Geiselnahme in Berlin Komplize weiter auf der Flucht
Berlin - Nach der spektakulären Geiselnahme in einem Doppeldeckerbus in Berlin am Freitag ist für den 46 Jahre alten Täter am Samstag der Haftbefehl erwartet worden. Laut Polizei sollte der vorbestrafte Dieter W. im Laufe des Tages einem Haftrichter vorgeführt werden. Der Entführer hatte den Bus am Freitagvormittag nach einem Überfall auf eine Bankfiliale in Berlin-Steglitz gekapert.
Nach einer Irrfahrt durch die Stadt hatte alle Geiseln bis auf zwei freigelassen, dem 39-jährigen Busfahrer gelang die Flucht. Die beiden letzten Geiseln, eine 25 Jahre alte Polizistin und ein 52- jähriger Journalist, wurden bei der Erstürmung des Busses durch ein Sondereinsatzkommando befreit. Sie blieben unverletzt. Der Täter erlitt eine Schussverletzung an der Schulter.
Unterdessen fahndet die Polizei weiter nach einem Komplizen, der mit dem Geiselnehmer zuvor eine Bank überfallen hatte. Es gebe noch keine konkreten Anhaltspunkte, sagte ein Polizeisprecher. Ein 49-jähriger Mann, der zunächst als mutmaßlicher Gehilfe des Bankräubers und Geiselnehmers festgenommen worden war, wurde in der Nacht zum Samstag wieder freigelassen. Der Verdacht gegen den Mann habe sich im Verlaufe der Vernehmung nicht erhärtet, hieß es.
Kontakte zu Gladbeck-Geiselnehmern?
Unterdessen werden immer mehr Details aus der kriminellen Karriere Dieter Wurms bekannt. Der von der Polizei als gefährlich eingestufte Entführer soll laut Medienberichten engen Kontakt zu den Geiselnehmern von Gladbeck gehabt haben, die 1988 in der Ruhrgebietsstadt eine Bank überfielen und einen Bus mit mehr als 30 Menschen in ihre Gewalt brachten. Im Laufe des Dramas verloren zwei Geiseln ihr Leben. Die Gangster wurden gefasst.
In der kriminellen Szene ist Dieter W. als "Skorpion" bekannt. Er hat auf dem linken Unterarm einen Skorpion tätowiert, auf dem rechten einen Leopardenkopf. Der gebürtige Westfale verbrachte mehr als 20 Jahre in Heimen und im Gefängnis, allein 13 Jahre saß er in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Dort entdeckte er seine literarische Ader und schrieb für die elektronische Knastzeitung "Gitternetz". W. wurde wegen mehrfachen Bankraubes und räuberischer Erpressung verurteilt. 1991 gelang ihm während eines Hafturlaubs die Flucht. Im Juni 2000 kam er in Berlin zuletzt frei. Nun erwartet ihn eine erneute Haftstrafe nicht unter fünf Jahren.
Als Konsequenz aus der spektakulären Geiselnahme ist unter Berliner Politikern eine Diskussion um den finalen Rettungsschutz entbrannt. Die CDU forderte am Samstag eine klare Rechtslage für Polizeibeamte. "Unter bestimmten Umständen muss der Tod des Geiselnehmers in Kauf genommen werden können", sagte der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, Frank Henkel. Die SPD hält eine gesetzliche Neuregelung nicht für notwendig.
Spezialeinheiten hatten Bus gestürmt
Die Geiselnahme am Freitagvormittag wurde am späten Mittag binnen weniger Sekunden beendet. Mehrere Einsatzkräfte des Berliner Spezialeinsatzkommandos enterten den entführten Bus gegen 14:15 Uhr. Die Beamten sprengten die Heckscheibe des Doppeldeckerbusses, warfen eine Blendgranate, dann kletterten die Polizisten in den Bus und überwältigten den Kidnapper. Bei dem Einsatz wurden zwei Schüsse abgegeben. Die beiden Geiseln - eine 25 Jahre alte Polizistin und ein 52-jähriger Mann - die sich zu dem Zeitpunkt noch in der Gewalt des Gangsters befanden, blieben unverletzt. Sie wurden anschließend mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert.
Die Beamten hatten sich zu dem Eingriff entschlossen, nachdem der Kidnapper gedroht hatte, die Geiseln zu erschießen. Die Polizei sagte, sie habe auch die Tötung des Mannes nicht ausgeschlossen. Der Entführer wurde durch einen Schuss an der Schulter getroffen, sagte der Pressesprecher der Polizei, Jörg Nittmann, gegenüber SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Friederike Freiburg.
Zunächst hatte der Busentführer rund 20 Menschen in seiner Gewalt. Viele Geiseln konnten bereits während der Irrfahrt durch Berlin den Bus verlassen. Meldungen, wonach sich der Geiselnehmer selbst ins Bein geschossen hatte, konnten nicht bestätigt werden.
Der entführte Bus war zunächst Richtung Norden auf der Stadtautobahn gefahren. Dann bog er in Richtung Siegessäule ab. Nach der etwa 45-minütigen Irrfahrt wurde der Bus in der Nähe des Sachsendamms in Schöneberg gestoppt. Die Region wurde weiträumig abgesperrt. Ein Großaufgebot von Polizei, Rettungswagen und Feuerwehr war im Einsatz.