Ganovenleben, voll krass - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Ganovenleben, voll krass

Wie man für Action sorgt - im Fachwerk-Ghetto von Burbach
• aus DER SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Dienstag im Oktober, halb drei Uhr nachmittags. Leif, 15 Jahre alt, erwacht aus tiefem Schlaf. Sie haben ihn mit Lederriemen ans Bett gefesselt. Die Neonröhren über seinem Kopf tanzen, der ausgepumpte Magen schmerzt, in seinen Armbeugen stecken Kanülen, Herzfrequenzmesser kleben auf seiner Brust. Mit dünner Stimme krächzt Leif: »Rambooo!« Dann dämmert er weg.

Leif aus Burbach im Siegerland, 15 000 Einwohner, liegt auf der Intensivstation im Kinderkrankenhaus Siegen. Abteilung Frühgeburten. Ein anderes Bett war nicht frei.

Das harte Leben von Burbach.

In Leifs Zimmer im Haus seiner Eltern hängt Tupac, schwarzer Gangsta-Rapper aus einem Ghetto von L. A., 13mal als Poster. Tupac Shakur, ein übler Bursche, Drogen, Knast, Ruhm. Erschossen nach dem Boxkampf Tyson gegen Seldon in seiner schwarzen BMW-Limousine auf dem »Strip« in Las Vegas. »A Thug's Life«, Ganovenleben, ist Leifs Lieblingsalbum.

In Wahrheit, sagt Leif, als er wieder raus ist aus dem Krankenhaus, geht natürlich nichts in Burbach. Abhängen vor den renovierten Häuschen in der Altstadt, schiefergedeckt bis unter die Fenster. Keine Disco, der Jugendtreff geschlossen seit drei Jahren, no action. Muss man selbst für sorgen. Burbach, Fachwerk-Ghetto, sagt Leif.

Es war an einem Montag im Oktober, Herbstferien. Carsten, 16 Jahre alt und Leifs Kumpel aus der Burbacher Hauptschule, hatte einen Typen getroffen, rote Augen, große Pupillen. Der war schon älter, 18 Jahre, habe gefaselt von Nachtschattengewächsen, einem Strauch in der Altstadt. Kauen, lutschen oder kochen - man fühle sich ganz groß.

Leifs Kumpel rupfte den Strauch leer. Aus 20 Blütenkelchen, rosa und weiß, süßlich riechend, geschwungen wie Füllhörner, kochte er reichlich Tee und goss das braune Gebräu in eine Cola-Flasche, 1,5 Liter.

Sie saßen vor dem Bürgerhaus, wo die Damenmannschaft vom Sportverein Dehnübungen machte. Carsten nippte als Erster. Er musste sich die Nase zuhalten, es stank nach süßen Bohnen und Pellkartoffeln. Leif war dran, nahm zwei lange Schlucke. Die anderen sagten: Ist korrekt unter Ghetto-Jungs, ist nichts Schlimmes, ein bisschen wie Joint und »Red Bull«. Da kommste besser drauf, kriegste super Hallus.

Dann erkannte Leif nicht mehr die Straße, er sah nur noch den Fliesenboden im Haus seiner Eltern. Ihm war, als ob er schwebe, dem Absturz ganz nah. Ihm war, als düse ein Vorschlaghammer in sein Gesicht. Er hatte Füße wie ein alter Mann, 100 Kilo schwer. Es gibt schönere Halluzinationen.

Leif lallte, seine Freundin Tina, 17, fand ihn vor dem »Tropical«, ihrer Stammkneipe. Sie telefonierte mit Leifs Eltern. Die feierten den Geburtstag von Leifs Schwester. Ein paar Minuten später waren sie da. Leifs Mutter ohrfeigte einen der Jungen, wollte wissen, was los war. Der Vater sagte: Keiner verlässt den Ort. Hilflose Eltern, die nach der Wahrheit suchen.

Leif wurde ohnmächtig. Um ihn herum standen die Burbacher. Ei, ist der Bub besoffen? Keiner half - das harte Leben von Burbach. Ein Polizist habe Carsten an eine Hauswand gedrückt. Wer war noch dabei? Carsten sagte, der Daniel ist schon nach Hause. Sie holten Daniel aus seinem Bett, er wäre nicht mehr aufgewacht.

Tina rief den Krankenwagen, der Notarzt blickte ernst. Engelstrompeten, die Bio-Droge, unberechenbar in der Dosierung, manchmal reichen dem Tod nur ein paar Blüten.

Im Krankenwagen bleibt Leifs Herz stehen.

Es war drei Uhr in der Nacht, als Leifs Schwester seiner Freundin Tina eine SMS schickte: Er hängt noch an den Apparaten. Aber er wird durchkommen. Carsten auch.

Acht Wochen später dürfen sich Leif und Carsten, die harten Jungs von Burbach, das erste Mal wieder sehen. Kapuzenpullis, weite Hosen, offene Schuhe. Die Eltern lassen sie nicht aus den Augen, es gibt Bienenstich und Cola, richtige Cola. Betretenes Schweigen.

Wie ist High-sein? Lachflashs, sagt Carsten. Erfahrung sammeln, erwachsen werden, sagt Leif und erzählt von seiner Wiederbelebung: »Baam«, macht er und schlägt sich mit beiden Fäusten auf die Brust, zuckt wie unter Strom. Carsten sagt, dass er im Delirium die Kotzschale aus dem Krankenhaus auf seinen Kopf gesetzt hätte, weil er dachte, es sei seine Baseballkappe. Manchmal habe er noch so Pausen im Kopf, und Asthma-Anfälle in der Nacht.

War 'ne Scheißaktion, sagen beide. Voll krass.

Später dürfen Leif und Carsten ins »Tropical«, trinken Cola-Bier und wünschen sich Tupacs Lieder. Es ist dunkel, als sie am Haus mit den Sträuchern vorbeikommen. Im Fachwerk geht ein Fenster auf, eine Frau schaut heraus. Wo denn die Engelstrompeten seien, fragt Carsten und schiebt seine Kappe tiefer ins Gesicht. Die Reste überwintern in der Garage, sagt die Frau. Sie hätten doch bestimmt gehört, das Unglück im Oktober.

Ja, sagt Carsten. Schlimme Jungs müssen das gewesen sein, sagt Leif. Sie klatschen in ihre erhobenen Handflächen - der Ghetto-Gruß. FIONA EHLERS

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