PROMINENTE Für hundert Mark
Etliche tausend Einwohner Westdeutschlands werden in nächster Zukunft durch einen auf feinem Papier gedruckten Rundbrief ausgezeichnet werden. Sollten die Empfänger bisher daran gezweifelt haben, so wird ihnen nun die Gewißheit zuteil, daß sie wahrhaft und unwiderruflich zur Prominenz der Bundesrepublik gehören.
Das Verdienst, so erhebende Gefühle zu vermitteln, nimmt ein gewisser Ludwig Meyer-Domus für sich in Anspruch, dessen schwungvoller Paraph der Brief-Schlußfloskel »Mit hochachtungsvoller Begrüßung« folgt. Im Briefkopf zeichnet Ludwig Meyer-Domus als Herausgeber eines Werkes mit dem Titel: »Die Prominenz der Bundesrepublik Deutschland im Bild«.
»Noch im Laufe dieses Jahres erscheint in den Buchhandlungen des Bundesgebiets ein umfassendes, repräsentatives Nachschlagewerk, das in alphabetischer Reihenfolge die führenden Persönlichkeiten der Bundesrepublik auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet zeigt.« So der Herausgeber an die Rundbrief-Empfänger.
Jedweder Persönlichkeit soll Platz für ein ganzseitiges Photo und eine Seite Text zur Verfügung gestellt werden: »Mehrere tausend Portraits werden zusammen mit Ihrem Bild (im Original ist »mit Ihrem Bild« unterstrichen) . . . ein populäres Informationswerk für die Öffentlichkeit, für die Presse, für alle interessierten Kreise des In- und Auslands ergeben.«
Ein Muster liegt bei: Das durchgeistigte und zugleich gütig verklärte Antlitz des Bundespräsidenten. Ein Formular - »Eilig! Nicht übertragbar!« - fordert den Prominenten auf, die üblichen Angaben zu machen. Wer will, darf auch »um Berücksichtigung folgender, mir nahestehender Persönlichkeiten in den Prominenz-Bänden« bitten.
Nicht freiwillig ist indes die Verpflichtung zur Übernahme von 100 Mark »Reproduktionskosten«; die Lieferung eines »randlosen, technisch einwandfreien Schwarzweißphotos in der Größe 18/24 Zentimeter« ist ebenfalls vorgeschrieben. Schließlich gilt es einen Passus auszufüllen: »Ich bin am Ankauf von ... Exemplaren des Bandes mit meiner Veröffentlichung und . . . Gesamtwerken interessiert.«
Wie rationell das Management dieses wichtigen Werkes arbeitet, zeigt sich aber auch daran, daß Vertrieb und Verlagsgeschäft ganz auf den unpersönlichen und deshalb zeit- und kostensparenden Schriftverkehr abgestellt sind. Wer versucht, Ludwig Meyer-Domus aufzufinden, wird vergeblich im Telephonbuch blättern. Der Briefkopf nennt zwar die Maximilianstraße 7 in München als Adresse, doch im Eingang dieses Gebäudes verweisen Tafeln und Hausbriefkästen lediglich auf Unternehmen wie »Coiffeur Alfred« oder »Olga Tschechowa - Institut de beauté« - von Ludwig Meyer-Domus keine Spur.
Tatsächlich residiert der Herausgeber in einem Zimmer bescheidener Größe der verhältnismäßig branchenfremden Firma »Maison Joséphine«. Hier werden Kreationen von Dior, Balmain, Lanvin oder Carven vertrieben, aber keineswegs Erzeugnisse der Buchdruckerkunst.
Im Nebenraum, der mancherlei Damenoberbekleidung mit Stückpreisen um 1000 Mark birgt, plätschert zart ein Springbrünnlein, während Meyer-Domus erläutert: »Einige wollen sich sogar zehn Exemplare des Werks anschaffen.« Und: »Bisher habe ich erst tausend Fragebogen verschickt, das war als eine Art Test gedacht.«
Das Ergebnis des Tests läßt Meyer -Domus wohlgefällig durch seine Finger gleiten: einen Stapel von Photos sinnender, leidenschaftlicher oder abgeklärter Physiognomien - wie sich eben bedeutende Leute gern selbst sehen. Nachdem der Test zu seiner Zufriedenheit verlaufen ist, will Ludwig Meyer-Domus jetzt rund 20 000 Prominente mit seinem Rundbrief beglücken.
Man muß schon recht in den Herausgeber eindringen, um zu erfahren, welchen Maßstab er an den Begriff »Prominenz« legt. Die Antwort wirkt schließlich leicht enttäuschend: »Nun, alle, die in den einschlägigen Büchern zu finden sind.« Für diese will Meyer-Domus sein Werk herausbringen, das je Band 500 Namen enthalten soll. Die Zahl der Bände - mindestens fünf - steht noch nicht endgültig fest, sie hängt von der Bereitwilligkeit der Umworbenen ab.
Katholische Geistliche, so hat der Herausgeber aus dem Test bereits gelernt, sind für sein Vorhaben zugänglicher als beispielsweise Kaufleute. Meyer-Domus verständnislos: »Die schreiben mitunter einfach zurück, sie hielten sich nicht für prominent genug.« Trotzdem: »Ob ich Kardinäle wie Frings oder Wendel hineinkriege, weiß ich natürlich noch nicht.«
Die Bundesregierung erscheint jedenfalls komplett, sie soll in würdiger Geschlossenheit den Band eins anführen. Meyer -Domus: »Die hundert Mark pro Person werde ich dabei wohl selbst tragen müssen. Aber sonst kommt wirklich-nur rein, wer zahlt, und wenn es ein Ministerpräsident ist.«
Obwohl solcherart belastet, beharrt der instinktbegabte Meyer-Domus darauf, das Prominentenwerk sei eine großartige Angelegenheit. Eine Auflage von 3000, so geht seine Kalkulation, werde die Investitionen abdecken. Was mehr gedruckt wird, bringe puren Gewinn. Diese 3000 gedenkt Meyer -Domus über den Buchhandel abzusetzen. Verbände, Behörden, Bibliotheken will er »durch Rundbriefe erfassen« und höchstpersönlich beliefern.
Finanziell werde er die Sache mühelos durchstehen: 2500 Prominente, die er als Minimum im Auge hat, sollen ihm mit je 100 Mark Kopfquote ein Anfangskapital von immerhin einer Viertelmillion vermitteln. Meyer-Domus verfügt zudem über eigene Gelder, die er zu investieren bereit ist. An verlegerischer Erfahrung allerdings, so gesteht Ludwig Meyer-Domus zögernd, mangle es bei ihm noch.
Daß der Name Meyer -Domus in Verlegerkreisen keinen rechten Klang hat, ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß sein Träger noch vor wenigen Jahren schlicht Meyer hieß - den Zusatz hatte ihm eines Tages »eine Gräfin« angeraten, und Ludwig Meyer zeigte sich entzückt. Eher ist für diese Unkenntnis die Tatsache entscheidend, daß der Herausgeber der »Prominenz der Bundesrepublik Deutschland im Bild« bisher hauptsächlich mit Damenbekleidung zu tun hatte. Er ist nämlich Einkäufer für »Maison Joséphine«.
Daher ist der Nachwuchs-Herausgeber, der beiläufig einfließen läßt, er habe einen italienischen Schneider, auch recht prätentiös angezogen. Curd Jürgens, der Erfinder des aufgeschlitzten Hosenbeins, würde sich neben Meyer-Domus vorkommen, als trage er bei einem Trödler gekaufte Lumpen: Die aufgeschlitzten, engen Hosenbeine des Majordomus der bundesrepublikanischen Prominenz haben drei übereinandergesetzte Knopflöcher, von
denen - und das zeigt seinen entwickelten Sinn für dezente Persönlichkeitsentfaltung - nur das unterste zugeknöpft ist. Meyer-Domus - »Ich bin am Maison Joséphine' auch ein wenig beteiligt« - weist mit Stolz darauf hin, daß er 1956, als er in die Damenoberbekleidung einstieg, davon noch keine Ahnung hatte. Heute darf er sich einen Experten für die Schöpfungen der berühmtesten Pariser Häuser nennen. Im Verlagswesen, so hofft der Anfangszwanziger zuversichtlich, wird ihm eine ähnliche Karriere glücken.
Die Voraussetzungen dazu sind in der Tat günstig. Der wohlriechende Meyer -Domus mit den Schlitzhosen, der es auf dem Gymnasium bis zur Obertertia gebracht hat, verfügt ganz offenbar über gleich viel Einfühlungsvermögen in die maskuline deutsche Psyche wie in die seiner weiblichen Klientel: Die angeschriebenen Menschen senden ihm bereitwillig Lebensläufe, Porträtphotos und Hundertmarkscheine zu, um als »führende Persönlichkeiten der Bundesrepublik« ein »vollständiges Mosaik der westdeutschen Prominenz« zu bilden.
Prominenten-Verleger Meyer-Domus: Zwei Knöpfe offen