Freisinger Blutbad Zwischen den Todes-Schüssen eine kalte Coca-Cola
Freising - Als der 22-jährige Adam L. gegen 9 Uhr am Dienstagmorgen mit einem Bundeswehrtarnanzug und einem Rucksack den Schulhof der Wirtschaftsschule im bayerischen Freising betrat, ahnte noch niemand etwas Böses. Der ehemalige Schüler habe sich sogar noch kurz mit einigen Bekannten von damals unterhalten, berichteten Schüler der Münchner "Abendzeitung". Danach zog er sich am Getränkeautomaten eine kalte Dose Coca-Cola und trank sie aus.
Was die Schüler, die ihn beobachteten, zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Kurz zuvor hatte Adam L. im nahe gelegenen Eching zwei ehemalige Arbeitskollegen erschossen. In seiner ehemaligen Schule sollte der Amoklauf seine Vollendung finden, denn Adam L. hatte offenbar noch ein weiteres Opfer im Visier: seinen ehemaligen EDV-Lehrer Herbert L., der ihn zwei Jahre zuvor in der Klasse hatte.
Der Amoklauf hat Bayern und ganz Deutschland schockiert. Warum, so fragen sich ehemalige Mitschüler, Arbeitskollegen und die Polizeifahnder, hat der 22-Jährige die blutige Tat begangen? Wie konnte er an die nötigen Waffen kommen, die er bei sich trug? Und: Wie entsteht so viel Hass? Bisher haben die Ermittler das Puzzle noch nicht komplett zusammen. Immer mehr spricht für eine Tat aus Rache an Menschen, die Andreas L. seiner Meinung nach ungerecht behandelt haben. Endgültig geklärt werden die Fragen wohl nie, denn nach seinem Amoklauf fanden Polizisten Adam L. tot in der Freisinger Schule.
Mit dem Taxi zum Tatort
Die Tat muss Adam L. genau geplant haben, denn er ging eiskalt vor. In seinem Rucksack hatte der junge Mann eine großkalibrige Pistole und mehrere - offenbar selbstgebaute - Sprengsätze. Zudem trug er den Bundeswehrtarnanzug, den er schon bei Straftaten in der Vergangenheit benutzt hatte. Mit einem Taxi fuhr er zu seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Dekorationsfirma Deco-Pack in Eching. Da ihn die Mitarbeiter noch kannten, gelangte er problemlos ins Firmengebäude. Kurz darauf eröffnete er das Feuer auf seinen ehemaligen Chef Hans W. und den Vorarbeiter Hans M., die durch die Schüsse getötet wurden.
Dem Taxifahrer hatte Adam L. offenbar Anweisung gegeben zu warten. Denn nur wenige Minuten nach den tödlichen Schüssen auf seine ehemaligen Chefs fuhr er mit demselben Wagen ins nahe gelege Freising, wo er vor zwei Jahre zur Wirtschaftsschule gegangen war.
Nachdem er die Cola auf dem Schulhof getrunken hatte, stürzte er zum Sekretariat und wollte seinen ehemaligen EDV-Lehrer Herbert L. erschießen. Da dieser wegen Krankheit fehlte, ging er auf den Schulleiter Klaus C. los und zündete eine der Rohrbomben aus seinem Rucksack. Der 52-jährige Schulleiter starb noch am Tatort.
Rache für die Kündigung
Anschließend begann eine lange Phase der Ungewissheit und der Angst. Niemand wusste, wo sich der Amokläufer versteckte, und ob er noch weitere Menschen töten wollte. Die Polizei räumte das Gebäude und riegelte die Umgebung ab. Panzer des Bundesgrenzschutzes (BGS) fuhren auf, und Schüler und Lehrer wurden bewacht von Polizisten vom Schulgelände geführt. Über 300 Beamte, teils schwer bewaffnet, bildeten Schutzketten.
Schließlich fanden Spezialkräfte des Sondereinsatzkommandos (SEK) am frühen Nachmittag den jungen Mann tot im Flur des ersten Stocks, direkt vor einem Klassenzimmer in einer großen Blutlache. Nach ersten Angaben hatte er sich selbst mit einer Rohrbombe in die Luft gesprengt. Die Bergung der Leiche war schwierig, denn die Fahnder vermuteten im Rucksack des Täters weitere Waffen oder Sprengsätze. Erst ein Sprengkommando konnte die Leiche schließlich aus der Schule holen.
Das Motiv des Täters scheint persönliche Rache gewesen zu sein. In der Wirtschaftsschule hatte er große Probleme. Wie die "Abendzeitung" recherchierte, war er in der achten Klasse einmal sitzen geblieben und hatte dafür gegenüber Schülern den EDV-Lehrer Herbert L. verantwortlich gemacht. Der warf ihn wegen seiner schlechten Leistungen schließlich von der Schule. Vor anderthalb Jahren dann hatte Adam L. bei der Firma Deco-Pack einen Job bekommen. Doch auch hier gab es Ärger, denn die Chefs mahnten den jungen Mitarbeiter wegen Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit mehrmals ab. Schließlich kam im November vergangenen Jahres die Kündigung.
Woher kamen die Waffen?
Für die Polizei zwei klare Motive für den Amoklauf. "Alles sieht nach einem Rachefeldzug an seinen vermeintlichen Feinden aus", sagte ein Ermittler. Ein zuerst angenommenes rechtsradikales Motiv schließt die Polizei mittlerweile aus. Die Spekulationen waren aufgekommen, da ehemalige Mitschüler erzählt hatten, dass Adam L. früher Springerstiefel getragen hatte. Auf Grund der neuen Erkenntnisse über die berufliche Vergangenheit aber ließen die Ermittler die Spur fallen.
Die wichtigste Frage bleibt aber zunächst, woher Adam L. die Waffen für den Amoklauf hatte, und warum er so gut mit der großkalibrigen Pistole umgehen konnte. Polizeilich war der junge Mann in den Wochen zuvor bereits durch einen bewaffneten Raubüberfall aufgefallen, außerdem lief gegen ihn ein Verfahren wegen Betrugs. "Das allein reicht aber noch nicht für einen solchen Amoklauf", sagte er erfahrener Ermittler, "so etwas lernt man nicht aus einem Film oder aus der Zeitung". Die Ermittlungen dauern somit an.
In der Schule herrschte nach dem Anschlag Trauer und Ratlosigkeit. Niemand hatte dem ehemaligen Mitschüler Adam L. eine solche Tat zugetraut. Ein Schüler: "Er sah ganz normal aus."
Matthias Gebauer