Angst vor der Seuche Ehec und wir
Hamburg - Die Lager sind klar gespalten: Es gibt die Ängstlichen und die Ignoranten. Diejenigen, die Gewürzgurkengläser im Mülleimer versenken - auch wenn klar ist, dass sie im Juni 2010 abgepackt wurden und mit Ehec gar nichts zu tun haben.
Es gibt Menschen, die ihren Kühlschrank desinfizieren, weil sie vor Wochen Tomaten gelagert haben, und selbst eingelegte Tomaten wegschmeißen. Man weiß ja nie.
Ernährungsbewusste, rohkostaffine Mütter kochen plötzlich Tiefkühlgemüse zu Brei. In Fastfoodrestaurants animieren Eltern ihre Kinder gar, das pappelige Salatblatt vom Burger zu friemeln - "wegen dem Durchfall".
Andere hingegen kaufen Gurken ohne Ende - so günstig wie jetzt ist das Gemüse selten. Und auf Erdbeeren würden sie schon gar nicht verzichten.
Was macht das Bakterium mit uns? Fünf Menschen berichten aus ihrem Leben in der Zeit von Ehec. Eine Typisierung.
Jens Witte, 29, SPIEGEL-ONLINE-Redakteur: Der Unerschrockene
Ich esse gerne, viel und manchmal sogar Gemüse. Ja, auch jetzt, in Ehec-Zeiten, greife ich zu Tomaten, Gurken und Salat - und gehöre damit zu der Hälfte der Bundesbürger, die einer Forsa-Umfrage zufolge nicht die Finger von Rohkost lässt.
Warum auch?
Klar, hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Aber das Risiko für den einzelnen, sich zu infizieren, halte ich bei ein paar hundert Hus-Fällen für gering. Zumindest für wesentlich geringer als die gefühlte Bedrohung, durch die derzeit jedes kleine Grummeln im Bauch gleich als Zeichen dafür gewertet wird, sich mit dem todbringenden Darmkeim angesteckt zu haben. Gerade in Hamburg, das ja im Moment als eine Art Ehec-Hauptstadt gilt.
Im Kühlschrank sieht es deshalb nicht anders aus als noch vor vier Wochen, vor der sogenannten Ehec-Krise. Ich habe einfach keine Lust, wegen der Panikmache zum Beispiel auf Erdbeeren zu verzichten. Dafür schmecken sie zu gut. Und ein Sandwich ohne Tomate ist - trotz aller Hysterie - kein richtiges Sandwich.
In ein paar Wochen, wenn Ehec aus dem Fokus der Berichterstattung gerückt sein wird, dann werden auch in den meisten Kühlschränken wieder Gurken und Tomaten liegen. Das lehrt die Erfahrung vergangener sogenannter Lebensmittelskandale. Oder hat noch irgendjemand ernsthaft Angst vor BSE, wenn er Rindfleisch isst?
An den Gewohnheiten meiner Ernährung wird sich also wohl auch künftig nicht viel ändern. Ein Verzicht auf Obst, Salat oder Gemüse kommt nicht in Frage. Mit Ausnahme von Rosenkohl - aber das hat nun wirklich nichts mit Ehec zu tun.
Sybille Hübner*, 45, Sekretärin, Mutter von zwei Kindern: Die Vorsichtige
Bei meinem Mann hat es etwas gedauert. Während ich schon die Klotüren im Büro mit spitzem Ellenbogen öffnete und jeden Morgen hektisch meine Tastatur desinfizierte, schälte er noch seelenruhig Bananen in den Haferbrei meiner Kinder.
Während ich tonnenweise Bio-Gemüse in den Müll warf und den Knirpsen eintrichterte, nie-nie-nie frisches Gemüse oder Salat zu essen, sondern nur noch lecker durchgekochte Pampe, fragte er mich neulich, ob es denn tatsächlich so krass sei mit diesem Ehec-Bakterium.
Ja, es ist krass. Und alle Statistiken dieser Welt über ungleich mehr Grippe- oder Unfalltote pro Jahr können nicht davon ablenken, dass hier Menschen auf abscheuliche Weise erkranken und bisweilen ums Leben kommen - und gleichzeitig weder die Ursache noch die Verbreitungswege abschließend geklärt sind. Ganz zu schweigen von den mangelnden Therapiemöglichkeiten.
Wer jemals auf Reisen so heftige Darminfekte hatte, dass er glaubte, ohne medizinische Hilfe elendig zu verrecken, wird verstehen, warum ich mit Angst reagiere. Kurz nach der Geburt meiner Tochter erkrankte die gesamte Familie am Noro-Virus, was zur Folge hatte, dass ich längere Zeit nicht stillen konnte, weil ich kein Wasser bei mir behalten konnte. Elementarer Horror für eine Mutter.
Große Ratlosigkeit
Es war also ein Leichtes für den garstigen Keim, innerhalb kürzester Zeit unseren Alltag zu beherrschen. Nein, wir experimentieren nicht mit frischem Obst, Tiramisu, Mozzarella oder rohem Fleisch und Fisch. Gemüse gibt es nur noch tiefgekühlt und gut durchgekocht (bäh), dafür fiese Grillplatten und Kohlehydrate in jeder Form.
Es hat sich eine große Ratlosigkeit breitgemacht, was man denn überhaupt noch kochen soll. Unsere Kinder sind nicht wählerisch, haben aber Lebensmittelallergien, was das ganze um einiges komplizierter macht. Auch das Wohlbefinden leidet eindeutig - bei so viel Junkfood in kurzer Zeit kein Wunder.
Beruhigend: Meine siebenjährige Tochter ist Nachrichtenfan und von daher nicht nur bestens über Ehec informiert, sondern auch zugänglich, was hygienische Vorsorgemaßnahmen betrifft. Das gilt nicht für ihren vierjährigen Bruder, der Händewaschen öde findet und neulich Dreck vom Auto kratzte, um sich hinterher die Finger abzulecken. Doch auch die Vernunft der Tochter hilft wenig, wenn der Erzieher auf dem Wochenend-Jugendcamp die Kinder mit den Fingern Müll sammeln lässt, ohne sie hinterher zu ermahnen, die Hände zu waschen.
Ganz klar: Es gibt Schlimmeres als Ehec. Aber die Epidemie wird uns noch eine Weile beschäftigen, und solange keine klaren Daten darüber vorliegen, wie der "Killer-Keim" entstand und wo er her kommt, regiert bei uns die Pampe. Wenigstens bis zum Urlaub, da sind wir in Russland. Ehec-freie Zone dank Importverbot, ha.
*Name von der Redaktion geändert.
Simone Utler, 36, SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin: Die Pragmatikerin
Angst würde ich es nicht nennen. Und Panik erst recht nicht. Vorsicht trifft es vielleicht am ehesten. Und eine gesunde Portion Respekt vor jeglicher Form von Darmerkrankungen. So sieht meine derzeitige Gefühlslage in Sachen Ehec aus.
Und daher bin ich seit den ersten Berichten über einen möglichen Zusammenhang mit Gurken, Tomaten und Salat vorsichtig, wenn es um rohe Lebensmittel geht, besonders um Gemüse. Ich bestelle in Restaurants keinen Salat, lasse jegliche Deko liegen, verzichte dankend auf die sonst von mir so geliebten Erdbeeren. Und auf die Weintrauben. Sicher ist sicher, denke ich mir.
Und solange keiner genau sagen kann, auf was man definitiv verzichten sollte, verzichte ich einfach auf etwas mehr. Fällt mir nicht schwer. Ich esse auch in Ehec-freien Zeiten gern Gyros mit Pommes und ohne Zwiebeln. Jetzt kann ich das sogar mit gutem Gewissen tun.
Mein Kochverhalten hat sich geändert - genau genommen schon mein Einkaufsverhalten. Ich gehe zurzeit nicht auf den nahegelegenen Wochenmarkt, nicht zum Gemüsehändler meines Vertrauens an der nächsten Ecke und nicht an die Gemüseregale in Supermärkten.
Jetzt wird die Vorratskammer geplündert
Auch hier ist nicht Angst oder Panik die Antriebsfeder, sondern ehrlich gesagt ein gutes Stück Bequemlichkeit. Es ist mir zu anstrengend, mich damit zu beschäftigen, ob dieses Gemüse begutachtet ist, eine entsprechende Liste im Supermarkt aushängt, oder ob man ein Obst theoretisch gut zu Kompott verarbeiten könnte.
Ich nutze die derzeitige Lage sogar aus - um mich endlich mal meiner eigentlich viel zu gut gefüllten Vorratskammer zu widmen. Leider habe ich beim Einkaufen stets die Tendenz, auf Nummer sicher etwas mitzunehmen: mal zwei Konserven Mais für den nächsten potentiellen Salat, mal vier Dosen geschälte Tomaten, Kokos-Milch für den Tag, an dem ich das frische Gemüse kaufe, mit dem ich dann anschließend ein Thai-Curry machen könnte. All diese Dosen stehen monatelang, manche sogar jahrelang, in meiner Vorratskammer und stauben - immerhin nach Größe sortiert und mit der Schrift nach vorne - langsam ein. Im Tiefkühlfach sieht es ähnlich aus: Brokkoli. Erbsen. Rahm-Lauch. Kaisergemüse. Eingekauft für ich-weiß-nicht-welchen Fall, inzwischen aneinander festgefroren.
Jetzt scheint der richtige Zeitpunkt, all das Gemüse, das eindeutig vor der aktuellen Ehec-Epidemie gepflückt und abgepackt wurde, zu verarbeiten. Zusammen mit dem Couscous, dem Reis, den Nudeln, die ebenfalls in meiner Speisekammer liegen. Und so gibt es immer neue Varianten der doch ähnlichen Vorräte. Meine Regale werden endlich leer, ich kann entspannt essen - und hoffe, dass die Ehec-Quelle gefunden wird, bevor alles aufgebraucht ist.
Rebecca Lange, 27, PR-Referentin: Die Vegetarierin
Ich bin seit fünf Jahren Vegetarierin und habe auch vorher nur wenig Fleisch gegessen, vielleicht ein- bis zweimal in der Woche. Ich bin gegen Massentierhaltung und war noch nie ein Fleischfan.
Am Anfang hat mich Ehec nicht wirklich abgeschreckt. Aber als immer mehr Leute betroffen waren und die Krankheit einen immer schlimmeren Verlauf genommen hat, änderte sich das. Irgendwann war klar, dass vor allem Frauen betroffen sind, im Alter von 20 bis 40 Jahren und vor allem solche, die sich gesund ernähren. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht.
Als dann die Meldungen zu den möglichen Ursachen kamen, habe ich die Gurke, die noch im Kühlschrank lag, weggeschmissen. Als Vegetarierin ist es aber für mich schwierig, ganz auf Obst und Gemüse zu verzichten. Noch bin ich optimistisch und denke: Mich wird es schon nicht treffen. Aber vorsichtig bin ich trotzdem. Ich esse keine Blattsalate mehr, keine Gurken und rohen Tomaten, die ich sonst auf's Brot schneiden würde. Ich kann ja nicht auf Currywurst ausweichen wie andere.
Gemüse esse ich nur, wenn es gekocht ist, Obst wasche ich sehr gründlich ab. Sprossen habe ich noch gegessen, nachdem Ehec bereits kursierte, aber inzwischen würde ich sie auch nicht mehr kaufen, bis endgültig geklärt ist, ob sie die Ursache sind.
Besorgt bin ich schon, da es ungewöhnlich lange dauert herauszufinden, woher die Epidemie kommt. Ich bin nicht total verängstigt, aber ich denke häufiger darüber nach, was ich esse - und will es nicht unbedingt darauf anlegen.
Hilde Jens*, 86, pensionierte Lehrerin: Die Abgeklärte
Wie heißt dieser Keim noch? Ehec? Mich interessiert die Aufregung darüber nicht sonderlich. Ich esse genauso wie ich bisher auch gegessen habe: Am Wochenende gab es Salat. Ich hatte noch einen kleinen Kopf Eisbergsalat im Kühlschrank, daraus habe ich mir zwei Portionen gemacht - und die habe ich ganz ohne Sorge gegessen.
Mir ist bisher nichts passiert, ich fühle mich wohl. Gurken und Tomaten darf ich wegen einer früheren Erkrankung sowieso nicht essen. Und jetzt sollen es Sprossen sein? Also gut, um es kurz zu machen: Ich kümmere mich nicht darum. Meistens esse ich ohnehin Gekochtes, und das ist ja unbedenklich.
Wegwerfen kommt für mich nicht in Frage. Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt, ich bringe es nicht fertig, Essen wegzuwerfen. Die Einkäufe erledigt gerade meine Tochter für mich, weil ich mir den Fuß gebrochen habe. Hier bei uns im Ort habe ich bisher auch von keinem Ehec-Betroffenen gehört, vielleicht geht mir das Thema deshalb auch nicht wirklich nahe.
Aber das hat natürlich auch etwas mit dem Alter zu tun. Ich will gar nicht leichtsinnig erscheinen, aber was soll ich als alter Mensch auch anders machen? Ich werde dieses Jahr 87, ich habe lange genug gelebt. Wenn ich krank werden sollte, dann lege ich mich ins Bett und tue, was der Doktor mir sagt. Und wenn ich sterben soll, dann sterbe ich. Darauf muss man sich als alter Mensch einlassen.
* Name von der Redaktion geändert.