Geschichte eines Betrugs: Blondes Gift, Marke Gorbatschow - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Geschichte eines Betrugs Blondes Gift, Marke Gorbatschow

Eine mysteriöse Blondine narrte Monaco: Aikaterina Kechagia gab sich im Zwergstaat als Tochter des sowjetischen Ex-Präsidenten Gorbatschow aus. Sie schlich sich in die High Society ein und und trickste sogar Fürst Albert II. aus. Jetzt ist sie spurlos verschwunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Phantom ist 165 Zentimeter groß und 24 Jahre alt. Sogar auf ihrem Passfoto sind ihre Lippen knallrot geschminkt. Blondes Haar, grüne Augen. Herausfordernd blickt sie den Betrachter an.

Sie heißt Aikaterina Kechagia, mit diesem Namen stellte sie sich Fremden gegenüber zumindest vor. Wenn sie durch ein Dorf ging, so erzählt einer ihrer Schweizer Geschäftspartner, dann drehten sich die Leute nach ihr um.

Meistens ging sie aber nicht, das hatte sie nicht nötig. Sie saß am Steuer eines Mercedes M-Klasse, geliehen zwar, aber das wusste niemand. So rasant war ihr Fahrstil, dass einer der Schweizer sogar vermutet, dass sie eine Rallye-Ausbildung durchlaufen hat: "Autofahren konnte die wie der Teufel."

Nicht nur das. Offenbar verstand es die Powerfrau auch meisterlich, Menschen hinters Licht zu führen. Wie bei ihrem Gastspiel im Fürstentum Monaco. Dort trickste sie sogar den Regenten aus.

Woher kam sie, diese Aikaterina Kechagia? Darauf hat ein Schweizer aus Appenzell, der lieber anonym bleiben will, nur eine hypothetische Antwort - obwohl Kechagia 2004 mehrere Monate für ihn gearbeitet hat. "Sie erzählte, sie komme aus Griechenland, wo die Eltern ein Hotel hätten", sagt der Mann SPIEGEL ONLINE. Er vermutet aber, dass sie in Rumänien aufgewachsen ist, da sie neben Deutsch, Griechisch und Englisch auch ausgezeichnet Rumänisch sprach. Und dann war da noch dieses Foto, auf dem sie in einer rumänischen Feuerwehruniform posierte. Um die Verwirrung komplett zu machen, stand in Kechagias Pass als Geburtsort: Ägypten.

Wohin verschwand sie? Fragt sich neben einigen anderen Unternehmern auch Cesarino Marzolo aus dem Schweizerischen Uster im Kanton Zürich, der im September 2007 mit Kechagia die "Cesi Security GmbH" gegründet hat, "zur Herstellung und zum Handel mit Produkten im Bereich der Sicherheits- und Pyrotechnik." 16.000 Franken, sagt der Geschäftsmann SPIEGEL ONLINE, habe er in den Sand gesetzt - herausgekommen sei: nichts. Mehr will er nicht sagen, aber man solle sowieso lieber die Finger von Recherchen zum Fall Kechagia lassen: "Sie wühlen da in einem Wespennest".

Alles läuft rund - bis zum 2. Juli 2008

Zur Hölle mit ihr, sagt man sich beim "Internationalen Grünen Kreuz" in Zürich. Dort will man den Namen Kechagia nicht einmal mehr hören. Denn unter dem Mäntelchen der 1993 von Michail Gorbatschow gegründeten Umweltschutzorganisation schlich sich die schöne Griechin in die High Society von Monaco ein. Der Image-Schaden ist beträchtlich.

Die Gorbatschow-Show beginnt im Frühjahr 2007. Kechagia, so zeichnet es die französische "Le Point" nach, kommt im Fürstentum an - und bewegt sich fortan elegant gekleidet und stets mit einer Sekretärin im Schlepptau in der High Society. "Sie hatte schon immer ein großes Mundwerk", sagt ein ehemaliger Bekannter. Das beweist Kechagia auch jetzt: Sie sei die Tochter des ehemaligen Präsidenten Gorbatschow, erzählt sie überall - in ausgezeichnetem Englisch. Einem engen Vertrauten des Fürsten erklärt sie ihr Vorhaben: Sie wolle einen monegassischen Ableger des "Internationalen Grünen Kreuzes" gründen. Das hat heute Ableger in 31 Ländern, Gorbatschow ist Ehrenpräsident.

Der Fürsten-Intimus erliegt der beredten Gewandtheit der vermeintlichen Gorbatschow-Tochter, zudem ist bekannt, dass der Fürst von Monaco sich für den Umweltschutz engagiert. Also lädt er am 18. September 2007 Kechagia-Gorbatschowa in seinen Palast, zusammen mit Alexander Lichotal, einem früheren Gorbatschow-Berater und heutigen Präsidenten des Grünen Kreuzes. Alles läuft rund - und am 4. April 2008, so "Le Point", lässt Albert II. verkünden, dass er Ehrenpräsident des Grünen Kreuzes werde.

Am 2. Juli 2008 macht Albert II. in einem Brief an Lichotal jedoch einen Rückzieher: "Ich bedauere, Sie informieren zu müssen, dass Seine Durchlauchtigste Hoheit der Fürst nicht weiter beabsichtigt, Green Cross Monaco zu gründen oder gar die Funktion des Ehrenpräsidenten zu akzeptieren", heißt es in dem Brief. Was war passiert?

Intelligent, kultiviert - und spendenfreudig

Am 28. April war Kechagia in eine Nervenklinik eingeliefert worden, aber schon nach wenigen Tagen verließ sie die Klinik entgegen der Empfehlung der Ärzte und fuhr in die Schweiz. Bei ihrer Rückkehr nach Monaco wurde sie von Polizisten empfangen, die ihr einen vom Fürsten unterschriebenen Ausweisungsbefehl aushändigten und sie zur Grenze geleiteten.

Inzwischen hatte die monegassische Polizei nämlich von den russischen Behörden erfahren, dass die Gorbatschow-Story frei erfunden ist. In Wirklichkeit hat der heute 77-jährige Gorbatschow nur eine einzige Tochter: Irina Gorbatschowa wurde 1957 geboren und ist heute Vizepräsident der Gorbatschow-Stiftung. Darauf hätten die Monegassen freilich schon früher kommen können - ein Blick auf Wikipedia genügt.

Warum hat beim "Internationalen Grünen Kreuz" niemand den Braten gerochen? Stärker war offenbar der Geruch des Geldes: Gleich zweimal 10.000 Euro hatte Kechagia selbst gespendet. Zudem sei sie "intelligent und kultiviert gewesen", so Lichotal gegenüber "Le Point".

Was die Gorbatschow-Show zu bedeuten?

Auf der Internet-Seite der Organisation war vor einem Jahr sogar die Ankündigung zu lesen, dass Kechagia die Leiterin der monegassischen Dependance werde. Beim Treffen mit dem Fürsten von Monaco, so Lichotal, sei allerdings nie die Sprache davon gewesen, dass Kechagia eine Tochter Gorbatschows sei. "Sie sprach ja kein Wort Russisch", so Lichotal.

Nach der Ausweisung aus Monaco ist Kechagia wieder untergetaucht, ihr Pariser Anwalt Frank Berton will sie zuletzt im Sommer getroffen haben. Sie erwarte eine Entschuldigung vom Fürsten, soll sie damals zu ihm gesagt haben. Seitdem, so Berton in "Le Point", habe er nichts mehr von Kechagia gehört. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE blieb unbeantwortet.

In Monaco fragt man sich immer noch, was die Gorbatschow-Show zu bedeuten hatte. Warum suchte Kechagia so dreist Kontakt zum Fürsten?

In der Schweiz, wo die Frau offenbar noch einige offene Rechnungen hat, weiß kein einziger der ehemaligen Geschäftspartner, wo sich Aikterina Kechagia heute befindet.

Mehr lesen über