Für immer ohne - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 112

SACHBUCH Für immer ohne

• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeder, der im Krieg sein Leben verliert, hinterlässt jemanden, der ihn geliebt hat. Als der »Stern«-Reporter Gabriel Grüner am 13. Juni 1999 im Kosovo erschossen wurde, saß seine im sechsten Monat schwangere Freundin Beatrix Gerstberger in einem Café an der Hamburger Außenalster und »deckte die Augen mit beiden Händen gegen die Sonne ab«. Sie hatte nichts geahnt in jenem Moment. Aber sie war unruhig während dieser Tage, und sie spürte die Angst bei ihrem letzten Telefongespräch mit ihm. »Ich bin so müde«, hatte Grüner noch gesagt. Auf das, was dann kam, war Gerstberger nicht gefasst. Die Trauer durchschlug ihr Dasein. Auf ihrer Suche nach Halt wollte sie von Frauen mit ähnlichem Schicksal hören, wie sie es geschafft hatten, »das Grauen und das Unfassbare« zu überleben. Knapp vier Jahre nach Grüners Tod ist daraus ein Buch geworden, in dem acht Frauen vom plötzlichen Tod ihrer Männer erzählen. Darunter zwei Amerikanerinnen, deren Männer im World Trade Center starben, eine junge Mutter, deren Mann sich beim Treppensturz das Genick brach. Darunter auch Gerstbergers eigene Geschichte; sie ist kaum zu ertragen. In knappen, klaren Sätzen bündelt sie das Entsetzen und den Verlust auf eine Weise, die den Leser erstarren lässt. Und sie schildert das Unglück, das längst nicht vorbei ist, wenn die Welt um einen herum meint, nun müsste es doch langsam mal weitergehen mit dem Leben. Gerstbergers Buch ist kein Ratgeber. Es ist ein Begleiter.

Beatrix Gerstberger: »Keine Zeit zum Abschiednehmen«. Marionvon Schröder Verlag, München; 200 Seiten; 18 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 112