht scheint es dem fünften freigelassenen Mann zu gehen, Tarek Dergul. Dem 26-jährigen Londoner soll ein Arm amputiert worden sein, zudem soll er wegen schwerer Erfrierungen an den Füßen große Probleme beim Gehen haben.
Laut seiner Familie soll Dergul bei einem Rucksack-Trip durch Afghanistan erst von den Taliban gekidnappt und in die Felsenfestung Tora Bora verschleppt worden sein. Dort wurde er als Terrorverdächtiger von den Amerikanern aufgegriffen.
Die drei jungen Männer aus Tipton hatten sich jeweils zu einer Reise nach Pakistan bei ihren Familien verabschiedet. Der eine, Rasul, wollte einen Computer-Kurs machen, Iqbal wollte seine zukünftige Braut dort treffen und sein Freund Ahmed wollte ihm bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen. Den USA zufolge wurden alle drei in Afghanistan aufgegriffen.
Nach den Freilassungen sind noch vier weitere Briten in Guantanamo - nach wie vor abgeschnitten von anwaltlicher Vertretung. Für ihre Familien sind diese Tage besonders bitter. Azmat Begg, Vater von Moazzam Begg, der ebenfalls seit zwei Jahren in Guantanamo sitzt, sagte, er freue sich für die Freigelassenen, aber es frustriere ihn auch sehr. Sein Sohn sei verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Das lange Warten mache ihn fertig. "Wenn mein Sohn vor Gericht soll, dann lasst ihn auch vor Gericht."