Geisel-Berichte: Wie aus Teegästen Kidnapper wurden - DER SPIEGEL
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Geisel-Berichte Wie aus Teegästen Kidnapper wurden

In Deutschland bangten die Angehörigen um das Leben der Entführten, in der Sahara hatten die Geiseln schon beinahe jede Hoffnung aufgegeben. Abgemagert und müde berichtet einer der Befreiten nun über Strapazen und den schlimmsten Tag: Als die Geisel Michaela Spitzer starb.
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Rainer Bracht hat in den 177 Tagen reichlich Gewicht verloren. Der auf den Fotos des Bundeskriminalamts noch gutbeleibte Gerüstbauer aus Detmold ist nach der monatelangen Geiselnahme in der Wüste gut 30 Kilogramm leichter. Nachdem er am Mittwoch zu seiner Frau Petra nach Detmold zurückgekehrt ist, hat er für die kommenden Tage schon einen klaren Plan: "Ein paar Tage nichts machen und mich ausruhen, Pfeife rauchen, ein gutes Buch lesen und entspannen."

Als eine der wenigen Geiseln sprach Bracht am Mittwoch mit Reportern über die Zeit in der Gewalt der Kidnapper. Zu Beginn habe die Gruppe von Motorradfahrern gedacht, die Fremden wollten nur Tee mit ihnen trinken. Freundlich seien sie gewesen und auch auf den Motorrädern ihrer späteren Geiseln mitgefahren, berichtet Bracht. Erst nachdem die bärtigen Männer mit ihren Kalaschnikows nach mehreren Stunden immer noch nicht verschwanden, sei ihm klar geworden, dass es "wohl etwas Längeres" würde, erzählt er im Garten seines Hauses in Detmold.

Doch trotz der monatelangen Geiselhaft fand Bracht keine feindseligen Worte über die Kidnapper. Die ganze Zeit hätten die Männer, die Bracht als Mudschahidin bezeichnet, die Geiseln gut behandelt. "Was sie an Lebensmitteln hatten, haben sie mit uns geteilt." Ihnen sei weder Gewalt angetan noch angedroht worden, sagt der Detmolder. Anstrengend seien die stundenlangen Märsche durch die Wüste gewesen. Nach den Monaten abseits der Zivilisation freut sich Bracht nun auch auf ein vernünftiges Bett. "Wo wir waren, gab es ja keine Hotels", sagt er mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Manchmal hätten die Entführer die Wassermenge pro Person auf zwei Liter täglich beschränkt. "Das war bei Temperaturen von rund 50 Grad nicht gerade angenehm." Schließlich habe der Mangel an Nahrungsmitteln und Wasser Ende Juni auch zum Tod der Augsburger Geisel Michaela Spitzer geführt. Ihr Tod sei das Schlimmste in den vergangenen Monaten gewesen. Mitten in der Nacht, so erinnert sich Bracht, hätten die Geiseln ein Grab in der Wüste ausgehoben und die Frau dort beerdigt. Vermutlich werden die deutschen Behörden versuchen, diese Stelle wieder zu finden. Im Auswärtigen Amt hieß es, man kenne die Koordinaten des Grabs.

Von den Verhandlungen der Entführer mit der Bundesregierung haben die Geiseln nach Brachts Angaben kaum etwas mitbekommen. Erst vor vier Wochen hätten die Kidnapper erstmals angedeutet, dass sich etwas bewege. Bis dahin habe er fast schon die Hoffnung aufgegeben, dass er und die anderen Europäer noch frei kommen, so Bracht. Kritisch seien auch die Transporte zwischen einzelnen Verstecken der Entführer gewesen. Mehr als ein Mal habe sich bei diesen Verlegungen eines der Autos, mit dem die Geiseln transportiert wurden, überschlagen.

"Wir müssen die Sache erst mal verdauen"

Der Augsburger Witek Mitko hatte nach der Ankunft in der Heimat gesagt: "Wir haben uns riesig gefreut, als wir hier angekommen sind, nach sechs Monaten. Genau vor zwei Tagen haben wir erst erfahren, dass wir frei sind. Wir konnten es nicht glauben." Jetzt sei er "ein bisschen müde aber glücklich", denn immerhin seien sie seit 38 Stunden unterwegs. "Ich hatte noch keine Zeit, mich umzuziehen", sagte Mitko, dem die Strapazen der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben standen. Dann bedankte er sich nochmals "für den Topservice".

Das Ehepaar Erna und Kurt Schuster betonte, wie froh sie seien, endlich wieder bei ihren Familien zu sein. "Nach dem Empfang hoffen wir, dass wir schnell daheim sind", sagte Kurt Schuster. Die lange Geiselhaft hätten sie überstanden, indem sie sich immer wieder selbst Termine gesetzt hätten. Erst die Kommunion des Enkels, dann die Geburtstage von Angehörigen. "Doch irgendwann haben wir aufgehört." Weiteren Ausführungen wollte er noch nicht machen. "Wir müssen die ganze Sache erst mal selbst verdauen."