Al-Qaidas Strategie Und morgen Rom?
Berlin - "Die Kunst des Krieges", "Die Enzyklopädie des Dschihad", "Wofür und gegen wen kämpfen wir?" - Die Reihe der von Qaida-Terroristen und -Strategen verfassten Bücher, Papiere und Pamphlete wird immer länger. Das Terrornetzwerk betrachtet sich selbst schon lange als eine lernende Organisation, die ihre Strategie nach dem jeweils erforderlichen und machbaren ausrichtet.
Im Westen, wo das Bild einer hysterisch aufgepeitschten und blind dreinschlagenden Kriegertruppe vorherrscht, muss man sich daran noch gewöhnen. Dabei sind solcherlei Strategiepapiere Schlüsseldokumente: Sie gehören zu den besten Quellen um auszuloten, für welche Region dieser Welt die Gefahr eines größeren Terroranschlags besonders akut ist - nach der gestrigen Bombenserie in London eine entscheidende Frage. Was also sagen die einschlägigen Qaida-Papiere? In welche Richtung deutet die aktuelle Propaganda?
Klar ist: Alle Qaida-Vordenker sind sich einig, dass jene Staaten, die an den Kriegen im Irak und in Afghanistan beteiligt sind, per se Feinde darstellen. Fast alle dieser Länder wurden schon namentlich erwähnt, in einem Strategiepapier zum Irak aus dem Jahr 2003 beispielsweise Spanien, Großbritannien Polen, Italien, Japan und die Ukraine. In einem gestern aufgetauchten Bekennerschreiben zu den Bomben in London - dessen Authentizität noch in Frage steht - wurden außerdem Drohungen gegen Italien und Dänemark ausgestoßen. Beide Länder engagieren sich im Irak.
Aber auch Deutschland haben die Terroristen ganz klar im Visier, trotz der von al-Qaida durchaus wahrgenommenen und positiv kommentierten Irak-Abstinenz. Im Juni 2004 erkannte das Bundeskriminalamt in einem internen Papier laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung": "Es steht zu befürchten, dass Deutschland, insbesondere aufgrund seiner Rolle in Afghanistan und des Engagements im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, zunehmend zum Ziel gewalttätiger Aktionen werden könnte."
Latente Gefährdung Deutschlands
Grundlage dieser (Neu-) Einschätzung war die Ermordung eines Deutschen in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad kurz zuvor. SPIEGEL ONLINE hatte damals ein Bekennerschreiben der al-Qaida gefunden, in dem es hieß: "Die Mudschahidin ... haben einen westlichen Ungläubigen getötet, der deutscher Staatsangehöriger war." Es gelte, sich zu erinnern, "dass Deutschland eines der grundsätzlichen Länder der internationalen Allianz gegen den Islam ist", und "mit Kraft" ebenso am "Überfall auf Afghanistan" wie auch am "US-amerikanischen Projekt der Besatzung der islamischen Länder" mitwirke. Das BKA schloss daraus, dass jeder Anschlag gegen deutsche Ziele sich mit Hilfe dieser Argumentation rechtfertigen lasse.
Zwar spielt die Bundesrepublik in Qaida-Papieren nie eine Hauptrolle; aber sie gilt in islamistischen Kreisen als überaus israelfreundlich, was ein weiterer Anlass sein könnte, auf deutschem Boden Anschläge zu verüben. Bereits im Jahr 2001 hatte die so genannte "Tawhid"-Zelle, die mit dem heutigen Qaida-Statthalter im Irak, Abu Musab al-Sarkawi, verbunden war, offenbar Anschläge auf jüdische Ziele geplant. Diese Bedrohungslage besteht nach dem Anschlag von London unverändert fort, was auch Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) gestern erklärte.
Nimmt man die Häufigkeit und Deutlichkeit von Aussagen in Qaida-Papieren zum Maßstab, stehen Italien und Polen - als vermeintlich wichtigste US-Alliierte gleich nach Großbritannien - dagegen eine Stufe höher auf der Rangliste potenzieller Ziele. So wurde in dem oben beschriebenen Papier aus dem Jahr 2003 Spanien als "erster Dominostein" bezeichnet - weil in diesem Land der Widerstand gegen den Irakkrieg am größten sei, würde ein Anschlag die heftigsten Auswirkungen haben, analysierten die Verfasser. Polen und Italien tauchten als nächste mögliche Angriffsziele auf. Zwar ist in dem Papier eigentlich gemeint, dass die Soldaten dieser Länder im Irak angegriffen werden sollten, doch zeigt das Beispiel von Madrid und London, dass Terror-Zellen der al-Qaida oder solche, die sich ihr zugehörig fühlen, offenbar von dieser Liste genügend inspiriert wurden, um in den genannten Ländern selbst zuzuschlagen.
Aufwändige Planungen
Experten sehen zwischen Italien und Polen indes einen Unterschied: Italien ist zum einen wesentlich häufiger genannt worden (der Premierminister Silvio Berlusconi auch namentlich), zum zweiten muss man operative Erwägungen der al-Qaida in Betrachtung ziehen. In Polen leben kaum Araber; eine Terrorzelle ist einer ungleich höheren Gefahr ausgesetzt, aufzufallen, als etwa in London oder in Rom. Auch Berlin ist unter diesem Gesichtspunkt ein einfacheres Ziel. Erst heute tauchte übrigens eine erneute Warnung gegen Rom auf - angeblich von einer Qaida-Gruppe.
Daneben gilt auch Istanbul, das im November 2003 schon von einem Qaida-inspirierten Anschlag heimgesucht wurde, als gefährdet. Für die Islamisten ist die Türkei deshalb von Bedeutung, weil sie gegen die dort praktizierte Trennung von Staat und Religion sind. Allerdings ist in Istanbul die Gefahr für die Zivilbevölkerung etwas geringer, die für ausländische Firmen und Institutionen dafür umso größer. Denn auch, wenn sie es beständig religiös rechtfertigt, versucht al-Qaida, nicht unnötig viele Muslime zu töten. Beim Terrorismus geht es schließlich auch um Sympathiewerte in der islamischen Welt.
Bei allen Überlegungen über potenzielle Ziele in den westlichen Staaten muss allerdings berücksichtigt werden, dass al-Qaida mittlerweile eine vollständig veränderte Struktur hat und auf zwei Ebenen parallel agiert. Anschläge wie der in London gestern - große, symbol- und prestigeträchtige Anschläge in Metropolen - sind eine dieser Ebenen. Sie sind geeignet, dass Ansehen der al-Qaida als professionelle Organisation zu steigern und kommen wegen der aufwändigen Planungen nicht sehr häufig vor.
Wie viel weiß Bin Laden?
Weit öfter dagegen gibt es Anschläge kleineren Ausmaßes wie Überfallkommandos auf westliche Firmen in Saudi-Arabien oder die täglichen Selbstmordanschläge im Irak. Al-Qaida ist zwar eine international operierende Organisation, zugleich aber eine lokal aktive Islamistentruppe. Dass der Qaida-Gründer Osama Bin Laden über jeden Anschlag in Bagdad oder Riad vorab informiert wird, ist unwahrscheinlich. Solcherlei gehört gewissermaßen zum laufenden Geschäft. Ein Beispiel für die Trennung dieser Ebenen ist al-Sarkawis antischiitische Propaganada: Er will einen Bürgerkrieg im Irak entfesseln. Auf einen Qaida-Angriff auf den schiitischen Iran glaubt trotzdem niemand. Denn bei internationalen Zielen, jenseits der Heimatländer der mehrheitlich arabischen Terroristen, stehen andere Überlegungen im Vordergrund als das innerislamische Schisma.
Bei Attacken wie in Madrid oder London gilt es wegen ihrer hohen Bedeutung für das Netzwerk indes als denkbar, dass der im Versteck lebende Bin Laden explizitere Order gegeben hat. Sicherheitsbehörden vermuten überdies einen Zusammenhang zwischen seinen Reden und Anschlägen: Erwähnt der Top-Terrorist in einer seiner Videoansprachen ein bestimmtes Land, gehen sie von einer erhöhten Gefährdung aus.
Liest man Qaida-Papiere genau, erkennt man aber auch eine dritte Ebene, die sich weniger an Orten als vielmehr an der besonderen Eigenschaft der Ziele festmachen lassen. So spielt die Schwächung der westlichen Wirtschaft eine entscheidende Rolle in den Überlegungen der Terroristen. "Wir glauben, dass der irakische Widerstand in der Lage ist, die Kosten für die USA in die Nähe dessen zu treiben, was ihnen als erwartete Obergrenze gilt, (...) nämlich 400 Milliarden US-Dollar", heißt es in dem 2003-Papier - eine Schlussfolgerung, die die Terroristen aus innenpolitischen Debatten in den USA und der Zeitungslektüre von Wirtschaftsblättern gewannen. Es folgten: Anschläge auf Ölförderanlagen. Steigt der Ölpreis nach einem Anschlag in Saudi-Arabien, jubeln die Islamisten ebenfalls. Und vor wenigen Monaten erst drohte die saudische Qaida-Filiale mit Anschlägen auf westliche Fluggesellschaften - mit dem erklärten Ziel, ein finanzielles Desaster für die Airlines auszulösen.
Ähnliche Überlegungen liegen den immer wieder veröffentlichten "Ranglisten" von Zielen sind zugrunde. Qaida-Ideologen schreiben darin etwa, man möge einen Israeli vor einem Briten, einen Juden vor einem Christen oder einen Wirtschaftsboss vor einem Priester töten. Es gibt also auch eine individuelle Bedrohung, die von al-Qaida ausgeht. Entführungen im Irak, in Afghanistan und in Saudi-Arabien bezeugen das.
"Und morgen Berlin?", fragte heute die Berliner Boulevard-Zeitung "B.Z." - die Antwort auf diese Frage lautet im Moment: Morgen sicher nicht, und auch nicht übermorgen. Aber auszuschließen ist ein Qaida-Angriff in Deutschland keinesfalls. Das Motiv ist vorhanden, willige Täter vermutlich auch.