Berliner Tiergarten: Die größte Toilette der WM - DER SPIEGEL
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Berliner Tiergarten Die größte Toilette der WM

Mehr als 100.000 Liter Urin ergießen sich an jedem WM-Tag auf die Pflanzen im Tiergarten. Vier Wochen lang wird der Park, durch den die Berliner Fanmeile führt, mehr geschädigt als je zuvor. Pinkelnde WM-Fans verursachen so erhebliche Kosten.
Von Christopher Stolzenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die Berliner kennen das Problem schon lange. Jedes Wochenende flanieren 30.000 Berliner und Touristen durch den Tiergarten. Da schlägt sich immer mal jemand in die Büsche.

Es ist immer das Gleiche: Ob zu Silvester oder während der Love-Parade, stets säumen reihenweise Männer den Tiergarten und verrichten ihre Notdurft. Doch die Fußball-Weltmeisterschaft schlägt auch hier alle Rekorde. Bislang feierten weit über drei Millionen WM-Besucher auf der Fan-Meile in der Hauptstadt. Zwar stehen 300 Toilettenhäuschen am Wegesrand. Aber bierselige Fußballfans meiden unter Druck jede Warteschlange, um keine Sekunde des Spiels zu verpassen. Busch und Baum liegen dann oft näher als der Gang zum Pissoir. Zum Schaden der Natur.

Sechs Millionen Liter Spreewasser gegen Urin

"Die Flora im Tiergarten ist stark gefährdet", sagt Harald Büttner, der Leiter des zuständigen Grünflächenamts. Durch die überwiegend männlichen Fans werden insbesondere bodennahe Pflanzen und Schattengewächse zerstört. In den letzten Jahren seien schon richtige "Pinkel-Pfade" entstanden. Zudem sei ein großer Teil der Hecke im Tiergarten gänzlich vernichtet.

Sechs Millionen Liter Wasser sprühen die Mitarbeiter des Grünflächenamtes jeden Morgen über alle Pflanzen im Tiergarten, um den Schäden durch Harnsäure entgegenzuwirken. Das Wasser pumpen sie aus der nahe gelegenen Spree. "Dadurch haben wir bisher keine Beschwerden über Geruchsbelästigung", sagt Büttner. Schaden nimmt der Park trotzdem. Die Kosten für Neupflanzungen werden daher in diesem Jahr um 200.000 Euro höher als in anderen Jahren sein.

"Die Schädigung der Pflanzen im Tiergarten lässt sich nicht vermeiden", sagt Carmen Schultze vom Bund für Natur- und Umweltschutz (BUND) Berlin. "Die Wasseraufnahme der Pflanzen wird durch viele Faktoren behindert." Ein wichtiger sei die hohe Menge an Harnsäure. Die Flora wird durch Nitrat geschädigt, das als Rest in der Erde zurückbleibt. Viel Nitrat ist gut für Brennnesseln. Orte, an denen viele wachsen, würden schon seit langer Zeit zum Wasserlassen genutzt. Davon gibt es im Tiergarten einige, insbesondere in der Nähe von Bierständen.

Ein folgenschweres Gefühl von Freiheit

Effektive Verfahren, um die Schädigung des Bodens zu beseitigen, seien leider viel zu teuer, meint die BUND-Sprecherin. Auch für eine Stadtverwaltung. Die wichtige Frage sei daher, wie man den Schaden über das restliche Jahr ausgleichen könne. "Müssen wirklich alle anderen großen Veranstaltungen auch dort stattfinden", fragt sie.

Dabei kostet das Wasserlassen auf der Berliner Fan-Meile nicht einmal viel Geld - 50 Cent, und die sind freiwillig. Es sei einfach eine Frage des Benehmens. "Die Männer müssen wohl aus einem archaischen Trieb heraus immer markieren", meint Büttner resigniert. Frauen hätten eine höhere Schamgrenze und verspürten dieses folgenschwere "Gefühl der Freiheit" nicht.

Mehr Toiletten aufzustellen biete daher keine Lösung, wenn sich das Verhalten der Fans nicht ändere, meint Büttner. Davon abgesehen sei man "an der Kapazitätsgrenze": "Was bringt es, mehr Klos aufzustellen, die nicht gewartet werden können?" Und so appelliert er an die Fußballfans, bei allem WM-Fieber die Natur nicht zu vergessen.