Friede, Freude, Himmelfahrt
So schnell kann das gehen: Gerade eben haben sie noch übers große Ganze diskutiert, über Gott und die Heiligen Schriften. Und jetzt, keine zehn Minuten später, sind sie schon beim Ladenschlussgesetz. Warum dürfen Muslime ihr Geschäft nicht am Freitag schließen und dafür sonntags öffnen? Und die Juden entsprechend am Samstag dichtmachen? Das wäre doch 'ne prima Idee, da sind sich alle einig.
So viel Gemeinsamkeit stimmt friedlich, die Lust am Streit vergeht. Schließlich heißt die Veranstaltung auch »Dialog der Religionen«, und wer ein Streitgespräch erwartet, hätte woanders hingehen sollen.
Auf Einladung des Kölner Verlegers Alfred Neven DuMont sitzen sie beisammen: ein katholischer Bischof, ein jüdischer Professor, ein Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und ein ehemaliger Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Alle sind furchtbar bemüht, Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren, alle sind froh, dass sie hier zusammengefunden haben.
Jetzt müssten sie, abgesehen vom Ladenschluss, nur noch ein Thema haben, über das sie reden könnten.
Die Täter vom 11. September waren Muslime, aber bevor jemand auf die Idee kommen könnte, den Islam dafür gesamtschuldnerisch haften zu lassen, hat Nadeem Elyas, der Muslim, schon das Gegenargument parat: Die Terroristen hätten ein unislamisches Leben geführt, Alkohol getrunken und sich Prostituierte aufs Zimmer bestellt. Außerdem verbiete der Islam das Töten. Wer etwas anderes sage, missbrauche den Islam.
Das ist ein schönes Stichwort für den katholischen Bischof Heinrich Mussinghoff. Er zitiert die Bergpredigt: »Selig sind die Friedfertigen«, womit klar ist, dass auch das Christentum nichts dafür kann, wenn in seinem Namen getötet wird. Klaus Engelhardt, der Ex-EKD-Ratsvorsitzende, sieht bei keiner der monotheistischen Religionen eine Tendenz zur Gewalt, allenfalls eine »Versuchlichkeit«. Das soll wohl bedeuten, dass im Eifer des Glaubens eine Religion durchaus missbraucht werden kann.
Bleibt noch Julius H. Schoeps, der jüdische Professor. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben - das Alte Testament, so sagt er, fordere gar nicht zur Gewalt auf, sondern beschreibe nur das Wesen der Gerichtsbarkeit. Könne man natürlich auch missbrauchen.
Etwa 300 Zuhörer sind gekommen, weit mehr als erwartet. Dankbar beklatschen sie jede Aufforderung zur Toleranz, zum Miteinander und zum Dialog. Und weil gleich drei Religionen am Tisch sitzen, nennen sie es sogar einen Trialog.
Nur: Die Veranstaltung ist gar kein Gespräch der Religionen, sondern eines der Kirchen und ihrer Würdenträger.
So sitzen sie da wie die Abteilungsleiter in Gottes Welt-Company beim Krisengespräch. Der Laden läuft schlecht, aber keiner trägt die Schuld. Jedenfalls die eigene Abteilung nicht. Und als der Muslim sagt, es gebe auch in Thora und Bibel üble Stellen, schieben sie gemeinsam das Problem auf den Kunden, der mit ihren wunderbaren Produkten falsch umgeht. Nach 20 Minuten ist alles gesagt.
Irgendwann fällt auch der unvermeidbare Satz »Wir glauben alle an denselben Gott.« Friede, Freude, Himmelfahrt. Wirkliche Abteilungsleiter würden jetzt ein Bier trinken gehen.
Die Diskutanten aber müssen bleiben, der Dia-Trialog ist auf zwei Stunden angesetzt. Jetzt sind die Zuhörer an der Reihe. Und die, so scheint es, wollen eine Info-Veranstaltung über den Islam: »Welche Rechte haben Christen in islamischen Ländern?«, fragt einer. »Sieht schlecht aus«, antwortet Elyas. Das liegt aber - natürlich - nicht am Islam, sondern an den absolutistischen Herrschern. Der Islam, sagt er, sei sehr tolerant.
Und als der Jude Schoeps vorschlägt, man könne ja, um sich noch besser zu verstehen, eine interreligiöse Akademie gründen, auf der sich der Dialog noch weiter vertiefen lasse, gibt es erst Beifall und dann zaghaften Widerspruch. Nicht die Eliten, sondern die einfachen Menschen müssten aufeinander zugehen, sagt eine Frau. Sie zum Beispiel wisse gar nicht, wie sie das anfangen könne.
In seiner Abteilung, in seiner Kirche, berichtet der Aachener Bischof Mussinghoff, würden sich muslimische und christliche Frauen regelmäßig treffen, zum gemeinsamen Nähen zum Beispiel.
Elyas, der Muslim, stellt seine Aktion »Lade Deinen Nachbarn ein« vor. Der muss natürlich eine andere Religion haben. »Aber dann muss ich ja wissen, was die essen und was die nicht essen«, flüstert daraufhin eine Frau im Publikum. Aber sie traut sich nicht, nach Muslim-tauglichen Rezepten zu fragen.
Es fragt auch niemand, was passiert, wenn man den Nachbarn kennen gelernt hat, aber nicht mit ihm zurechtkommt. Oder umgekehrt. Die Religionen haben Kulturen hervorgebracht, die sich in vielem widersprechen. Sie alle glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Letzte Wahrheiten, das liegt in der Natur der Sache, vertragen wenig Toleranz.
Zum Schluss sagt der Protestant Engelhardt noch etwas Kluges, etwas, das mit dem Leben außerhalb von Diskussionssälen zu tun hat: »Wir reden hier immer vom Dialog«, sagt er, »aber lohnend wird es erst dann, wenn wir uns gegenseitig zumuten, auch das Fremde zu benennen.« Auf Deutsch heißt das: Er will sich beim nächsten Mal lieber streiten. ANSBERT KNEIP