Unruhen in Baltimore Stadt unter Schock
Der Rauch hängt noch in der Luft. Er brennt in der Nase, riecht nach verbranntem Plastik. Im Nordosten der Stadt, Federal Street Ecke North Chester Street, wo noch einige Stunden zuvor der Rohbau eines kirchlichen Seniorenheims stand, klafft nun rauchende, schwarze Leere. Nur zwei Fahrstuhlschächte ragen noch scheinbar unversehrt in den Himmel, an der Ecke die Reste eines Tante-Emma-Ladens. Sonst ist alles weg.
Es ist Dienstag geworden in Baltimore, es sind die ersten ruhigen Stunden nach den Unruhen, die Nationalgarde rückt jetzt ein. In der Nacht zuvor: Plünderungen, brennende Autos, Attacken auf Polizisten und immer wieder Feuer in mehreren Vierteln der 620.000-Einwohner-Stadt im Ostküstenstaat Maryland.
Wie im April 1968
Wie konnte das geschehen? Seit Tagen gab es friedliche Proteste gegen Polizeigewalt, entzündet hatten sie sich am Tod des 25-jährigen Freddie Gray. Ein Schwarzer, der starb, nachdem ihm im Polizeigewahrsam Genick und Rückgrat gebrochen worden waren. Ein weiteres schwarzes Opfer von US-Polizisten. Aber wie zuvor schon in Ferguson wurden auch in Baltimore, einer Stadt mit mehrheitlich schwarzer Bevölkerung, die friedlichen Proteste von Randalierern und Plünderern gehijackt. So überlagern wieder einmal die Krawalle das grobe Unrecht, auf das die Protestierenden aufmerksam machen wollten.
Montag war der Tag der Beerdigung von Freddie Gray, Proteste waren nicht geplant, es sollte ein Tag der Trauer werden. Am frühen Nachmittag aber attackierten High-School-Schüler an einer Shoppingmall im Nordwesten der Stadt Polizisten, dann legte sich die Wut der Jungen wie ein Flächenbrand über die Stadt. Bis sie wohl auch den Neubau des Seniorenheims ergriff.
Noch ermittelt die Polizei, ob der Brand tatsächlich etwas mit den Unruhen zu tun hat. Vieles deutet darauf hin. James Crosby wohnt um die Ecke, jetzt steht er vor der Ruine. Der 64-jährige Schwarze ist wütend über die Wut der Jungen. Und doch kann er sie verstehen. Es ist kompliziert.
Crosby sagt, das letzte Mal, dass er so etwas in seiner Stadt erlebt habe, das sei im April 1968 gewesen. Damals, in den Tagen nach dem Mord an Martin Luther King jr., brannte Baltimore. Zwei Wochen brauchten die Behörden, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.
"Das hier ist eine Tragödie", sagt Crosby, "aber mich überrascht das nicht." Da sei ja nicht allein das brutale Vorgehen der Polizei über all die Jahre, sondern auch die fehlende soziale Gerechtigkeit. Crosby zeigt auf verlassene Häuser, die Eingänge vernagelt, die Fensterhöhlen glaslos. "Und die jungen Leute? Die sitzen arbeitslos an der nächsten Ecke", sagt er. Schuld daran trage die Politik. Die kümmere sich nicht um das Elend der Jugendlichen, weil die nicht wählen gehen.
Die Hoffnungslosigkeit, die wirtschaftliche Depression, das Leben ohne Perspektive, die miese Behandlung durch die Polizei - all das entlade sich dann eben irgendwann einmal in Krawallen. "Ich sehe da keinen Unterschied zum Arabischen Frühling: Die Jungen sind wütend, also gehen sie auf die Straße."
Randalierer als Opfer?
Es ist das Sowas-kommt-von-sowas-Argument, das James Crosby hier bemüht: Die Randale der Jungen als mehr oder weniger direkte Folge fehlgeleiteten staatlichen Handelns. Viele sehen das so in Baltimore, manche gehen noch einen Schritt weiter. Im renommierten US-Magazin "The Atlantic" schreibt der aus Baltimore stammende Journalist Ta-Nehisi Coates über die nun aus der Politik einsetzenden Aufrufe zur Ruhe: "Wenn Gewaltlosigkeit nur gepredigt wird als Versuch, den Auswirkungen politischer Brutalität zu entkommen, dann ist das verräterisch."
Die Randalierer als Opfer, ja mehr noch: vielleicht als Rächer? Ist Gewalt umgedeutet zu Gegengewalt legitim?
Wer das in der schwarzen Kirchengemeinde an der North Chester Street fragt - der Gemeinde mit dem abgebrannten Seniorenheim -, der erntet empörte Blicke. Weil sie so etwas hier für Unsinn halten. Ihren Namen wollen die Leute nicht in den Medien genannt sehen und vor die Kamera wollen sie schon gar nicht. Weil das, was sie zu sagen haben, durchaus gegen gewalttätige Jugendliche aus der eigenen Gemeinde geht.
Die Hoffnungslosigkeit der Jungen, sagt einer, der in den Siebzigerjahren nach Baltimore gekommen ist, sei vor allem ein familiäres Problem, kein staatliches. Viele Kinder in den ärmeren Vierteln würden von den Eltern vernachlässigt, rutschten ab in Drogenmissbrauch und Alltagskriminalität. Natürlich gebe es Polizeigewalt gegen Schwarze, sagen sie. Jeder hier sagt das, jeder kann über eigene Erfahrungen, über Misshandlungen seitens der Polizei berichten. Deshalb haben sie sich am Freddie-Gray-Protest beteiligt. Weil sich etwas ändern muss.
Aber Unruhen? Plünderungen? Feuer? "Das tut weh", erzählt einer aus der Gemeinde. Das habe nichts mit Gerechtigkeit zu tun, das schade ihren Protesten.
Carron Morgan, ein Cousin von Freddie Gray, sagte der "Baltimore Sun", seine Familie wünsche keine Gewalt: "Denn das ist nicht Gerechtigkeit. Das sind nur ein paar Leute, die eine Möglichkeit suchen, Sachen zu stehlen."
In diesen Stunden bereitet sich Baltimore auf die zweite Nacht der Unruhen vor.