Bosnien Tunnel nach Sarajevo Krieg - DER SPIEGEL
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Bosnien: Alija und Sida wurden Helden des Kampfs um Freiheit

Foto: Nora Gantenbrink

20 Jahre nach dem Bosnienkrieg Die Geschichte von Alija und Sida

Alija und Sida sind seit 64 Jahren verheiratet, wohnen in der Nähe Sarajevos. Vor 20 Jahren klopften bosnische Soldaten an die Tür ihres Hauses und bauten den einzigen Versorgungstunnel in die belagerte Stadt. So wurden die beiden Alten zu Helden. Gewollt haben sie das nicht.
Von Nora Gantenbrink und Raphael Geiger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Liebe von Alija und Sida überdauerte zwei Kriege, und vom letzten sind die Einschusslöcher geblieben. Die Scharfschützen haben ihr Haus von allen Seiten durchsiebt. Leichen lagen im Wohnzimmer. Jetzt läuft die Geschichte im Keller, auf Amateurvideos in Endlosschleife: Einschläge, Schüsse, die neunziger Jahre in Bosnien, die Hölle.

Alija, 89, und Sida, 85, sind im selben Dorf nahe Sarajevo geboren. Er küsste sie heimlich, ihr gefiel es. Doch Sidas Vater war gegen eine Heirat. Und dann wurde Alija eingezogen. Er kämpfte als Partisan gegen Hitler. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg wieder kam, war ihm das Verbot des Vaters weniger wert. Sida war jetzt kein Mädchen mehr, sondern fast eine Frau. Er liebte sie, und sie liebte ihn, und deshalb zogen sie weg aus ihrem alten Dorf. Weg vom Vater. Sie heirateten 1948 und versprachen einander, dass dies immer so bleiben würde.

Dann zogen sie nach Butmir, auch ein Dorf nahe Sarajevo, und kauften 2600 Quadratmeter Brachland, ein Stück Erde voller Gestrüpp. Sie rodeten die Pflanzen und bauten ein Haus. Sie setzten jeden Stein selbst aufeinander. Zwei Etagen mit Keller, ein gemeinsames Glück. Alija fing als Elektriker bei einem Stromversorger an. Sida kaufte eine Kuh und pflanzte im Garten an, was sie für das Abendbrot brauchten. Tagsüber ging sie mit schweren Milchkannen in die Stadt und kehrte mit leichten zurück. Kinder kamen und ein kleiner Wohlstand.

Es war Jugoslawien, ein Staat aus vielen Völkern, orthodoxen Serben, muslimischen Bosniern, katholischen Kroaten, und es ging gut. Über Sarajevo, wo alle zusammenlebten, hieß es, es träfen sich hier Abendland und Morgenland. Sarajevo war eine Stadt, in der Muslime und Christen Freunde waren, Schulkameraden, Kommilitonen, Eheleute.

Die Stadt wuchs, wuchs immer näher heran ans Haus der Kolars. In den siebziger Jahren baute man ihnen einen Flughafen in den Vorgarten. Sidas Apfelbäume lagen unmittelbar an der Rollbahn. Wenn eine Maschine startete, vibrierte der Boden, aber sie wollten hier leben und irgendwann, sagen sie in der Familie, bemerkten sie es gar nicht mehr.

Dann bricht die Hölle über Jugoslawien herein, der Teufel heißt Nationalismus. Die Kolars wohnen da schon über 40 Jahre in ihrem Dorf. Bosnier, Muslime - das sind sie. Aber wären sie mal im Ausland, würden sie sich als Jugoslawen vorstellen.

Sie werden Teil des bosnischen Kampfs um Freiheit

Im April 1992 ist Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien, umrundet von serbischen Militäreinheiten. In der Stadt wohnen fast nur noch Bosnier. Von den Bergen, die Sarajevo umgeben, schießen die Serben hinab in den Kessel. Geplant ist ein Genozid. Will man raus aus Sarajevo, muss man quer über die Rollbahn des Flughafens laufen, auf der anderen Seite, beim Haus der Kolars, ist der einzige Korridor ins freie Bosnien.

Uno-Blauhelme kontrollieren den Flughafen. Sie garantieren, dass er nicht in die Hand der Serben fällt. Doch sie haben den Befehl, neutral zu bleiben. Ihre Soldaten halten Bosnier auf, die über den Flughafen flüchten oder Schmuggelgut nach Sarajevo bringen wollen. Und links und rechts stehen serbische Scharfschützen.

Es ist der Frühling 1992, und die Kolars, so erinnern sie sich, sitzen in ihrem Haus und haben kein gutes Gefühl, weil zu viel passiert. Alija ist schon pensioniert, er trinkt gern Slibowitz. Die Nachbarn sagen, er trinkt seit dem Zweiten Weltkrieg zu viel davon. Sida ist älter geworden, aber immer trägt sie ein buntes Kopftuch, immer lächelt sie.

Es gibt jetzt serbische Angriffe, aber auch organisierten Widerstand in Bosnien und Gerüchte in der Nachbarschaft. Eins lautet: Die bosnische Armee plane einen Tunnel unter dem Flughafen. Sie wissen nicht genau, wo der Tunnel hin soll, aber eigentlich gibt es nur ein Haus, in dem das Vorhaben Sinn ergibt. Und dann stehen sie plötzlich in ihrem Garten, Offiziere und Ingenieure der Armee, und sie teilen den Kolars mit, dass sie jetzt Teil des bosnischen Kampfs um Freiheit werden, eventuell Helden.

Der Widerstand zog in ihr Wohnzimmer ein

Bis August dauern die Bauarbeiten des 800 Meter langen Tunnels, dann zieht der Widerstand in ihr Wohnzimmer ein. Sohn und Enkel dienen in der Armee. Alle im Dorf, das direkt an der Front liegt, werden evakuiert, auch die Kolars. Zwei Tage später beginnen die Serben mit Panzerangriffen.

Von Sidas und Alijas Haus aus graben Arbeiter den Tunnel nach Sarajevo. Bald gelangen durch ihn Soldaten in die belagerte Stadt und auch Waffen, Medikamente, Öl und Brot. Der Tunnel im Haus von Sida und Alija ist zur Nabelschnur geworden. An ihm hängen etwa 300.000 Leben.

Alija und Sida kommen fast jeden Tag aus dem Haus, in das man sie evakuiert hat, zu dem Haus, in dem sie glücklich werden wollten. Ihr Sohn sagt: Mama, geh nicht in unser Haus, aber sie hört nicht. Alija und Sida ziehen als erste Nachbarn wieder zurück.

Am Eingang des Tunnels sitzt fortan Sida, die Oma mit dem Kopftuch. Jedem, der aus dem Tunnel kommt, gibt sie ein Glas Wasser. Oft müssen die Soldaten warten, bis der Tunnel frei ist, Sida kocht dann Kaffee. Manchmal sitzt ein Dutzend Männer in ihrer Küche. Die Kolars, so erzählen sie, mochten das. Es ist ein kleiner Zusammenhalt, und drumherum ist Krieg.

Im Grauen gibt es keine Logik

Ständig schlagen Granaten in das Haus der Kolars ein, ein paarmal werden fast ihr Sohn und ihr Enkel getötet. Einmal liegen nach einem Einschlag neun Menschen vor dem Tunnel, tot, zerrissen von Granatsplittern. Es sind die ersten Leichen im Wohnzimmer der Kolars.

Ein anderes Mal kommen die Serben bis auf 50 Meter an ihr Haus heran, weil sie hier den Tunneleingang vermuten. Die Bosnier werfen den Angriff zurück. Die Hausfassade ist längst durchlöchert. Bei Bombenangriffen quetschen sich Sida, Ajida und die Kinder in einen kleinen unterirdischen Schacht und warten. Wer stirbt und wer überlebt, bestimmt der Zufall. Es gibt keine Logik im Grauen. Sida und Ajida sagen heute, sie wollten nie Helden sein. Und das Grauen, das sie dazu machte, wollten sie erst recht nicht.

Mehr als drei Jahre dauert die Belagerung von Sarajevo. Dann beendet die Nato den Krieg, Jugoslawien zerfällt. 11.541 Menschen in Sarajevo starben. 200.000 in ganz Ex-Jugoslawien. Übrig bleiben Hass, Angst, Wut. Und ein Land mit vielen neuen Namen und einem Trauma.

Aber die alten Kolars vergessen nicht, was vor dem jungen Land war. Sie gründen ein Museum. Erhalten das erste Stück des Tunnels, hängen im Wohnzimmer alte Uniformen auf, Helme, Wappen, was sie finden. Sie bauen ein Mahnmal.

Touristen statt Soldaten

Sie dürfen amerikanischen Generälen die Hand schütteln und Jahre später auch mal Richard Gere. Angelina Jolie hat sich gerade für einen Besuch angekündigt, aber der Namen sagte den alten Kolars nichts.

Wenn man die Kolars fragt, was sie sich heute noch wünschen, dann sagen sie Frieden, und dass Alija nie zum Arzt muss, bis er stirbt. Er ist etwas eigen geworden, der Alte, sagen die Enkelkinder. Wenn er keine Lust mehr hat, dann scheucht er Menschen mit einer Handbewegung davon. Manchmal streckt er Touristen die Zunge raus. Aber Gott, er ist fast neunzig.

Im April 2012 trinkt Alija immer noch gern, raucht nie und macht so seine Handbewegungen. Sida sitzt gern im Garten unter den alten Apfelbäumen. Statt Soldaten sieht sie Touristen. Sie sprechen Sprachen, die sie nicht versteht und tragen Kleider, die sie seltsam findet.

Sie wollen kein Wasser oder Kaffee, sondern Fotos machen von dieser alten Frau mit den bunten Kopftüchern, deren Geschichte man in ihrem Land als Heldengeschichte erzählt. Sida sitzt auf einem Plastikstuhl, die Hände ineinander gefaltet. Die Beine schwer vom Wasser, wie Baumstümpfe stehen sie, in altmodischen Pantoffeln steckend, auf dem Erdboden. Hinter ihr starten Flugzeuge in eine Welt, die sie nicht kennt.

Der Boden vibriert.

Sida lächelt.