Japan gedenkt der Toten: Nicht vergessen, nicht mehr schweigen
Gedenken in Japan Ein Ex-Atomstaat trägt Trauer
Hamburg/Tokio - Überall in Japan hielten die Menschen am Sonntagnachmittag inne und gedachten der Toten und Verletzten der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe von Anfang März. Während um 14.46 Uhr Ortszeit (7.46 Uhr MESZ) im ganzen Land Sirenen heulten, hingen an der betroffenen Nordostküste Mütter in Gedenken an ihre toten Kinder farbenprächtige Papierkraniche auf, Mönche sangen.
Genau ein halbes Jahr zuvor hatte die Erde zu beben begonnen. Es waren die schwersten Erdstöße, die in Japan je gemessen wurden. Mit dem Epizentrum unter dem Pazifik löste das Beben die größte Katastrophe Japans seit dem Zweiten Weltkrieg aus.
Nur rund eine Viertelstunde nach den ersten Erdstößen der Stärke 9,0 wälzte sich am 11. März ein Tsunami an Japans Nordostküste. Die vom Beben aufgeworfene, bis zu 15 Meter hohe Riesenwelle verwüstete Land und Küstenstädte. Fast 16.000 Menschen kamen ums Leben, gut 4000 gelten noch immer als vermisst. 800.000 Häuser wurden zerstört, Hunderttausende wurde obdachlos.
"Stadt des Todes": Minister tritt nach Strahlenwitzen zurück
Ein halbes Jahr nach der Naturkatastrophe sind die Trümmer teilweise geräumt oder zumindest sortiert. Die meisten Obdachlosen und Evakuierten konnten aus Notunterkünften in Übergangswohnungen umziehen. Für Jahrzehnte wird Japan mit der Zerstörung des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi zu kämpfen haben. Der GAU und das verfehlte Krisenmanagement kosteten Ende August Regierungschef Naoto Kan den Job, er trat vor Ende seines ersten Amtsjahres zurück.
Verwüstete Orte: Die Fortschritte in Japans Katastrophengebiet
Am Samstag folgte dem Ex-Regierungschef der nächste japanische Spitzenpolitiker: Der erst vor einer Woche ernannte Wirtschafts- und Handelsminister Yoshio Hachiro stürzte über flapsige Äußerungen zur Atomkatastrophe.
Er hatte die Gegend um das Kraftwerk als "Stadt des Todes" bezeichnet. Außerdem soll er mit einem Journalisten über die Strahlengefahr in der Küstenregion nahe Fukushima gescherzt haben. Sein Rücktritt ist schwerer Schlag für den neuen Ministerpräsident Yoshihiko Noda.
Die Regierung hatte vor allem im Umgang mit der Atomkatastrophe eine höchst unglückliche Figur gemacht. Als am 11. März die sechs Reaktoren von Fukushima Daiichi von der Welle getroffen und überflutet worden waren, fielen die Kühlsysteme aus, die Reaktoren liefen heiß. In den Tagen danach versuchten Arbeiter des Betreibers Tokyo Electric Power Company ( Tepco) mit Löschhubschraubern die Kernschmelze einzudämmen, die Tepco-Verantwortlichen beschwichtigten im Schulterschluss mit der Regierung die Öffentlichkeit und hielt immer wieder Informationen über das Ausmaß des Atomunfalls zurück.
Anti-Kernkraft-Demos in Tokio - Mehrheit der Gemeinden gegen neue AKWs
In drei Reaktoren kam es zur Kernschmelze, Wasserstoffexplosionen zerstörten Reaktorgebäude. Zunächst räumten die Behörden am Tag nach dem Beben nur einen 20-Kilometer-Radius und holten mehr als 140.000 Menschen aus dem Gebiet - dieser Kreis wird "langfristig" unbewohnbar sein, meldete die Regierung Anfang April. Heute ist ein 30-Kilometer-Radius rund um das havarierte Kraftwerk erweitertes Sperrgebiet. Zu wenig, wie Greenpeace und andere Organisationen immer wieder kritisieren.
Sechs Monate nach Beginn der Katastrophe sammelten sich zum Halbjahrestag erneut Kernkraftgegner vor der Tepco-Zentrale in Tokio. 2500 Demonstranten umringten das Gebäude mit einer Menschenkette. Auch in anderen Städten kam es zu Anti-AKW-Demonstrationen, die allerdings nicht so viele Menschen auf die Straße brachten, wie die Demos unmittelbar nach dem GAU.
Die Kernkraft ist Japans wichtigste Elektrizitätsquelle und die Energiepolitik war bis zur Fukushima-Katastrophe nicht in Frage gestellt worden. Vor der Katastrophe wurden rund 30 Prozent des benötigten Stroms in Japan von Atomkraftwerken produziert. Der Anteil sollte bis 2030 auf 50 Prozent ausgebaut werden, von dem Plan ist die Regierung allerdings abgerückt. Nun sollen erneuerbare Energien verstärkt gefördert werden.
Auch wenn die Anti-Atom-Demonstrationen in Japan nie so groß wurden, wie die Anti-AKW-Proteste in Deutschland, sind in Japan die Atomkraftgegner inzwischen in der Mehrheit: Zwei Drittel aller Kommunen wollen keine neuen Atomkraftwerke, ermittelte die japanische Nachrichtenagentur Kyodo in einer Umfrage. Jeder vierte Gemeindevorsteher sprach sich dafür aus, existierende Atommeiler früher vom Netz zu nehmen. Nur 17 Prozent der Befragten würden den Bau neuer Kraftwerke in ihren Gemeinden erlauben - und auch dann nur mit verbesserten Sicherheitsmaßnahmen. Im Juni sprachen sich 58 Prozent der Japaner gegen Nukleartechnik aus. Viele gaben an, sie hätten wegen Fukushima ihre Meinung geändert.