Benedikts Ökumene-Absage: Herde hofft, Hirte bockt - DER SPIEGEL
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Papstbesuch: Volles Programm in Erfurt

Foto: Peter Steffen/ dpa

Benedikts Ökumene-Absage Herde hofft, Hirte bockt

Die Hoffnungen der Protestanten werden enttäuscht: Benedikt XVI. hat ihre Forderungen nach Zugeständnissen bei der Annäherung der Kirchen als "Missverständnis" abgekanzelt. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache.
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Erfurt - Die Hoffnungen auf ein starkes Signal waren groß, doch sie werden nicht erfüllt: Bei einem Treffen mit Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Papst Benedikt XVI. ein klares Bekenntnis zu schnellen Fortschritten in der Ökumene vermieden.

Nach Angaben des Vatikans sagte der Pontifex bei dem nicht öffentlichen Treffen: "Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind."

Beim folgenden Gottesdienst bezeichnete er die Forderungen nach einem ökumenischen Entgegenkommen als Missverständnis: "Im Vorfeld meines Besuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von einem solchen Besuch erwarte", sagte Benedikt. "Dazu möchte ich sagen, dass dies, so wie es meistens erschien, ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt."

Die geforderte Annäherung der getrennten christlichen Kirchen könne nicht - wie in der Politik üblich - in Form eines Kompromisses ausgehandelt werden: "Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile", so der Papst.

"Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln." Vielmehr komme es darauf an, gemeinsam im Glauben zu wachsen, so der Papst. "Nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit." Auf diese Weise sei die Ökumene in den vergangenen 50 Jahren stark vorangekommen.

EKD bekräftigt Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit

Beim Treffen zuvor hatte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider den Wunsch nach konkreten Schritten zu mehr Gemeinsamkeit ausgesprochen. Mit dem erreichten Fortschritt in der Ökumene könne man nicht zufrieden sein, so Schneider. Vor allem Gläubige in konfessionsverbindenden Ehen und Familien sehnten sich danach, dass die Kirchen ihren "Eigen-Sinn" überwinden. "Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen", sagte Schneider laut EKD.

Benedikt ging jedoch nicht auf den Wunsch ein, gemeinsame Eucharistiefeiern von Katholiken und Protestanten zuzulassen. Stattdessen verwies er darauf, dass der christliche Glaube in Deutschland immer mehr an den Rand gedrängt werde. Die Bewahrung des Glaubens sei die wichtigste gemeinsame Aufgabe der getrennten christlichen Konfessionen: "Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt."

Das etwa halbstündige Gespräch fand im Augustinerkloster statt, in dem der Reformator Martin Luther (1483-1546) vor rund 500 Jahren als Mönch lebte. Allein die Bereitschaft des Vatikans zu einem Treffen an diesem Ort wurde als wichtige Geste gewertet. Der Papst hatte zudem durchgesetzt, dass der Begegnung mit den Protestanten mehr Zeit eingeräumt wurde als zunächst vorgesehen.

Bei seinem Treffen mit den EKD-Spitzen hob Benedikt XVI. Luthers "Ringen um Gott" hervor. "Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist", sagte der Papst. Hinter all seinem theologischen Suchen habe die Frage gestanden, wie er einen "gnädigen Gott" bekomme. "Dass diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer neu", so Benedikt.

Zugeständnissen an den Zeitgeist erteilte Benedikt eine Absage. Natürlich müsse der Glaube heute neu gedacht und gelebt werden. "Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur, ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe."

Papst bezeichnet Anwesenheit von Muslimen als Merkmal Deutschlands

Benedikt hatte am Morgen in Berlin muslimische Vertreter in der apostolischen Nuntiatur getroffen. Die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien sei zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden, sagte der Papst. Er rief dazu auf, "beständig daran zu arbeiten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen".

Anschließend flog er nach Erfurt, wo ihn Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) am Flughafen in Empfang nahm. Sie überreichte dem Papst ein Gemälde eines Thüringer Malers sowie ein Exemplar ihrer theologischen Abschlussarbeit, in der es unter anderem um mehr Zusammenarbeit der katholischen und evangelischen Kirche geht.

Vom Flughafen fuhr Benedikt zum Erfurter Mariendom. Bischof Joachim Wanke begrüßte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Triangelportal. Im Lichthof des Kreuzganges verweilte der Papst am Grab des früheren Bischofs Hugo Aufderbeck (1909-1981). Im Kreuzgang traf sich Benedikt auch mit Vertretern der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Der Papst trug sich dort in das Goldene Buch des Freistaates und der Stadt Erfurt ein.

Am Nachmittag fliegt Benedikt mit einem Hubschrauber zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach. Dort feiert er mit Gläubigen eine Marianische Vesper, ein Abendgebet. Anschließend kehrt Benedikt nach Erfurt zurück, wo er am Samstagmorgen auf dem Domplatz predigen wird.

hut/dapd/dpa/AFP