Friedensreise: Der Plüschbär musste draußen bleiben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Friedensreise Der Plüschbär musste draußen bleiben

Bagdad ist zum Tummelplatz für Friedensbewegte aus aller Welt geworden. Unter ihnen auch eine Gruppe aus Weyhe bei Bremen - dem Ort, wo die Vorfahren Donald Rumsfelds her stammen. Sie wollten Hilfsmittel in Krankenhäuser und Kinderheime bringen. Eine Operation mit Hindernissen.
Von Holger Kulick
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bagdad - Ursula W. wagte zu Hause nicht zu sagen, wohin sie reist. Die Biologin aus Weyhe bei Bremen ist mit einem ehemaligen Phantom-Piloten der Bundeswehr verheiratet, der, so sagt sie, am liebsten freiwillig Bomben über dem Irak abwerfen würde.

So verabschiedete sich die zweifache Mutter vor zwei Woche von ihrer Familie mit der Begründung, sie nehme an einer harmlosen "humanitären Aktion" teil. Was sie nicht sagte: Diese Aktion fand im Reich von Saddam Hussein statt.

Mit Ursula W. flogen 31 weitere Deutsche nach Bagdad, die meisten davon Mitglieder einer Friedensmahnwache, die seit über einem Jahr jeden Samstag auf dem Marktplatz von Weyhe, einem kleinen Ort nahe Bremen, gegen Kriege demonstrieren.

Kopf der Delegation war ein Deutsch-Ägypter, Sabry Ibrahim, SPD-Abgeordneter im lokalen Gemeindeparlament. Vor den Karren einer Diktatur spannen lassen, wollte er sich nicht, "sondern Hilfsmittel wie Medikamente, Schreibwaren, Spielzeug zu den Menschen karren, die unter Krieg und Diktatur leiden", nahm er er sich vor. Der Hintergrund: die medizinische Versorgung im Irak ist seit dem Uno-Embargo erheblich eingeschränkt. Viele Medikamente dürfen seit über einem Jahrzehnt nicht mehr importiert oder im Irak hergestellt werden, weil sie Substanzen enthalten, die biowaffenfähig sein könnten.

Da überdies das Trinkwasser unrein ist, immer krassere Armut und Unterernährung herrschen und immer weniger qualifizierte Ärzte zur Verfügung stehen, stieg die Sterblichkeitsrate seit dem Golf-Krieg von 1991 rapide. Deshalb sammelte die Gruppe 750 Kilogramm Medikamente von deutschen Ärzten und Apothekern - und erlebte schon in Frankfurt ersten Frust. Die deutschen Zollbehörden wiesen eine Reihe Medikamente zurück, die angeblich unter das Embargo fielen. Die übrigen Pakete schickten die Behörden der Gruppe mit Verspätung hinterher - nun wurden sie dort vom irakischen Zoll blockiert.

Keine Feindbilder bei den Menschen

Abgesehen von diesen Anfangsschwierigkeiten wurde die Gruppe überraschend freundlich in der irakischen Hauptstadt empfangen. Kein fundamentalistischer Ton war zu vernehmen, die Menschen begegneten ihnen offen und herzlich und lobten das Friedensengagement der Deutschen und ihrer Regierung ("Schroetter gutt"). Über irakische Innenpolitik zu reden, lehnten viele Gesprächspartner jedoch ab, dies bringe nur Ärger ein.

Fast hätte man vergessen können, dass man sich in einer brutalen Diktatur bewegt, wäre es nicht gelegentlich auch zu unschönen Zwischenfällen gekommen. Etwa, als eines Nachts auf einer Brücke zwei Soldaten ihre Maschinenpistolen zogen, weil sie die deutschen Spaziergänger für Spione hielten. Ein anderes Mal wurde das Militär nervös, als ein Teilnehmer aus der deutschen Gruppe mit seiner Filmausrüstung einem Wohnhaus zu nahe kam, in dem Mitgliedern der regierenden Baath-Partei lebten.

Auch den staatlichen Betreuern der Gruppe missfiel der Unternehmungsgeist der Deutschen immer mehr. Laut beschwerten sie sich, wenn sie erfuhren, dass einige auf eigene Faust die Stadt eroberten. Und so verdoppelte sich allmählich die Anzahl der "offiziellen Betreuer", insbesondere, als die Gruppe in die verarmte Stadt Basra im Süden aufbrach, um dort ein Kinderkrankenhaus mit den Medikamentenspenden zu beschenken.

Doch kaum waren dort alle Pakete ausgepackt, mussten sie schon wieder eingesammelt werden. Direkte Medikamentenspenden seien verboten, teilten die entsetzten Betreuer der Gruppe mit, erst müsse angeblich das Gesundheitsministerium "alles prüfen". Resolut verhinderte der Leiter der Gruppe, Sabry Ibrahim, zumindest den Rücktransport und entdeckte auf der anderen Straßenseite eine überfüllte Krankenstation des Roten Halbmonds, dem Roten Kreuz des Irak. Dort lud er ohne Widerworte die Pakete aus - zur großen Freude der nichtstaatlichen Hilfsorganisation. Aber ein weiteres Geschenkverbot verblüffte dann doch.

Harmlose mitgebrachte Plüschtiere durften die Bremer nicht in ein Waisenhaus mitbringen. Der staatliche Nachwuchs sollte offensichtlich nicht verwestlicht werden. Denn Kinderbilder an den Wänden verrieten, warum: In dem Heim herrscht offensichtlich eine starke Ideologisierung der Kinder vor. Saddam Hussein wurde als Herr der Waffen gepriesen und die USA als jüdische Schlange gezeichnet. Ihr Kopf wird in der Kinderdarstellung stolz mit einem irakischen Schwert abgeschlagen.

Verstimmung auf beiden Seiten

Nun war die Verunsicherung groß - auf beiden Seiten. Die Deutschen waren sauer, weil sie nichts verschenken durften, um ganz praktisch Not zu lindern. Und die staatlichen Aufpasser beklagten sich beim Streitgespräch im Bus, dass die Deutschen den Staat mit ihren Gaben hintergehen wollten.

Sie hätten ihre Medikamentenkoffer unerlaubt nach Basra mitgebracht und damit gegen die Gastfreundschaft verstoßen. Schließlich sorge die halbstaatliche "Organisation für Freundschaft, Frieden und Solidarität des Irak" für ihre Unterbringung, Verpflegung und Betreuung. Da erst ahnten die Weyher: Saßen sie ungewollt mit im staatlichen Boot?

Diese staatliche Umarmung ließ sich allerdings auch produktiv nutzen, kombinierte die Weyher Gruppe. Zu ihrem Glück wurden sie als Dank für ihren Friedenseifer völlig überraschend vom stellvertretenden Ministerpräsident Tarik Asis zur Audienz geladen. Der Machtpolitiker referierte zunächst antiamerikanische Polemik. Doch dann ärgerten ihn seine Gäste mit unbotmäßigen Fragen.

Warum denn die Behörden direkte Hilfsmaßnahmen für Iraks Bürger so erschweren würden, wollten die Besucher wissen. Und stellten ein Ultimatum. Noch vor dem Verlassen dieses Hauses verlangten sie die Freigabe von den noch immer auf dem Flughafen von Bagdad festgehaltenen 400 Kilogramm Medikamentenspenden, die sich das staatliche Gesundheitsministerium unter den Nagel reißen wollte.

Zunächst war nur ein Verlegenheitslachen die Folge. Aber dann setzten sich die mutigen Weyher Bürger durch. Der verblüffte Vizeregierungschef gab die Order, die Bockade der Ladung aufzuheben, damit sich der Rote Halbmond die Hilfsgüter abholen kann. Der Erfolg der Mission war wieder hergestellt, weitere Brückenbauten sollen folgen.

"Wachgerüttelt für ganz neue Aufgaben im Leben", freute sich am Ende Ursel W. aus Weyhe. Angst habe sie nun nicht mehr, nur noch vor dem Nachhausekommen. Dort warte ebenfalls eine Friedensmission auf sie - die Wiederherstellung des Hausfriedens.