Geisterjäger in Polen Suppe mit Weihwasser
Der Westwind hetzt dünne Wolken über den Himmel, rüttelt an den Bäumen in Magdalenka, einem Warschauer Vorort. Hier, in Sichtweite nagelneuer Bürotürme, ist nicht mal die Straße asphaltiert. Vor der Dorfkirche sind zwei Blumentöpfe umgeweht.
In der Pfarrei sitzt Andrzej Grefkowicz, ein grauhaariger Mitfünfziger mit leicht geröteten Augen. Leise spricht er von Geistern und vom Satan. Er, der vom Bischof bestellte Exorzist, ficht täglich gegen den Leibhaftigen, der von den Menschen Besitz ergreifen will. Andrzej Grefkowicz rückt mit Gebeten und Kruzifix an, wenn Leute in unbekannten Sprachen vor sich hinmurmeln, oder den Anblick des Kreuzes nicht mehr ertragen. Vier Mal hat er so etwas in den letzten Jahren erlebt.
Der tapfere Gottesmann ist keineswegs ein spinnerter Sektierer. Neben der Wirtschaft boomten in dem ehemaligen Ostblockland in den vergangenen Jahren auch Satansglaube und Teufelsaustreibung. Das polnische Episkopat hat die Zahl seiner Exorzisten von unter 10 auf mehr als 50 erhöht.
Schützenhilfe kam aus Rom: Erst 1999 ließ der polnische Papst mit seiner Verordnung "De exorcismi" die alten Regeln der Zunft von 1614 modernisieren. Jetzt müssen immer erst Psychiater konsultiert werden, bevor sich Exorzisten über vermeintlich Besessene hermachen dürfen. Aleksander Posacki, Jesuitenpater in Krakau, glaubt, ganz klar erkennen zu können, wann jemand von psychischer Krankheit geplagt wird, und wann der Teufel am Werk ist. Besessene sprechen zum Beispiel verschiedene Sprachen, "die sie gar nicht können", erläutert er: "Und zwar nicht nur 'Bonjour' oder 'Auf Wiedersehen'."
Typisches Zeichen sei auch die unüberwindbare Abscheu vor dem Heiligen. Opfer des Satans stoßen vor einer Ikone der schwarzen Madonna, der polnischen Nationalheiligen, wüste Flüche aus. Zur Differentialdiagnose, könne man verdächtigen Personen ruhig einen Schuss Weihwasser in die Suppe geben. Psychisch Kranke löffeln weiter, Besessene schubsen den Teller unter abscheulichen Gotteslästerungen von sich.
Der Satansglaube hat zugenommen
Der Teufel oder seine Geister - so glaubt man in Polen - kommen in den seltensten Fällen einfach so über ihre Opfer. Die Menschen überantworten ihre Seele dem Teufel, dafür stattet der sie mit übernatürlichen Fähigkeiten aus: Hellseherei zum Beispiel. Dieser Pakt mit dem Satan wird schriftlich ausgefertigt und von den vertragschließenden Parteien mit Blut aus der linken Hand des Menschen unterzeichnet. In lichten Momenten können sie sich daran nicht erinnern. Doch ist die Kungelei mit dem Leibhaftigen oftmals unbekömmlich: Alpträume, epileptische Anfälle können die Folge sein. Diese Leiden sind es, die die Menschen schließlich Hilfe beim Teufelsaustreiber suchen lassen. So wie in dem Fall des jungen Mädchens aus Grefkowiczs Gemeinde: Sie war dem Herrgott etwas üppig geraten. Um abzunehmen, bat sie den Satan um Hilfe. "Das geschah wohl unbewusst. Uns viel es erst auf, als sie es nicht mehr in der Kirche aushalten konnte", erzählt Grefkowicz. Glücklicherweise konnte der Gottesmann den Teufel mit Befehlen in Gebetsform vertreiben. Heute ist sie immer noch schlank - und sogar einem Orden beigetreten.
Nichtchristen haben keinen Zutritt
Nichtgläubige haben bei solchen Austreibungen natürlich nichts zu suchen. Dabei fährt der Satan mitunter spielfilmreif zur Hölle: Die Menschen schreien in Trance, winden sich in Krämpfen. Manchmal verflucht der Leibhaftige seine Peiniger mit der Stimme seines Opfers. "Der Glaube an Satan und den Teufel hat in Polen enorm zugenommen", sagt der Warschauer Soziologe Pawel Spiewak. Das Phänomen ist schwer zu erklären: Vor der Wende von 1989, war die Welt in den Augen der meisten Katholiken noch klar in Schwarz und Weiß aufgeteilt: Der Teufel herrschte in Gestalt der Kommunisten, die tapfere Kirche hielt dagegen.
Heute jedoch ist die politische Landschaft Polens zerklüftet, die Auswahl der Lebensstile verwirrend. "Viele Menschen verstehen schon lange nicht mehr, was um sie herum stattfindet", sagt Spiewak. Er interpretiert den grassierenden Geisterglauben als Versuch, die Welt nach christlichen Maßstäben wieder klar in Gut und Böse einzuteilen. Unwohlsein an der postkommunistischen Moderne, aber auch psychologische Krankheiten werden kurzerhand als das Wirken des Satans verstanden.
Rockmusik im Visier der Kirche
Solche Erklärungsversuche bringen Posacki in Wut. "Alles wird heute soziologisiert und psychologisiert." Da sei es gut, dass die polnischen Katholiken noch fest im Glauben sind: "Man muss den Satan demaskieren." Wer alternative Medizin praktiziert oder in Anspruch nimmt, wer sich mit Horoskopen, mit fernöstlicher Meditation oder Esoterik befasst, ist in Gefahr, glauben Exorzisten. Rockmusik mit satanischen Versen sei extrem gefährlich. Auch Harry-Potter-Romane und Pokemon-Filme gelten Eiferern als bedenklich.
Selbst nüchterne Schulmediziner in Polen sehen dem Treiben der Kirche mit Milde zu. "Besessenheit" sei der katholische Ausdruck für "psychische Krankheit", sagt der Krakauer Psychiater Bogdan de Barbaro. Manchmal - so weiß er aus seiner Praxis - könne es helfen, bei der Behandlung strenggläubiger Patienten einen Exorzisten hinzuzuziehen.
Doch sieht er auch Gefahren: So würden kranke Menschen, die sich zu sehr auf die Künste der Teufelsaustreiber verlassen, häufig zu spät zum Arzt gehe. Der Zustand einer schizophrenen Patientin habe sich dramatisch verschlechtert, weil sie Medikamente abgesetzt hatte. Noch ist es in Polen nicht zu einem spektakulären Exorzismus-Unfall gekommen, wie 1976 im rheinländischen Klingenberg. Dort hatten ein fanatischer Pater und die verbohrte Familie der an Schizophrenie erkrankten Anneliese Michel, das Mädchen so lange mit Austreibungsritualen malträtiert, bis sie starb - an Hunger und Entkräftung.