Gerettete Bergarbeiter Wunder in der Wüste
Gerettete Bergarbeiter: Wunder in der Wüste
Foto: Hugo Infante/ APAls Florencio Ávalos die letzten Meter in die Freiheit zurücklegt, verliert Alicia Campos für einen Moment die Fassung. Sie starrt auf den riesigen Bildschirm, auf die Bilder von der Rettungskapsel "Phönix 2", als säße schon ihr Sohn Daniel darin. Tränen rinnen ihre Wangen hinab. Wenige Augenblicke später, es ist 0.11 Uhr, stößt die Kabine aus dem Rettungsschacht, und unter Applaus, Jubel und Sprechchören steigt Ávalos etwas benommen aus dem Käfig.
Eine große Sonnenbrille schützt seine Augen. Als sich ihm sein Sohn und seine Frau nähern, muss er sie ertasten, bevor er sie in den Arm nehmen kann. Ohne jedes Problem gelangt mit dem 31 Jahre alten Ávalos der erste Minero nach 70 Tagen in einem feuchten und dunklen Bergverlies wieder heil an die Oberfläche. Eine knappe Stunde zuvor war der erste Retter in die Mine hinabgefahren.
"Chile hat sich bewiesen", sagte Präsident Sebastián Piñera. "Die Rettung macht uns stolz." Für den konservativen Staatschef ist die gelungene Bergung ein riesiger Prestigeerfolg. Inzwischen hat sich auch Alicia Campos wieder gefangen. Die Tränen sind abgewischt, sie gibt erste Fernsehinterviews. Die Hände liegen nun entspannt aufeinander, sie sagt Sätze wie diesen: "Jetzt habe ich das Vertrauen, dass sie es alle schaffen, es ist wie eine Garantie."
Keine Emotionen zeigen
Wochenlang hatte sich die Mutter von Daniel Herrera gezwungen, keine Emotionen zu zeigen. Sie wollte nicht schwach sein, weil auch ihr Sohn in seinem Berggefängnis stark sein musste. Nun fehlen nur noch ein paar Stunden bis zu seiner Rückkehr in die Freiheit. Herrera ist die Nummer 16 auf der Liste. Irgendwann am Mittwochnachmittag wird er erstmals seit Monaten wieder frische Luft atmen, sollte die Rettung weiter derart reibungslos verlaufen.
Die Augen der ganzen Welt verfolgen in dieser bitterkalten Nacht die bizarrste und vielleicht am besten organisierte Rettungsaktion der Bergbau-Geschichte. Erstmals seit Tagen ist der Himmel über der Atacama-Wüste sternenklar. Die bleiche Sichel des Mondes schaut zu, als die Mineros wieder ins Leben geholt werden. Seit dem 5. August hatten die 33 Männer unter Tausenden Tonnen Gestein gelebt, nachdem bei einem Teileinsturz der Kupfer- und Goldmine San José die Eingänge verschüttet worden waren.
Die ersten Minenarbeiter zeigen sich in erstaunlich guter Verfassung. Wirkt Florencio Ávalos noch ein wenig benommen bei seiner Ankunft an der Erdoberfläche, strotzt der zweite Minero, Mario Sepúlveda, vor Freude und Kraft. Er lacht schon, als die Kapsel noch gar nicht geöffnet ist, anschließend springt er wie ein Rockstar umher. Er umarmt seine Frau Elvira einmal, Präsident Piñera dreimal und dann verteilt er Steine, die er aus der Mine mit nach oben gebracht hatte.
Anschließend wird auch Sepúlveda auf eine Trage gelegt und in ein Behelfslazarett gebracht. Dort werden die Mineros an einen Tropf gehängt, kurz untersucht und können dann in weißen Containern mit abgedunkelten Fenstern einige Zeit mit ihren Angehörigen zusammen sein. Anschließend werden sie mit Hubschraubern in ein Krankenhaus in Copiapó geflogen.
Phase zwei beginnt
Mit der Rettung beginnt für die Mineros eine neue Phase. Bis jetzt haben die 33 als Maschinenführer, Elektriker und Bohrspezialisten rund 700 Euro im Monat verdient. Mittlerweile bieten Fernsehanstalten bis zu 4500 Euro für ein Exklusivinterview. Eine deutsche TV-Talkshow hat laut einem chilenischen Zeitungsbericht eine hohe Summe offeriert, um die Männer schnellstmöglich in ein Flugzeug nach Deutschland zu setzen.
Die Mineros, die unter Tage alle Nachrichten verfolgt haben, wissen längst, dass sie den Moment nutzen müssen, dass ihre Berühmtheit ein Verfallsdatum hat wie Milch. Alejandro Pino, ein Journalist, der die Arbeiter in den vergangenen Tagen im Umgang mit den Medien beraten hat, hörte eine Frage ganz besonders oft: "Wie gehen wir mit den Anfragen um, bei denen uns hohe Summen geboten werden?"
Erwartungsfrohe Ruhe
In den letzten Stunden vor Beginn der Rettung weicht die Hektik im "Hoffnungscamp" einer erwartungsfrohen Ruhe. Angst und Sorge in den Gesichtern der Angehörigen verwandeln sich in Anspannung. "Mensch, in meinem Magen rumort es ganz schön", sagt Alberto Segovia. "Wir haben so lange darauf gewartet, dass es losgeht, und nun fehlen nur noch ein paar Stunden."
Rettungsaktion: "Willkommen, Helden von Chile"
Albertos Bruder Dario ist einer der Bohrspezialisten in der Mine San José. Während die Frauen der Familie sich in ihrer Zeltburg gegenseitig die Haare schneiden, surfen die Kinder im Internet. Und Dario zieht den Anorak über, um in Erfahrung zu bringen, wann denn sein Bruder an der Reihe ist. Wenig später verkünden alle Medien die Reihenfolge der Namen dann live, nachdem Staatschef Piñera sie den Angehörigen mitgeteilt hat. Der Sprecher von TVN Chile klingt dabei so, als würde er die Startaufstellung bei einem Pferderennen vortragen. Dario Segovia ist als Zwanzigster an der Reihe.
Am Ende geht dann alles ganz schnell. Der erste Retter Manuel Gonzalez, ein erfahrener Minero, wird um 23.19 Uhr in die Tiefe abgeseilt. Nach 16 Minuten kommt er bereits unten an. Und eine knappe halbe Stunde später ist dann Florencio Ávalos gerettet. Und Alicia trocknet ihre Tränen der Freude. Dann geht sie zurück zu ihrem Platz, bereitet sich einen etwas zu süßen Mate-Tee, legt einen Maisfladen auf das Lagerfeuer und wartet. Nur noch ein paar Stunden. "Alles Schlimme liegt hinter und alles Schöne vor uns", sagt sie.