Anzeige gegen Papst: Der Verkehrssündenfall - DER SPIEGEL
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Papst in Deutschland: Ohne Gurt im Papamobil

Foto: ARND WIEGMANN/ REUTERS

Anzeige gegen Papst Der Verkehrssündenfall

Im Papamobil tourte der Papst durch deutsche Städte, im Schritttempo und ohne Gurt. Ein Mann aus Dortmund hat ihn deswegen nun angezeigt. Kann denn der Papst (Verkehrs-)Sünder sein?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Als der Papst in Deutschland zu Besuch war, stellten sich viele Fragen. Äußert er sich zum Missbrauchsskandal? Was sagt er vor dem Bundestag? Bewegt er sich auf die Protestanten zu?

Uwe Hilsmann aus Dortmund fragte sich etwas ganz anderes: Wieso ist der Papst im Papamobil eigentlich nicht angeschnallt? In Deutschland gilt schließlich die Gurtpflicht.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, auch der Papst, dachte Hilsmann. Der Papst könnte sich verletzen, wenn er nicht angeschnallt ist, dachte Hilsmann. Und der Papst hat eine Vorbildfunktion, viele junge Menschen schauen zu ihm auf, dachte Hilsmann.

Hilsmanns Antwort liegt seit Donnerstag in Form einer Anzeige beim Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Freiburg im Breisgau vor. Gestellt hat sie der Anwalt Johannes Sundermann aus Unna, in Hilsmanns Namen. "Ich habe keine andere Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen", sagt Hilsmann. "Die Anzeige soll zum Nachdenken anregen."

Konkret liest sich das so: Der Betroffene, Joseph Ratzinger, geboren am 16.04.1927 in 84533 Marktl, habe am 24. und 25. September "jeweils über einen Zeitraum von mehr als einer Stunde ordnungswidrig gehandelt, dies obwohl er besondere Einsicht in das Unrecht seines Handelns aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit haben müsste".

Ehrliche Sorge oder PR-Kniff?

Dass der Papst nicht angeschnallt war, ist unstrittig. Jeder konnte es sehen, die Videos stehen auf YouTube . Sicherheitshalber hat Sundermann als Zeugen noch Robert Zollitsch, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, und Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, einen überzeugten Katholiken, angegeben. Sie begleiteten den Papst bei seinem Stopp in Baden-Württemberg.

Rausreden kann sich Benedikt XVI. auch nicht. Papamobil-Hersteller Mercedes hat bereits bestätigt, dass das Fahrzeug an allen Sitzplätzen mit Sicherheitsgurten ausgestattet sei.

Aber, mit Verlaub: Anschnallpflicht für den Papst, das klingt wie Rauchverbot für Helmut Schmidt, wie Majestätsbeleidigung. Ist Sundermann wirklich um die Sicherheit in einem Vehikel besorgt, das im Schritttempo auf einem abgesperrten Kurs fährt? Oder ist die Anzeige einfach nur ein juristischer Kniff, um die Kirchenoberen mal so richtig der Lächerlichkeit preiszugeben? Und nebenher mit seiner kleinen Kanzlei von der PR zu profitieren?

"Wenn ich die PR bekomme, bin ich nicht böse", sagt Sundermann. "Die Anzeige ist aber kein Jux." Sein Mandant habe "den Papst im Fernsehen gesehen und war aufgebracht". Er werfe den Behörden in Freiburg vor, dass sie ihren Pflichten nicht nachgekommen seien. "Sie haben das Problem verdrängt." Mandant Hilsmann sieht die Sache etwas lockerer. "Das Ganze mache ich mit einem Augenzwinkern", sagt Hilsmann, 47, Beamter bei der Bahn.

Es brauchte wohl einen Anwalt wie Sundermann - Mitglied in der Linken, aus der katholischen Kirche ausgetreten - um sich des Falls anzunehmen. "Herr Hilsmann war bei einem anderen Kollegen, der hat gesagt, das ist mir zu heiß", sagt Sundermann.

"Vor der Verwaltung sind alle Menschen gleich - auch der Papst"

Die Stadt Freiburg hat bisher nur den Eingang der Anzeige bestätigt. Sollte die Stadt sie für berechtigt halten, würde der Papst die Gelegenheit bekommen, sich zu den Vorwürfen zu äußern. "Das wäre schon eine Genugtuung", sagt Sundermann. Er ist zuversichtlich: Die Stadt Freiburg bemühe sich, das Verfahren ordnungsgemäß durchzuführen.

Nun muss die Bußgeldbehörde also prüfen, ob für den Betroffenen "mit seinem Fahrzeug Fabrikat Mercedes Benz (Spezialumbau), amtliches Kennzeichen SCV 1", bei seinen Fahrten in Freiburg die Anschnallpflicht galt. "Vor der Verwaltung sind alle Menschen gleich - auch der Papst", sagt Edith Lamersdorf, Pressesprecherin der Stadt.

Falls Sundermann und sein Mandant Erfolg haben, wäre der Imageschaden für den Papst deutlich höher als der finanzielle. 30 Euro, sagt Lamersdorf, betrage das Bußgeld für Fahren ohne Gurt. "Ich rechne mir zwar kaum Chancen aus", sagt Hilsmann. "Mir wäre es aber lieb, wenn er zahlen müsste und seinen Fehler zugeben würde."

Jenseits von Anschnallpflicht und Ordnungswidrigkeiten muss aber geklärt werden, ob der Papst ein normaler deutscher Bürger oder ein Staatsoberhaupt ist, für das die deutsche Rechtsprechung nicht zuständig ist. "Nach meiner Auffassung unterliegt Herr Ratzinger der deutschen Justiz", sagt Sundermann.

Ob der Papst als Kirchen- oder Staatsoberhaupt nach Deutschland kommt, war vor seinem Besuch eine wichtige Frage. Richtig beantwortet wurde sie nie.