Interview »Friedliche Methoden«
SPIEGEL: Frau van Baalen, Sie waren Pressesprecherin der Letzten Generation. Jetzt haben Sie eine neue Organisation mitgegründet, nachdem Sie ausgestiegen sind. Warum?
Van Baalen: Es gab damals strategische Differenzen. Gemeinsam mit einigen anderen Mitgliedern wollte ich lieber neue Methoden testen, die vielleicht langfristig besser wirken.
Stell dir vor, es ist Krieg
Die Sorgen vor einem militärischen Konflikt verändern Deutschland: Manche Menschen packen Notfallrucksäcke, andere bauen sich einen Bunker in den Keller, während die Bundesregierung viele Milliarden für die Verteidigung ausgibt. Unterwegs in einem Land, das sich den neuen Realitäten stellt.
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SPIEGEL: Besser, als Menschen durch Sitzblockaden wütend zu machen, meinen Sie?
Van Baalen: Wir wollen Menschen ein stärkeres Selbstwirksamkeitsgefühl vermitteln.
SPIEGEL: Ihre Gruppe »Guter Grund« ist die dritte aus der Konkursmasse der Letzten Generation. Es sind mehrere bekannte Mitglieder dabei. Was haben Sie vor?
Van Baalen: Wir arbeiten mit dem Konzept der »planetaren Grenzen« und konzentrieren uns zunächst auf Wassergerechtigkeit und nachhaltige Landwirtschaft. In diesen Tagen sind Hitze und Dürre ein großes Thema in den Medien, Deutschland erlebt die trockensten fünf Monate seit Aufzeichnungsbeginn. Wir wollen Wasser zur politischen Frage erheben.
SPIEGEL: Aus der Letzten Generation sind die »Neue Generation« und das »Widerstandskollektiv« hervorgegangen. Was machen Sie strategisch anders?
Van Baalen: Uns ist es wichtig, mit den Betroffenen gemeinsam zu arbeiten, nicht gegen sie. Wir gehen zum Beispiel an Orte, an denen Menschen schon jetzt von Wasserkonflikten betroffen sind, überlegen gemeinsam, was ihnen helfen würde, und vernetzen sie mit anderen Projekten.
SPIEGEL: Wie sieht das konkret aus?
Van Baalen: Aktuell sind wir zum Beispiel im fränkischen Treuchtlingen aktiv. Dort pumpt Aldi Nord kostenlos Grundwasser ab, obwohl die Region bereits von Trockenheit betroffen ist. Dagegen wehrt sich schon seit Langem eine lokale Gruppe. Wir unterstützen diese Initiative zum Beispiel durch Haustürgespräche.
SPIEGEL: Sie klingeln an Haustüren?
Van Baalen: Ja, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort. Unser Ziel ist es, alle Menschen dort zu erreichen. Treuchtlingen ist aber nur ein Beispiel für ein Problem, das vielerorts in Deutschland existiert.
SPIEGEL: Sie organisieren auch sogenannte Hofeinsätze auf Bauernhöfen. Warum das?
Van Baalen: Menschen bekommen so die Möglichkeit, in landwirtschaftlichen Betrieben mitzuhelfen und dabei etwas über die Folgen von Dürre und über Gegenstrategien zu lernen. So wollen wir konstruktive Ansätze in der Landwirtschaft stärken und das gegenseitige Verständnis wachsen lassen.
SPIEGEL: Wie viel Interesse gibt es dafür unter Landwirten?
Van Baalen: Sehr viel Interesse! Es sind schon Bauern von sich aus auf uns zugekommen. Das liegt sicher auch daran, dass Landwirtschaft und Umweltschutz bisher gegeneinander ausgespielt wurden.
SPIEGEL: Das klingt alles eher nach lokalem Engagement, nicht nach einer Bewegung, die bundesweit Einfluss nimmt.
Van Baalen: Der langfristige Plan ist, verschiedene Wasserinitiativen zu verbinden und Kräfte zu bündeln. So kann ausgehend von diesen Kristallisationsorten eine ganz neue Bewegung zum Thema Wassergerechtigkeit, auch in Supermärkten wie Aldi, entstehen.
SPIEGEL: Die Letzte Generation war bekannt für zivilen Ungehorsam. Werden Sie sich an das Gesetz halten?
Van Baalen: Wir werden vieles anders machen als früher, aber wir wollen dabei trotzdem schauen, wo wir verschiedene friedliche Methoden sinnvoll einsetzen können. Unser Anliegen ist es, ein neues Kapitel zum Thema Wasser aufzuschlagen.