Bizarre WM in Berlin Hau weg den Stiefel
Berlin Ein geübter Griff in den Schaft, dann eine schnelle Drehung und schon trudelt der dunkle Kautschukstiefel durch den Berliner Julihimmel. "Ein Superwurf", jubelt Fabian Lau seinem Teamkollegen zu, der dieses Mal genau die richtige Flugkurve erwischt hat. Knapp hinter der 40-Meter-Marke plumpst der Stiefel auf den Rasen. "Der kann in seiner Altersgruppe morgen echt Vizeweltmeister werden", sagt Lau.
Fabian Lau ist Präsident des deutschen Gummistiefelweitwurf-Verbandes, der an diesem Wochenende die offizielle Weltmeistereschaft, die "World Boot Throwing Championship" im Ostberliner Stadtteil Hohenschönhausen ausrichtet.
Lau ist aber auch der deutsche Rekordhalter in dieser Disziplin. Mehr als 52 Meter weit hat er den Stiefel in diesem Jahr schon geschleudert, ein junger Mann mit freundlichem Gesicht und orangenem T-Shirt, der mit seinem normalsportlichen Körper ganz anders wirkt als die angereisten Favoriten: finnische Männer mit Hammerwerferfigur und Oberarmen wie Oberschenkeln, die aussehen, als ob sie auch problemlos einen Stiefel quer über den Sportplatz schleudern könnten, wenn ihn noch jemand trägt.
"Dabei kommt es gar nicht so sehr auf die Kraft an", sagt Lau. "Unsere Sportart besteht zu 70 Prozent aus der richtigen Technik." Seiner Meinung nach ist das Schleudern der Gummistiefel sogar anspruchsvoller als der Speer- oder Diskuswurf, denn der Gegensatz zwischen labberigem Schaft und schwerer Spitze macht das Sportgerät schwer kontrollierbar. Wenn der Stiefel falsch rotiert, dreht er sich in den Wind, steigt zu sehr auf, wird gebremst und fällt schließlich wie ein nasser Sack zu Boden. "Wichtig ist dabei vor allem, dass der Stiefel den richtigen Drall bekommt und genau im richtigen Winkel fliegt", erklärt Lau.
Keine Erfindung der Wegwerfgesellschaft
Anders als beispielsweise der Handyweitwurf ist die Disziplin keine Erfindung der modernen Wegwerfgesellschaft: Der Überlieferung nach ließen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts finnische Seeleute ihr wasserfestes Schuhwerk fliegen. Seit 1975 wird der Gummistiefelweitwurf in Finnland als offizieller Sport ausgetragen, 1992 richtete der frisch gegründete Weltverband die ersten internationalen Meisterschaften aus.
Die Regeln sind präzise: Herren müssen mit einem Stiefel der Größe 43 werfen, der maximal 1050 Gramm wiegen darf, Damen werfen mit Größe 38. Die beste jemals erzielte Weite erzielte übrigens wen wundert's ein Finne: 65,42 Meter.
Heute wird dieser Rekord wohl nicht geknackt werden. "Zu windstill", sagt Fabian Lau. Die Weltmeistertitel werden ohnehin auch dieses Mal die Skandinavier unter sich ausmachen. "Wir sind einfach noch totale Neulinge in dieser Sportart", sagt Lau. Von den rund 180 Teilnehmern der Weltmeisterschaft kommt mehr als die Hälfte aus Finnland.
Doch was passiert nach der Weltmeisterschaft, wird es in einigen Jahren auch bei Olympischen Spielen zwischen Modernem Fünfkampf, Beach-Volleyball und Stabhochsprung einen Wettkampf der Gummistiefelweitwerfer geben? "Das wäre natürlich super, aber realistisch gesehen gibt es dafür keine Chance", sagt Lau. "So etwas wie Gummistiefelweitwurf kann in Deutschland leider nur als Spaßsportart überleben."