Geiseldrama Marc Wallert will seine Mutter auf eigene Faust retten
Jolo - Renate Wallert sei in einem extrem schlechten Zustand, körperlich wie seelisch. "Sie hat in den letzten Tagen zwei Schlaganfälle/Nervenzusammenbrüche erlitten", berichtete der Sohn in seinem am Montag bekannt gewordenen Brief an die deutsche Botschaft. "Sie kann nicht mehr laufen und ihr Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag." Wenn seine Mutter nicht mit dem Arzt und den Reportern gehen dürfe, seien er und sein Vater entschlossen, sie selbst herauszutragen. Wallert mahnte die Botschaft: "Bitte nehmen Sie dies sehr ernst und versuchen Sie das Möglichste, die Rebellen zu überzeugen, sich an unserer Evakuierung und medizinischen Versorgung zu beteiligen."
In Fernsehaufnahmen war Renate Wallert mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Trage liegend zu sehen. Andere Geiseln fächelten ihr Luft zu und gaben ihr zu trinken.
Marc Wallert appellierte an die Botschaft, sich dafür einzusetzen, "dass die philippinische Armee nicht mehr versucht uns umzubringen. Sie haben nicht nur mit Gewehren geschossen, sondern haben Granaten benutzt, die sehr nah von uns explodiert sind." Wallert schließt seinen in Englisch geschriebenen Brief mit der Formel: "Vielen Dank für alle Ihre Bemühungen im Voraus."
Die französischen Geiseln Sonia Wendling und Stephane Loisy schrieben: "Wir leben wie Tiere im Dreck unter den Bäumen." Nach 13 Tagen sei es wirklich schwer, weiter durchzuhalten, vor allem mental. An ihre Eltern gerichtet schrieben sie: "Bitte vergebt uns den Schmerz, den wir euch bereiten."
Die in Frankreich lebende Marie Moarbes bat verzweifelt darum, von jeder weiteren Militäroperation abzusehen. "Bitte holt uns hier raus." In einem Brief der philippinischen Geiseln Lucrecia Dablo und Abe Roland Ulla an Präsident Joseph Estrada, das philippinische Volk und "besonders unsere Lieben" heißt es: "Bitte helft uns, dass wir hier LEBEND rauskommen und nicht TOT".
Callie und Monique Strydom aus Südafrika schrieben: "Wir sind nicht sicher, ob ihr unsere Botschaft erhaltet. Wir haben keine Nachrichten und befürchten, dass nichts für unsere Befreiung getan wird." In einem Anflug von bitterer Ironie heißt es in dem Brief weiter, sie vermissten die südafrikanische Gastfreundschaft und hätten gern einen Hamburger zu essen.
Die Geiseln baten in den Briefen unter anderem auch um Segeltuch und Plastikplanen zum Schutz gegen den Regen, frische Unterwäsche und eine Brille. Nach zwei Wochen in der Hand der Geiselnehmer sind alle 21 Entführten, davon zehn Touristen, schwach und niedergeschlagen. Sie werden von ihren Entführern im Dschungel auf der Insel Jolo in einem aus Ästen gebauten Käfig in zwei Gruppen festgehalten.