Fromme Maske - DER SPIEGEL
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Pfarrer Fromme Maske

In einem Therapiezentrum der katholischen Kirche werden die Seelennöte von Geistlichen behandelt.
• aus DER SPIEGEL 15/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine schlanke Frau mit dunklen Locken unterm Ordensschleier steht sichtlich verärgert zwischen Spülbecken und Herd. »Wo ist Pfarrer Weiser?« Zum drittenmal schon kommt der katholische Priester zu spät zum gemeinschaftlichen Abwasch. »Das geht nicht, daß Sie sich immer drücken«, hält Ordensfrau Julietta Götz, 57, dem Geistlichen vor.

»Aber«, setzt der Priester zu einer Ausrede an und verfällt in salbungsvollen Predigtton, »wir wollen im Herzen doch gut miteinander sein.« Damit kommt er bei Schwester Julietta nicht durch: »Lassen Sie Ihr frommes Mäntelchen«, sagt die Ordensfrau. »Ihr Platz ist hier am Spülbottich.« _(* Namen der Therapieteilnehmer von der ) _(Redaktion geändert. )

Unvermittelt ist Pfarrer Weiser*, 34, nach Jahren zwischen Altar und Beichtstuhl wieder in der realen Welt gelandet. Und da soll er auch eine Weile bleiben.

Drei Monate lang übt er mit 17 anderen Priestern und Ordensfrauen in einer Art Crash-Kurs das wahre Leben. Kleider selbst waschen, Kragen bügeln, Essen auftragen und Geschirr spülen. Der Geistliche aus Südbayern ist Teilnehmer einer einzigartigen Therapie, bei der Priester mit Hilfe von Psychologen versuchen, die Seelennöte ihrer geistlichen Kollegen zu kurieren.

Geradezu revolutionär in der katholischen Kirche ist dazu die Erkenntnis der Psychologen, daß auch »die Brüder und Schwestern im Herrn« einen Körper haben und den nicht nur als sündhaftes Anhängsel verstehen. Bei der Therapie im Recollectio-Haus unter dem Dach der fränkischen Abtei Münsterschwarzach dürfen Kirchenleute über Lust und unterdrückte Sexualität, die Sehnsucht nach Nähe und den Überdruß an Nächstenliebe sprechen.

Allein die Existenz dieser Einrichtung macht offenkundig, daß aus dem Dienst der Kirche nicht nur Heilige kommen, sondern auch Süchtige, Ausgebrannte und seelische Krüppel. 7 der 27 deutschen Bistümer haben sich an dem Therapiezentrum bei Würzburg beteiligt, das seit April 1991 arbeitet.

Das Haus gilt Seelsorgern, die an sich und ihrem Auftrag zweifeln, als letzte Zuflucht - entsprechend ist der Andrang. Depressive, verzweifelte Nonnen suchen hier ihr Heil, ausgepumpte, zwischen Selbstaufopferung und persönlichen Bedürfnissen schwankende Pfarrer. Sechs bis zwölf Monate müssen sie auf einen Therapieplatz warten.

Oft tritt Wunibald Müller, 44, Psychotherapeut und Leiter des Hauses, im Gespräch »innerlich einen Schritt zurück«. Sonst hielte er die seelische Kälte, die von manchem ausgeht, nicht aus. Da rechnen Pfarrer verstorbene Gemeindemitglieder zu »80 Leichen im Jahr« zusammen. Andere spielen mit dem Gedanken, ihre schwangere Freundin sitzenzulassen. Bei vielen ist die auferlegte Nächstenliebe in Aggression umgeschlagen - dann drückt ihnen Schwester Julietta, die für die sogenannte Leibarbeit zuständig ist, ein Stück Holz in die Hand und schickt sie in den Wald, wo sie auf Baumstümpfe einschlagen: »Die kommen oft mit Blasen an den Händen zurück.«

Viele der Schützlinge stecken seit Jahrzehnten seelisch quasi im Tiefkühlfach und müssen langsam aufgetaut werden - ein mühsamer Prozeß.

Schwester Carla, 44, eine strenge Ordensfrau, die unter Depressionen leidet, sollte plötzlich nach afrikanischer Trommelmusik stampfen, das Becken kreisen lassen wie eine Tempeltänzerin und Urschreie ausstoßen - und das mitten in der Kapelle, vor dem heiligen Tabernakel. »Die Frau stand da, steif und starr, mit hochgezogenen Schultern«, berichtet Schwester Julietta, die, ohne Schleier und im Trainingsanzug, die Lockerungsübungen leitet.

Nach drei Wochen gelang es ihr, die Barriere zu durchbrechen. Bei leiser Sphärenmusik in der Klosterkapelle, erzählt die Therapeutin, habe sie Schwester Carla den Rücken gestreichelt, behutsam den Nacken massiert. Plötzlich seien Tränen über das Gesicht der Nonne geströmt. 25 Jahre lang hatte sie kein Mensch mehr derart berührt. »Da heulen auch gestandene Pfarrer Rotz und Wasser«, sagt Schwester Julietta.

Häufig brechen bei der Intensiv-Therapie in Münsterschwarzach verdrängte Erlebnisse hervor: Jede fünfte Ordensfrau, so die Erkenntnis der Psychologen, sei in ihrer Kindheit mißbraucht worden und deswegen ins Klosterleben geflüchtet.

Das Leben im Korsett der Verbote, ständig beaufsichtigt und bevormundet, läßt die Neurosen blühen. »Wir rennen«, sagt Pfarrer Frank Folkert, 59, einer der Teilnehmer, »ständig mit einer frommen Maske rum.«

Sich niemals verweigern, immer dienstbereit, sich um jede Kleinigkeit in der Gemeinde kümmern - das zehrt an der Kraft der Geistlichen. »Wie eine Mutter, die glaubt, sie muß ihrem 20jährigen Bubi noch das Essen umrühren«, habe er sich in seiner Pfarrei oft benommen, urteilt Folkert im Rückblick selbstkritisch. Mittlerweile weiß der Pfarrer: »Ein Nein kann lebenserhaltend sein.« Er will sich wieder die Zeit für eine Tarockpartie mit Freunden nehmen, für ein Schwätzchen, das nichts mit Seelsorge zu tun hat.

Sein junger Kollege Weiser hat diesen Punkt noch nicht erreicht. In seinem Bücherregal stapeln sich Kassetten über kirchliches Management. »Ich habe mich um Perfektion in meiner Gemeinde bemüht«, sagt er mit einem Anflug von Bitterkeit, »aber das zählte nicht.«

Nun soll er lernen, menschliche Schwächen zu akzeptieren. Sonst fürchtet Pfarrer Folkert, könnte es dem Kollegen ergehen wie ihm: »Man wird zur Maschine. Am Schluß steht nur noch der Talar am Altar.«

Häufig kann die Hilfe der Psychologen und Geistlichen vom Recollectio-Haus nicht mehr sein als ein Herumkurieren an Symptomen - viele der seelischen Probleme sind von der Kirche hausgemacht. Das kategorische Festhalten am Zölibat und die Ächtung von Beziehungen zwischen Mann und Frau - fast jeder vierte der rund 200 Pfarrer und Ordensleute, die bisher die Therapie besucht haben, hat Schwierigkeiten mit der auferlegten Ehelosigkeit.

Therapeut Müller beobachtet Männer, die es zwischen der Liebe zur Berufung und der Liebe zu einer Frau »fast zerreißt«. »Der Zölibat ist etwas Verrücktes«, so der Vater zweier Kinder. »Er führt nicht unweigerlich zu psychischen Schäden, aber das Risiko ist größer.«

Untersuchungen in den USA belegen, daß sich nur die Hälfte aller Priester an die Vorschrift hält. Ein Fünftel lebt sogar in festen Beziehungen. Diese Zahlen, so Müller, treffen tendenziell auch für Deutschland zu. Doch das Thema wird im kirchlichen Alltag weggeheuchelt. Müller hat Pfarrer kennengelernt, die einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, daß ihre Freundin ein Kind bekommt, aber auch junge Priester, die aus Furcht vor Versuchung jeden Kontakt zu Frauen abbrechen, Verklemmte, die aus Angst vor Freundschaften in die Kirche flüchten.

»Ich wünsche jedem«, sagt Müller, »sich unsterblich zu verlieben, bevor er Priester wird.« Wenn''s not tut, dürfen das die Gäste in Münsterschwarzach nachholen. Während der dreimonatigen Aufenthalte verlieben sich auch mal Pfarrer und Ordensfrauen ineinander, oft sind daraus Freundschaften entstanden, die noch nach Jahren halten. Moralische Entrüstung müssen die Betroffenen nicht fürchten. Der Benediktinermönch und Theologe Anselm Grün, 50, der sich um das Seelenheil der Gäste kümmert: »Wir reden den Leuten kein schlechtes Gewissen ein.«

Das Therapiezentrum lehnt es strikt ab, verlängerter Arm der Bischöfe zu sein. Die Psychologen und Geistlichen empfehlen gegen Lustgefühle denn auch nicht wie früher üblich kalte Duschen und wildes Fußballspielen. Sie wollen das Problem an der Wurzel packen: Männer sollten, so Pater Anselm, nicht vor dem 30. Lebensjahr zu Priestern geweiht werden. Ein junger Mann weiß oft noch gar nicht, worauf er verzichtet. Die Betroffenen in Münsterschwarzach haben die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden. Sechs Priester haben seit 1991 ihren Beruf aufgegeben und das Leben mit Frau und Familie gewählt.

Pater Anselm trat mit 19 ins Kloster ein und kommt, so sagt er, mit seiner Lebensform und der verpflichtenden Ehelosigkeit gut zurecht. Dennoch ist er überzeugt, daß es ohne Grundsatzlösung für viele Kirchenleute keinen Seelenfrieden geben kann. Was er als Lösung betrachtet, gilt in der Amtskirche noch weithin als Ketzerei: »Wir wissen alle, daß es keine andere Möglichkeit für die Kirche gibt, als den Zölibat aufzuheben.« Y

Seit Jahrzehnten seelisch im Tiefkühlfach

* Namen der Therapieteilnehmer von der Redaktion geändert.

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