Glaube auf den Philippinen: Dem Himmel so nah
Exorzismus auf den Philippinen Nächte des Satans
Man kommt ganz schön rum bei diesem Job, aber mittlerweile ist es auch Pater Michael Joe Zerrudo, 42, zu viel. Neulich musste er bis in den Dschungel Papuas reisen, um dem Satan die Seelen zu entreißen. "So geht es nicht weiter", sagt der katholische Priester und blickt versonnen auf die Schar der Messdiener, die sich hinter ihm in Reih und Glied aufbaut und langsam die Devine Mercy Parish von Manila füllt.
Seit sich einer seiner Kollegen vor kurzem nach China abgesetzt hat, um dort Konfuzianer und Taoisten zu bekehren, gibt es nur noch zwei Exorzisten im Großraum Manila, einem Ballungsgebiet von immerhin rund 14 Millionen Menschen.
"Wie sollen wir beide das allein schaffen?" fragt Zerrudo, "manchmal stehen hier vier oder fünf Patienten vor der Tür und müssen geheilt werden, und es werden immer mehr." Mehr als eine Teufelsaustreibung schaffe er aber nicht pro Woche, sagt Zerrudo und schwitzt unter seinem pechschwarzen Talar, Exorzismus ist ein anstrengendes Gewerbe.
Weiß der Himmel, warum der Satan ausgerechnet im Moment so aktiv ist! Die Zahl der Fälle, in denen Menschen vom Teufel besessen sind, steige derzeit geradezu dramatisch an. "Vielleicht liegt es daran, dass immer mehr Menschen vom Glauben abfallen", sagt der Exorzist. "Da hat der Teufel leichtes Spiel."
"Exorzismus ist eine ziemlich ernste Angelegenheit"
Die Philippinen sind ein streng katholisches Land. Der christliche Glaube gehört zum Erbe der spanischen Kolonialisten. Mehr als 80 Prozent der über 90 Millionen Filipinos bekennt sich mittlerweile zum Glauben an Jesus, Maria und den lieben Gott. Die Religion hat sich irgendwann mit dem Naturglauben an die Götter des Waldes, des Weins und der Weiber vermischt.
Herausgekommen ist eine oft bizarre Mischung aus spanisch-katholischer Sittenstrenge und südseeinsularem Ahnenkult und Geisterglauben. In der Osterwoche lässt sich dieses Phänomen am besten beobachten. Dann ziehen durch die Straßen vieler philippinischen Städte Frömmler, die sich mit mehrschwänzigen Peitschen den Rücken in blutige Fetzen geißeln oder sich wie Jesus an Kreuze nageln lassen.
Es sei eines der traurigen Kapitel des hispanischen Vermächtnisses, lässt der britische Romancier James Hamilton-Paterson ("Die Geister von Manila") einen seiner Protagonisten sagen, "dass wir ihren düsteren, pathologischen Schwachsinn erben mussten".
Michael Joe Zerrudo verzieht den Mund. Pathologischer Schwachsinn - wenn er so etwas schon hört. Überhaupt werde sein Beruf notorisch falsch dargestellt - spätestens seit 1973 der Horrorstreifen "Der Exorzist" in die Kinos gekommen sei. "Exorzismus ist eine ziemlich ernste Angelegenheit", versichert der Priester. "Ich habe das extra in Rom studiert." Gerade erst habe er sich mit 60 anderen Exorzisten auf einem Seminar in der Ewigen Stadt getroffen und die Probleme erörtert.
"Ich werfe Dich hinaus, unsauberer Geist"
Einhellige Meinung: Es gibt zu wenig Exorzisten auf der Welt bei gleichzeitig zunehmender teuflischer Aktivität. Aber womöglich hätten viele Priester Angst vor dem heiklen Job, mutmaßt Zerrudo. Schließlich kommt man dem Antichristen nur selten so nah wie bei einer richtigen Teufelsaustreibung. Und die kann sich hinziehen; nicht selten dauert ein Exorzismus mehrere Tage.
Dabei gibt es klare Regeln in dem Gewerbe. Zunächst wird der Delinquent von einem Psychologen begutachtet, ob er tatsächlich vom Satan besessen ist. Dabei offenbart sich der Teufel meist durch die immergleichen Zeichen. Laut Pater Zerrudo sind die typischen fünf Symptome:
- Jemand spricht eine Sprache, die er eigentlich nicht beherrscht.
- Jemand hat Kenntnis von Dingen, die geheim sind.
- Jemand verfügt über unnatürliche Kräfte.
- Jemand hasst alles Religiöse.
- Jemand kann schweben.
Zerrudo hat das alles schon erlebt: Das alte Mütterchen, das urplötzlich die schwere Kirchenbank griff und durch das Gotteshaus schleuderte. Die Frau, die abhob und durch den Raum schwebte. Ihnen allen konnte der Pater aber angeblich helfen - in stunden- und teils tagelangen Sitzungen, in denen er in Anwesenheit eines weiteren Priesters, eines Anwalts und eines Bekannten des Patienten, aus dem "Rituale Romanum" vorlas. Das ist das Handbuch der Exorzisten. In ihm finden sich Dutzende von Gebeten und Befehlen, die den Satan schließlich zermürben sollen. "Ich werfe dich hinaus, unsauberer Geist", heißt es dort zum Beispiel, "gemeinsam mit allen satanischen Mächten des Feindes, jedem Gespenst der Hölle und allen deinen Begleitern." Zerrudo: "Auf diese Art und Weise werden wir den Teufel früher oder später immer los."
Es ist spät geworden in der Kirche. Die Messdiener sind schon fort. Schwüle Tropennacht hat sich über die Stadt gesenkt. Zerrudo muss jetzt los. Er kennt diese Nächte; es sind auch die Nächte des Satans. Auf Zerrudo wartet Arbeit.