Brandanschlag von Solingen Erinnerung als Schwerstarbeit
Trauernde vor dem abgebrannten Haus in Solingen am 3.6.1993: Verwandte und Freunde nehmen Abschied von den Toten
Foto: Franz-Peter_Tschauner/ picture-alliance / dpaFür Trauer und Entsetzen bleiben den Solingern an diesem Pfingstsamstag nur wenige Stunden: am Morgen des 29. Mai 1993, als an der Unteren Wernerstraße die letzten beiden der fünf toten Frauen und Mädchen aus dem Dachgeschoss geborgen werden. Das Bild des rauchenden Skeletts aus Holzbalken und Mauerresten hat sich auch bei mir für immer eingebrannt - wie die Schreie der Angehörigen, die in der Dämmerung aus dem Krankenhaus zurückkehren und das Ausmaß der Vernichtung erfassen. Einsam am Rand ein bleicher Ministerpräsident ohne Fahrer und Begleitschutz. "Was habe ich nur falsch gemacht?", fragt Johannes Rau eine Parteifreundin immer wieder. Am Mittag zieht ein spontaner Trauermarsch durch die Innenstadt: Menschen mit Einkaufstüten, ganze Familien, Alt-Solinger und Zugewanderte bunt gemischt.
Doch schon am frühen Abend ist Solingen endgültig zum Schauplatz geworden: Aufmarschgebiet von Randalierern, Austragungsort einer bis dahin unvorstellbaren Welle von Gewalt und Zerstörung. Nicht im Berliner Kiez, sondern mitten in einer Großstadt zwischen Rhein und Ruhr brennen buchstäblich die Straßen. In der gesamten Innenstadt bleibt kaum ein Laden unverwüstet: Die Polizei ist zunächst völlig überfordert, viele Bewohner stehen Todesängste durch. Eine Hypothek, mit der das gemeinsame Erinnern in Solingen bis heute zu kämpfen hat: Welcher Zivilisationsbruch wiegt schwerer: das monströse Verbrechen - oder die kollektive Gewalt danach? Und darf man beides überhaupt auf einer Ebene diskutieren?
Der gesellschaftlichen Katastrophe folgt die fatale Kapitulation vor dem Geschehen: Die Berichterstattung in vielen Medien wird zum Fiasko. Sind die Pfingsttage vor allem vom Dilettantismus vieler diensthabender Reporter geprägt, so geht es danach sogar um manipulierte Filmberichte, gestohlene Fotos der Tatverdächtigen und die Belagerung ganzer Schulen. Eine Großstadt erlebt kollektiv mit, wie die Seriosität der Berichterstattung bei vielen Medien schwindet - auf der verzweifelten Suche nach Exklusivem. Vor allem auf der Suche nach braunen Spuren. Die gab es zweifellos - aber häufiger als woanders? Es war das Klima dieser Monate: die gezielt aufgeladene Asylrechtsdebatte, das ständige "Das-Boot-ist-voll-Geschrei", die "Ausländer-raus"-Forderungen. Immerhin betrifft "Solingen" auch die Medien. Denn es gibt danach eine breite interne Debatte über Qualität und Folgen von Berichterstattung: Nicht wenige Journalisten stellen erschrocken die Frage nach der Eskalation der Gewalt in Solingen, ausgelöst von den Medien.
Eine ganze Stadt verschwindet in der Schublade: "Nazi-Hochburg"
Auf jeden Fall aber verschwindet eine ganze Stadt buchstäblich über Nacht in der Schublade: Nazi-Hochburg - hinter den Namen Solingen setzen viele Medien einen breiten braunen Haken. Rasch finden englische Reporter heraus, dass in dieser Stadt Adolf Eichmann geboren ist, die Schlagzeilen explodieren förmlich. Dass der Holocaust-Organisator schon als Kind nach Linz zog, Solingen immer als "rote Hochburg" galt und der Widerstandskämpfer Carl Goerdeler hier Beigeordneter war, interessiert niemanden.
Dabei hatte doch gerade diese Stadt, geprägt von Industrie und Mittelstand, längst mehr für die Integration unternommen als andere. Viele Projekte, beispielsweise an Schulen, galten als Modell. Nun aber mussten die Solinger von ihren zugewanderten Nachbarn lernen, wie prägend das "Türke-Sein" im Alltag wirklich war: von der kleinen Benachteiligung in der Warteschlange über den ruppigen Umgang in der Behörde bis zur Aussichtslosigkeit bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Diese Erfahrung kleiner und großer Verletzungen im Alltag war es auch, die vor allem Jugendliche und junge Männer aus der türkischen Gemeinschaft Solingens in den Sturm aus Gewalt und Zerstörung riss - immer wieder angefacht von auswärtigen Agitatoren aller politischen Richtungen ihres Heimatlandes, vor allem aber der rechten "Grauen Wölfe". Solingen war damit zur Bühne türkischer Politik geworden: Ihre Akteure erkannte man überall an den Brennpunkten der Stadt inmitten des wütenden Protestes - smarte Anzugträger, Organisatoren mit einem der damals gerade neuen D-Netz-Handys.
"Solingen" als Beginn einer stärkeren Abschottung vieler Türken
Den deutschen Nachbarn war sicher kaum bewusst, dass "Solingen" damit soeben zur bedeutenden Etappe in der türkischen Migrationsgeschichte geworden war: indem Hunderttausende Zuwanderer stärker als je zuvor zur türkischen Gemeinde zusammenrückten. Mit engerer Bindung an ihren Heimatstaat - und klaren Forderungen an ihr Gastland. Für Faruk Sen, damals Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, war die weitere Entwicklung absehbar. Er warnte in Solingen davor, dass sich bei weitem nicht nur die erste Gastarbeiter-Generation stärker abschotten werde: Der Einfluss der türkischen Medien drohe zu wachsen und der Gedanke der Integration nachhaltig zu leiden.
Selbst viele engagierte Projekte haben nicht verhindern können, dass dieser Blick in die Zukunft längst Realität ist. In ganz Deutschland. "Viele sind nationalistischer geworden und religiöser", sagt Ali Dogan. "Die Zahl der Moscheen ist gestiegen, und die Leute informieren sich fast ausschließlich aus den türkischen Medien." Als Vorsitzender des Türkischen Volksvereins in Solingen beobachtet er enttäuscht, wie sich die türkische Gemeinde weiter abkapselt - und damit auch empfänglicher geworden ist für den gezielten Einfluss der türkischen Regierung auf ihre Landsleute. Erst die Historiker künftiger Generationen werden wohl unbefangen klären können, wie groß der Druck aus Ankara nach dem Anschlag war: auf die Bundesregierung und damit die Ermittler, auf die Imame der Moscheen - aber auch auf Mevlüde Genç und ihre Familie. Niemals und nirgends blieben sie ohne die aufmerksame Begleitung durch Beamte Ankaras. Was mag es für eine Familie bedeuten, seit 20 Jahren öffentlich trauern und lebendiges Mahnmal sein zu müssen?
Aber gerade in Mevlüde Genç zeigt sich auch die Zerrissenheit dieses Erinnerns: Ihr bewundernswertes Auftreten gegen Hass und Gewalt bringt ihr bis heute weltweit Respekt ein - dass ihre Aufrufe zur Integration jedoch immer noch übersetzt werden müssen, liefert den Zweiflern beständig Munition.
Auch 1993 waren V-Leute des Verfassungsschutzes im Spiel
Eine bessere Zukunft nur durch Erinnern - gerade 20 Jahre danach ist für viele Solinger diese Erinnerungsarbeit schwieriger geworden: Die jüngsten Erkenntnisse rund um die NSU-Morde eröffnen Dimensionen des Denkens, die man sich 1993 niemals zugestanden hätte: Was ist, wenn die Zeugenhinweise auf einen größeren rechtsradikalen Zusammenhang der Mordtat doch realistisch waren? Wenn die dokumentierten eklatanten Ermittlungspannen die wahren Hintergründe tatsächlich zugedeckt hätten?
Die Vorstellungskraft von behördlichem Totalversagen hat in den vergangenen Monaten geradezu Flügel bekommen. Und schon vorher waren die Zweifel vieler Solinger daran, dass die Ermittlungen und der Prozess die ganze Wahrheit ans Licht gebracht haben, nicht gerade gering: Ein Teil der Verurteilten entsprach überhaupt nicht dem Klischee tumber Glatzen, sondern kam aus gutbürgerlichen Familien und damit aus der gesellschaftlichen Mitte. Daher kannten viele Solinger erstaunlich viele Umstände der Tatnacht - und sahen sich im Urteil auf etlichen Ungereimtheiten und ungeklärten Fragen sitzengelassen. Vor allem, weil schon 1993 im Umfeld der Verurteilten V-Leute des Verfassungsschutzes eine bis heute undurchsichtige Rolle spielten.
Erwartungshaltung an ein angemessenes Erinnern
Eines erinnert in diesen Tagen sehr deutlich an den Frühsommer 1993: Wieder bemühen sich die Engagierten in Solingen, der besonderen Aufgabe der Stadt nach der unfassbaren Tat gerecht zu werden. Waren es damals Trauerarbeit und Aufarbeitung des Geschehens, so ist es heute die öffentliche Erinnerung, die als Verpflichtung angenommen wird: Ein dichter Katalog von Aktionen und Veranstaltungen über das gesamte Jahr lässt kaum einen Aspekt von Vergangenheit und Gegenwart undiskutiert. Eine sehr anspruchsvolle Agenda - aber auch der erkennbare Versuch, der Erwartungshaltung an ein angemessenes Erinnern gerecht zu werden.
Gerade deshalb aber werden sich viele Solinger selbst 20 Jahre danach wieder in die Situation gezwungen fühlen, Rechenschaft ablegen zu sollen - für ein monströses Verbrechen, das sie nicht begangen haben, nicht tolerieren wollen oder gar gutheißen können. Das macht die Erinnerung - außer dem persönlichen Erleben von Entsetzen, Scham und Angst - sicher für die meisten Solinger zur Schwerstarbeit.