Geisteskranker Doppelmörder Gesund genug, um zu sterben
Austin/Texas - In einem lilafarbenen Cowboy-Kostüm war Scott Panetti 1995 bei seiner ersten Verhandlung erschienen und hatte als Entlastungszeugen seinen Heiland und den bei einem Attentat getöteten US-Präsidenten angefordert.
Doch dies wurde ihm ebenso wenig gewährt wie die Bescheinigung seiner Unzurechnungsfähigkeit. Die für Februar angesetzte Hinrichtung des 46-Jährigen war aufgeschoben worden, nachdem eine Untersuchung seines Geisteszustandes beantragt worden war.
Mehrere Psychologen hatten Panetti daraufhin examiniert und einstimmig festgestellt, dass der verurteilte Mörder geistesgestört sei. Weil die Ärzte sich aber offenbar nicht auf eine Diagnose einigen konnten, befand Richter Sparks kurzerhand, dass Panettis psychisches Befinden den Standards eines Beschlusses des Bundesberufungsgerichts entsprächen: Er sei sich bewusst, dass er zwei Morde begangen habe und dass er deswegen hingerichtet werden solle. Wie der "Austin Chronicle" berichtete, soll der Angeklagte bei mindestens einer dieser Anhörungen zur Ermittlung seiner Zurechnungsfähigkeit im Jahre 1994 unter dem Einfluss starker Psychopharmaka gestanden haben.
Der in Hayward, Wisconsin, geborene Todeskandidat hatte 1992 seine Schwiegereltern getötet und seine Ex-Frau sowie die damals dreijährige Tochter als Geiseln genommen. Die Frau sagte später aus, Panetti habe nach dem Mord an ihren Eltern versucht, auch sie zu erschießen - der Abzug des Gewehrs habe allerdings geklemmt. Drei Jahre später war Panetti im texanischen Fredericksburg für schuldig befunden worden, den 55-jährigen Joe Alvarado und seine ein Jahr ältere Frau Amanda erschossen zu haben.
Obwohl Panetti in den zehn Jahren vor seiner Tat über ein Dutzend Mal in psychiatrischer Behandlung gewesen ist, befand die Staatsanwaltschaft, dass er zum Tatzeitpunkt gesund gewesen sei. Wie der "Austin Chronicle" berichtet, beerdigte Panetti 1986 seine Möbel im Garten und stach mit einem Messer auf die Wände ein, weil er der Meinung war, sein Haus sei von Dämonen besessen. Erst zwei Monate bevor er die Alvaros tötete, war der von einigen Ärzten als schizophren eingestufte Mann aus einer Klinik entlassen worden. Am Nachmittag der Bluttat habe er sich der Polizei gestellt und behauptet, dass "Sarge" - eine später als akustische Halluzination identifizierte Stimme - für die Morde verantwortlich sei.
Die von Panettis Anwalt Hampton vor Gericht zitierte forensische Psychologin Mary Alice Conroy widersprach Behauptungen der Behörden, dass es sich bei Panetti um einen Simulanten handele. Es sei sehr schwer vorstellbar, dass der Todeskandidat krank spiele. Seine Gedankenketten seien geleitet von "lockeren Assoziationen zwischen verschiedenen Themen", was in der Regel "fast unmöglich vorzutäuschen ist". In einem Gespräch mit ihr habe er Rasierausrüstungen, den Darwinismus, Schiffsteile, die "Titanic" und Noahs Arche in einen Zusammenhang gebracht, unmittelbar gefolgt von einer Diskussion über den Gouverneur von Malta und die New Yorker Richterschaft.
Während seines zweiwöchigen Prozesses hatte Panetti seinen Anwalt entlassen und darauf bestanden, sich selbst zu verteidigen. Einer seiner Anwälte, Keith Hampton, kündigte trotzdem an, er werde Berufung gegen die Entscheidung des US-Richters einlegen: "Panetti lebt jede Minute seines Lebens mit Dämonen und Teufeln, die ihn quälen. Ist das nicht Strafe genug?" Mitgefangene hatten berichtet, dass Panetti im Todestrakt von allen nur der "Prediger" genannt würde, weil er stundenlang manisch aus der Bibel rezitiere. Zahlreichen Besuchern hat er anvertraut, der Staat wolle ihn exekutieren, damit er aufhöre zu predigen.
Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte 2002 entschieden, dass die Hinrichtung von geistig zurückgebliebenen Verurteilten nicht verfassungskonform sei. Die Richter hatten allerdings darauf verzichtet, auch psychisch kranke Menschen in die Verfügung mit einzubeziehen.
Annette Langer