Benedikts Pilgerreise Papa in der Wüste
Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe da, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. (Matthäus Kapitel 3, Vers 13ff)
Papst Benedikt XVI. mit dem jordanischen Königspaar am Jordan
Foto: Getty ImagesIm Himmel über Bethanien knattert erst einmal ein Hubschrauber heran. Der päpstliche Presse-Tross steht währenddessen in einem Terebinthen-Wäldchen, steht in ofentrockener Wüstenluft um einen Tümpel Brackwasser herum, der zweifellos die Farbe abgestandener Erbsensuppe hat. Hier ist es also passiert...
Der Jordan fließt durch den Großen Afrikanischen Grabenbruch und ist einer der tiefsten Punkte der Erde. Wenn irgendwo Erstaunliches vorkommt, dann hier. Da wurden mit Mänteln die Fluten geteilt (Prophet Elias), "feurige Wagen mit feurigen Rossen" fuhren gen Himmel (ebenda), plötzlich staute sich der Fluss "aufgerichtet wie ein einziger Wall" (Josua 3,16), als die Gesetzestafel Mose hier durchgetragen wurde, immerhin der einzige schriftliche O-Ton Gottes. Da nähert sich über den Schotter lautlos eine Reihe von Golf-Carts. Im vorderen sitzen Prinz Ghazi, die Königin Raina und der Papst, hinten, auf den Caddie-Plätzen, zwei Kardinäle.
Ein Tümpel grüner Brühe
Was wird der Papst jetzt tun? Gut, Johannes, der Sohn des Zacharias, war ein recht skurriler Wüstenfreak, laut Zeugnissen in Kamelhaar gehüllt, mit "ledernen Gürtel um die Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig." Aber immerhin hat er mit seiner Taufe einiges in Bewegung gebracht. Als Johannes Paul II., damals schon sehr gebrechlich, nach Bethanien kam, bestand er darauf, gegen das Protokoll und gegen jede Vernunft die rutschigen Stufen zum Jordan hinunterzugehen. Er wollte jenes Wasser berühren, aus dem Jesus als neugetaufter Gottessohn entstiegen ist.
Benedikt dagegen bleibt im Golfwagen sitzen und hört höflich den Erläuterungen zu, als mache er eine Stadtrundfahrt. Mystische Wallungen sind ihm unangenehm. Da ist ein Tümpel grüner Brühe von offenbar zweifelhafter historischer Zuordnung. Das ist kein Grund niederzuknien, auch wenn alle Fotografen nur darauf warten.
Seit dem Friedensschluss mit Israel 1994 hat Jordanien im ehemaligen Sperrgebiet Bethanien Reste frühchristlicher Kirchen ausgegraben und möchte jetzt den Pilgertourismus beleben. Deswegen auch die Erlaubnis, zwei neue christliche Kirchen samt Pilgerzentrum zu erbauen, eine lateinische und eine griechisch-melkitische. Bisher sind nur die Fundamente gegossen, auf dem Bauplatz stehen fähnchenschwenkend Pilgergruppen in der Hitze, die Schuhe weiss von heiligem Staub.
"Das Sakrament der Taufe, das nach dem Tod und der Auferstehung Christi eingesetzt wurde, wird besonders von den christlichen Gemeinden geschätzt werden, die sich in diesen neuen Kirchen versammeln werden", sagt Benedikt. In anderen arabischen Staaten wäre ein Satz wie dieser schon mittlerer Proselytismus. Und vielleicht ist der König Abdallah II. auch deswegen rechtzeitig abgefahren. Prinz Ghazi dagegen, sein Cousin und Religionsberater, sitzt in der ersten Reihe und hört sich die Wüstenpredigt des Papstes in majestätischer Gelassenheit an. Er hatte am Vortag, beim Treffen in der Moschee, sogar Verständnis für die Wiederzulassung der lateinischen Messe gezeigt.
"Das entscheidet über sein Pontifikat"
Papst Benedikt XVI scheint sich zwischen der relativ kleinen Menge von Pilgern, den Teresa-Schwestern, wohl zu fühlen; wohler jedenfalls als am Morgen im spärlich gefüllten Stadion zur Messe. Er spricht seinen Mitbrüdern und -schwestern Mut zu, für ihre Arbeit im Sinn der Agape, der "Christian love". Er spricht es "laff" aus, aber das stört niemanden hier in der Wüste. Ihn sowieso nicht.
Gutgelaunt steigt er zu seinem Sekretär in die Limousine: Geschafft. Die erste Etappe der Pilgerfahrt ist überstanden und besser, als mancher befürchtet hat. Er hat die gemeinsamen Wurzeln und Inhalte von Islam und Christentum genannt, ohne die Vernunft dafür zu verraten. Er hat die Rechte der Christen, der Frauen und Minderheiten eingefordert, ohne belehrend oder missionarisch zu wirken.
In den Morgenzeitungen sah man das Foto, wie der Papst nachdenklich dem Prinzen in der Moschee zuhört. Das Bild, auf dem er das rot-weiße Kufiya-Tuch umgelegt hat. Das sind gute Bilder, die sich über das Bild von Regensburg legen können.
An diesem Montag hält der Papst die zwölfte Rede seiner Reise. "Das entscheidet über sein Pontifikat", sagt einer aus dem Vatikanisten-Tross, einer der einflussreichsten: Montag um 17.45 Uhr ist der deutsche Papst in der Gedenkstätte Jad Waschem.