EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Geld oder Leben
Heinz Rung steht hinter dem Tresen und beobachtet den Wagen, der abseits der Zapfsäulen parkt. Der steht lange da, denkt Rung, viel zu lange. Eigentlich müsste da längst jemand ausgestiegen sein, um sich die Beine zu vertreten, um zu ihm an den Tresen zu kommen und eine Flasche Mineralwasser zu kaufen. Oder um zum Klo zu gehen. Aber der Wagen steht einfach nur da, die Türen geschlossen. Es ist Mittag, kurz nach 12 Uhr.
Rung versucht, Fahrer und Beifahrer zu erkennen. Er sieht nur schwarze Schatten. Warum ist die Heckscheibe zugehängt? Warum die hinteren Seitenscheiben? Sind die etwa vermummt? Soll er überfallen werden? Nicht schon wieder. Der Wagen ist weiß. Rung notiert das Kennzeichen.
Seit 40 Jahren arbeitet Heinz Rung an der Tank- und Rastanlage »Spessart« an der A3, Kilometer 238, 32 Zapfstellen, makellose Toiletten, lobend in Tests erwähnt. Seit 40 Jahren lebt er im Rhythmus des Schichtdienstes. Eine Woche Frühschicht von 6 bis 14 Uhr. Eine Woche Mittelschicht von 14 bis 22 Uhr. Eine Woche Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr.
Heinz Rung ist 58 Jahre alt, stolz trägt er einen strammen Bauch, einen glitzernden Ohrstecker und auf dem Kopf einen Igelschnitt. Sein Zuhause ist das Dorf Weibersbrunn im Spessart, wo er bekannt ist als Vorsitzender des Skiclubs und als stellvertretender Vorsitzender der Ortsgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Haus und Tankstelle sind kaum fünf Kilometer voneinander entfernt. Steht der Wind gut, kann Rung auf seinem Grundstück das Rauschen der Autobahn hören.
»Ich bin sehr zufrieden mit meinem Beruf«, sagt Heinz Rung, »ich komme viel mit Menschen zusammen.« Er gab Boris Becker die Hand, sah Willy Brandt durch die Scheibe seines Wagens und kochte mit Vico Torriani »irgendwas aus Leber«. Er half Frauen, die von ihren Männern vergessen wurden, und sah Fernfahrer, die sich selbst anzeigten, um endlich ein paar Stunden schlafen zu können. Rung glaubt, er kennt sich aus in der Welt. Mit seinen Brüdern spazierte er einmal über Helgoland. Zum Schnorcheln fliegt er nach Ägypten.
Sitzt man mit ihm bei einem Bier zusammen, erzählt er, wie die Autobahn vor 40 Jahren das Geld nach Weibersbrunn brachte. »Früher war das hier die ärmste Gemeinde im Spessart, jetzt regiert hier der Wohlstand.« Rung besitzt zwei Häuser und einen weißen Mercedes, Frau und Kinder sind gesund, die Enkel werden jedes Jahr um 15 Uhr zur Christmette gefahren. Rung kann an einem geordneten Leben nichts Falsches finden. Menschen, die mehr wagen als er, nennt er Lebenskünstler und meint es nicht bewundernd.
Wenn Rung hinter seinem Tresen steht, ruft er manchmal die Polizei, meldet einen Mann oder eine Frau, die bei ihm Bier gekauft haben und seiner Meinung nach betrunken sind. »Ich will nicht schuld sein, wenn die sich totfahren«, sagt er dann. Manchmal ruft er die Polizei und meldet Menschen, die ihm verdächtig scheinen.
Im Frühjahr dieses Jahres warnte die Polizei vor Serientätern, die sich auf Tankstellen spezialisiert hatten. Rung hörte das mit Sorge und beobachtete die Welt durch die Scheiben seines Verkaufsraums genauer. Seine Tankstelle war in den vergangenen Jahren viermal überfallen worden.
Während des ersten Überfalls stürmten zwei Männer in den Kassenraum der Tankstelle. Sie sagten kein Wort. Rung spürte die Mündung einer Pistole auf der Stirn. Die Eindringlinge flohen mit 2000 Mark in einem gestohlenen BMW.
In einem Waldstück ging ihnen der Sprit aus, und am nächsten Morgen fasste sie die Polizei. Die Räuber stammten aus Neapel, mit einem VW-Käfer waren sie in den Spessart gefahren, um dort Tankstellen auszurauben. Der Anführer wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.
Ein Jahr später standen wieder Bewaffnete im Kassenraum. Sie sperrten das Personal in den Keller. Überfall Nummer drei endete für einen Kollegen Rungs im Kofferraum eines Ford. Überfall Nummer vier begann mit einem Schuss. Und nun steht da draußen dieser weiße Wagen, und es droht Überfall Nummer fünf.
Rung ruft die Polizei. Der Wagen rollt auf die Autobahn. Rung gibt das Kennzeichen durch.
Die Beamten stoppen den Wagen in der Nähe der Anschlussstelle Stockstadt. Sie gehen vorsichtig auf ihn zu. Eine Tür öffnet sich. Auf den Vordersitzen sitzen zwei muslimische Frauen, hinter einem Tuch, auf der Rückbank, ihre Männer. Die Frauen tragen schwarze Gewänder, sie weigern sich, vor den Beamten ihre Gesichter zu enthüllen. Die Männer tragen Turbane.
Die Beamten rufen eine Kollegin herbei. Sie vergleicht die Gesichter der Frauen mit den Bildern in den Füh- rerscheinen. Dann hören die Verdächtigten eine Entschuldigung. Die Beamten wünschen ihnen eine gute Weiterfahrt.
Den Beamten scheint der Einsatz peinlich gewesen zu sein.
Und Heinz Rung? Er sitzt aufrecht da und sagt: »Peinlich? Nein, wieso?« UWE BUSE