Afghanistan Die Knastkinder von Kabul
Hamburg - Taxifahrer in Kabul überlegen es sich zweimal, ob sie zu dem Gefängnis Pul-e Charkhi im Osten der Stadt fahren. Kidnapper und Mörder sitzen hier ein und ehemalige Insassen des US-Lagers Guantanamo. Selbst die Soldaten, die es bewachen, wirken im Schatten des Festungsbauwerks wie Gefangene und stehen wie angepflockt im Hof herum.
Wie der Uno-Nachrichtendienst Irin vor kurzem berichtete, sind hinter den Mauern des Gefängnisses aber auch Frauen eingesperrt - und deren Kinder, obwohl sich die in ihrem jungen Leben nichts zu Schulden kommen ließen.
Die Kinder verbringen mit ihren Müttern oft Jahre hinter Gittern, weil ihnen sonst eine ungewisse Zukunft auf der Straße in Kabul drohen würde. Die inhaftierten Frauen behalten sie deswegen lieber bei sich in den Zellen, die sie aber noch mit anderen Frauen sowie deren Kindern teilen müssen.
Der Uno-Nachrichtendienst beschreibt die bedrückende Welt des Frauenblocks von Pul-e Charkhi am Beispiel von Fatima. Mit ihrem jüngeren Bruder lebt sie seit vier Jahren an der Seite ihrer Mutter hinter Schloss und Riegel. "Ich träume davon, wie andere Mädchen zur Schule zu gehen", spricht die Zwölfjährige tapfer gegen die Beklemmung und Zerrüttung an, die sie umgibt. In der Zelle drängen sich sechs weitere Frauen und dazu noch sieben Kinder, mit denen Fatima so ihre Schwierigkeiten hat.
Es ist zu befürchten, dass sie bis weit in ihre Jugend hinein in diesem Milieu leben muss. Denn Fatimas Mutter war 2003 von einem afghanischen Gericht zu elf Jahren Haft verurteilt worden, weil sie ihren Mann getötet hat. Über das Motiv der Tat macht Irin keine Angaben und auch nicht darüber, ob es im Affekt geschah, weil die Frau womöglich geschlagen oder sonstwie schikaniert wurde.
Häusliche Gewalt ist jedenfalls ein Übel in Afghanistan, wo manchmal schon Mädchen verheiratet werden und sogenannte Ehrenmorde an der Tagesordnung sind - ebenso wie Selbstverbrennungen von schwer traumatisierten Frauen, die aus ihrer Lage keinen Ausweg sehen.
Monströse Sonderwelt
Das Leid hängt mit den sozialen und religiösen Normen in Afghanistan zusammen, aber auch mit den Gesetzen, die noch immer von der Scharia beeinflusst sind. So befindet sich die Hälfte aller Insassinnen Pul-e Charkhis hinter Gittern, weil ihnen "moralische Vergehen" vorgeworfen wurden. Damit ist vor allem Ehebruch oder auch nur der Versuch dazu gemeint. Die Uno-Behörde zur Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat das in einer Studie festgehalten, die mit Hilfe der österreichischen Regierung und nach der Befragung von 56 Frauen in dem Frauenblock zustande kam.
Immerhin haben die Uno-Inspektoren auch gesehen, dass sich die Inhaftierten dort in einem Innenhof begegnen können und dass ein afghanisches Hilfswerk eine Tagesstätte eingerichtet hat, in der die Kinder spielen und basteln und die Älteren unter ihnen wenigstens ein bisschen unterrichtet werden. Sie lernen das Alphabet, einfaches Rechnen und in einem dritten Fach - man ist schließlich in Afghanistan Wichtiges über den Islam.
Fast alles andere liegt in der monströsen Sonderwelt von Pul-e Charkhi im Argen. Die Toiletten und Waschräume etwa befinden sich außerhalb des Frauenblocks, und als die Uno-Inspektorin zu Besuch war, gab es trotz der Kälte keine Heizung.
Von den 43 Kindern, die sich in dem Gefängnis befanden, waren zwölf auch dort geboren worden einige von ihnen mit Hilfe der Aufseherinnen, da die Mütter von den Hospitälern in Kabul nicht zur Entbindung angenommen wurden.
Das Hilfswerk Medica Mondiale steht den Frauen mit seelischem und rechtlichem Rat zur Seite. Doch ob das den Kindern hilft, die kein normales und soziales Leben kennenlernen, ist zweifelhaft. Wenn sie keine Angehörigen besitzen, die sich um sie kümmern, müssen sie wie Fatima und deren kleiner Bruder noch Jahre in dem berüchtigten Gefängnis verbringen.