Aufhellende Kosmetik Verrückt nach weißer Haut
Beirut - "Und hier ...", sagt Nadine Fattouh und holt zu einer großen Geste aus, "haben wir die Spezialabteilung für die Touristen vom Golf." Im Regal, auf das sie deutet, stehen Hunderte Schachteln, Tiegel und Tuben: Dior Snow, Chanel Blanc Essentiel, Givenchy Doctor White, Clinique Derma White.
Zusammengenommen dürften die Kosmetika so viel kosten wie ein Mittelklassewagen. Und damit schnell klar wird, was die Cremes bezwecken sollen, sind die meisten Verpackungen in der Farbe gehalten, um die es in dieser Abteilung der Beiruter Edelparfümerie C&F ausschließlich geht: weiß.
Hinter den pompösen Namen der Kosmetika verbergen sich Hautbleichmittel. "Die meisten Frauen kaufen Pflegeprogramme von A bis Z: Seifen, Peelings, Cremes und Lotions." Im Schnitt geben ihre Kundinnen 300 bis 400 Dollar aus, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Beiruter Parfümerie. Es ist die reiche Oberschicht der Golfregion, die nach Beirut kommt, um dort den Sommer am Mittelmeer zu verbringen. Shopping ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen.
Blass ist vornehm
Ziel vieler Araberinnen, die zwischen Juli und September die Hotelsuiten der libanesischen Hauptstadt bewohnen, ist es, möglichst bleich nach Hause zu kommen. "Die sind verrückt nach weißer Haut, wir Libanesen verstehen das natürlich nicht, wir sind da viel westlicher", sagt Fattouch mit einem milden Lächeln. Dass eine Libanesin nach Bleichmitteln gefragt hat, habe sie noch nicht erlebt.
Der Libanon und Israel sind die wohl einzigen Länder im Nahen Osten, in denen braungebrannte Haut als schön empfunden wird. Östlich und südlich der Levante-Küste gilt blass als vornehm.
Für Kosmetikhersteller bedeutet das die Zweiteilung ihrer Welt. Produzieren sie für Europa und den Westen Selbstbräunungscremes, Sonnenschutz und Mogel-Make-up, das auch noch im tiefen Winter gesunde Bräune vortäuscht, wollen die Kunden vom Persischen Golf über Indien bis Japan das genaue Gegenteil.
Creme für Gesicht und Hände ist der Renner, der Rest des Körpers wird ja ohnehin von den langen wallenden Gewändern der Golfaraber bedeckt. Wer wolle, könne aber auch tiefer in die chemische Trickkiste greifen. "Es gibt Peelings, die die oberste dunkle Hautschicht vom Gesicht schälen", sagt die Kosmetikerin. "Verstehe einer die Golf-Araber."
"Was selten ist, ist wertvoll"
Genau das ist es, was der Soziologiedozent Hassan Achmed von der Kairoer Ain-Schams-Universität interessiert: "Was selten ist, ist wertvoll", bemüht er sich, die Sehnsucht nach Blässe zu begründen, die auch in seinem Heimatland grassiert. "Weil in Ägypten, wie auch im Rest der arabischen Welt, dunkle Haut am häufigsten ist, bevorzugen wir helle Haut."
Kosmetikerin Fattouh hat eine andere Erklärung: "Was die sich hier kaufen, ist ein bisschen Westen. Wenn die Frauen in Arabien schon nicht leben können wie in 'Sex and the City', dann wollen sie wenigstens Carries Teint." Zumindest die teuren Cremes hätten bei längerer Anwendung auch den gewünschten Effekt, versichert die Fachfrau, denn die Melaninproduktion werde gedrosselt. Werde das Produkt dann abgesetzt, nehme die Haut wieder den natürlichen Ton an.
Die Damen, die bei C&F in Beirut shoppen, können sicher sein, dass ihre Luxusprodukte getestet und weitgehend ungefährlich sind. Doch die Masse der Araberinnen geht Gesundheitsrisiken ein, um den angestrebten Hautton herbeizucremen.
"Viele der Produkte, die man im Supermarkt um die Ecke kaufen kann, enthalten Blei und Quecksilber", warnt Ibrahim Galgadari, Dermatologieprofessor an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate in einem Interview mit der Zeitung "The National Newspaper". "Das sind gefährliche Substanzen, die über die Haut in den Körper gelangen. Das kann zu schweren Vergiftungen und im Einzelfall auch zu Leber- oder Nierenversagen führen."
Warnungen vor Einfachprodukten
Regierungen vom Golf bis nach Asien warnen immer wieder in Kampagnen vor den gefährlichen Billigbleichern. In Thailand drohen Produzenten und Vertreibern bis zu fünf Jahre Gefängnis. Die Benutzerinnen lässt das unbeeindruckt, so wie viele der westlichen Sonnenanbeter das Medizinermantra vom Hautkrebs ignorieren.
Die Warnungen vor den Einfachprodukten kommen Kosmetikgiganten zu Gute, die zwischen den Edelmarken und den lokalen Wundermitteln eine ertragreiche Nische gefunden haben. So stieg der Umsatz der vom Konzern Unilever hergestellten Creme "Fair and Lovely" nach Firmenangaben seit 2005 jedes Jahr um durchschnittlich 15 Prozent, den höchsten Zuwachs gab es 2007 mit 18 Prozent.
Unilevers arabischsprachige Werbung für ihren Aufheller transportiert eine simple Nachricht auf die TV-Schirme zwischen Kairo und Dubai: Helle Haut ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben. Jeder Werbespot folgt dem gleichen Schema: Eine junge Frau will Tänzerin werden - oder Forscherin. Doch ihre dunkle Hautfarbe ist ein Hindernis. Als sie "Fair and Lovely" anwendet, ergattert sie den Traumjob. Die Anerkennung ihrer Kollegen ist ihr sicher. Und die Aufmerksamkeit des Mannes, den sie begehrt.
Inzwischen haben die Marketingstrategen der Cremehersteller neue potentielle Käufer ins Visier genommen: Die ersten Firmen produzieren bereits Aufheller speziell für die Männerhaut.
mit Material von AFP