Afghanistan-Beichte: Endstation heiße Luft - DER SPIEGEL
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Afghanistan-Beichte Endstation heiße Luft

Brisantes aus Afghanistan hatte der Verlag angekündigt - zum ersten Mal schreibt ein Soldat über seinen Einsatz am Hindukusch. Doch das Enthüllungsbuch "Endstation Kabul" liefert nicht die versprochenen Skandale. Dafür amüsante Episoden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Muskelbepackt, Baseballmütze, dazu ein lässiger Kapuzenpulli. Der erste Eindruck: Diesen Mann kann nichts erschüttern. Und dennoch - die Unsicherheit ist Achim Wohlgethan anzumerken. Schüchtern hält er sein Buch "Endstation Kabul" in die Kameras der zahlreich erschienenen Fotografen. "Top Secret" steht in roten Lettern hinter ihm auf dem Werbeplakat.

Die geheime Geschichte wurde vorab vom Magazin "Stern" in Auszügen gedruckt. Ein deutscher Soldat geht durch "Leben und Sterben in Kabul", erlebt Saufgelage, allerlei weitere Grausamkeiten und schließlich sogar die Verletzung des Bundestagsmandats.

Mit Achim Wohlgethan äußert sich damit erstmals ein Soldat aus der deutschen Afghanistan-Mission über seine Erfahrungen am Hindukusch. Sechs Monate war er 2002 in Kabul und Umgebung als Stabsunteroffizier stationiert. Genug Zeit, um "politisch brisante Fakten" zu präsentieren, wie der Econ-Verlag vorab ankündigt. Damit nicht genug: "Wohlgethan nimmt uns mit in armselige Krankenhäuser und gefüllte Waffenlager."

Besonders die beschriebenen Einsätze in der Umgebung Kabuls hatten im Vorfeld der Buchvorstellung für Aufregung gesorgt. Wurde deutschen Soldaten der Befehl gegeben, außerhalb der vorgesehenen Zone zu agieren - und damit das Bundestagsmandat zu verletzen?

Im einzelnen handelte es sich um Operationen außerhalb des sogenannten "Area of Responsibility", des deutschen Verantwortungsgebiets, die Wohlgethan auf Befehl der Abteilung Nachrichtenwesen (J2) unternahm. Auch an der Seite von niederländischen Spezialeinheiten sei er immer wieder außerhalb des Gebietes in Aufklärungseinsätzen tätig gewesen.

"Nein, kein Vorwurf an die Bundeswehr", beschwichtigt Wohlgethan und verweist auf die Sicherheitslage, "es wurde aus eigenem Interesse die Zone verlassen. Die Leute, die uns rausgeschickt haben, haben verantwortlich und angemessen gehandelt." Soweit, so unbrisant.

Die enthüllten Details amüsieren eher als zu schockieren. Vor Besuchen von deutschen Politikern wurden unter den ISAF-Soldaten ganze Programme einstudiert, um den Berliner Gästen das Bild einer stets fleißigen Truppe vorzugaukeln. "Das war alles nur Show. Die Leute sind nach der Vorführung wieder in ihre Zelte verschwunden."

Und der beschriebene, übermäßige Alkoholgenuss? Regelrechte "Saufgelage im Lager" hätten stattgefunden, "nicht an einem Tag wurde die Alkoholbeschränkung eingehalten", nach einer Party sah es aus "wie nach einem Mörserangriff". Auch hier wird rasch relativiert: "Da hat man mich wohl falsch verstanden", sagt der Hobbyautor, "es ging hier eigentlich nur um einen einzelnen Abend." Wohlgethan blickt in fragende Gesichter.

In den kommunikativen Sackgassen dieses Vormittags kann sich der ehemalige Bundeswehrrecke immerhin auf seinen Koautor Dirk Schulze verlassen. Schulze erläutert die alltäglichen Probleme: "Es gab damals einfach keine Freizeitmöglichkeiten. Deswegen haben viele auch aus Langeweile einen über den Durst getrunken."

Die Suche nach den angekündigten skandalösen Fakten bleibt auch für den Rest der Veranstaltung erfolglos. Schulze erklärt das eigentliche Ziel des Buches: "Wir wollten es schaffen, eine innere Diskussion zu entfachen, um eine Verbesserung der Situation für die Soldaten zu erreichen". Es soll also kein Skandalbuch sein. Aber warum dann der Titel "Top Secret"? Auch Schulze hat hier keine passende Antwort parat: "Das ist der Eyecatcher."

In diesem Jahr werden Wohlgethan und Schulze noch einmal zusammen nach Afghanistan fliegen. Zusammen mit dem Verlag planen sie schon eine Neuauflage des Buches. Diesmal ist die Mission im Norden des Landes das Thema. Man darf gespannt sein.