Brasilien-Japan: Zittern im Foyer Futebol - DER SPIEGEL
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Brasilien-Japan Zittern im Foyer Futebol

Wenn Brasilien spielt, ist immer was los. Auf dem Platz und bei den Zuschauern. Es sei denn, Brasilien trifft das Tor nicht, Japan geht in Führung - und die meisten Brasilianer sind eigentlich Deutsche.
Von Fabian Grabowsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Brasilien ist überall. Jeder mag den brasilianischen Fußball, jeder möchte ein brasilianischer Fußballer sein. Brasilientrikots sieht man fast so oft wie deutsche. Kein Land war so erfolgreich: fünf Weltmeisterschaften, unzählige Fußballlegenden.

Im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" läuft passend zur Weltmeisterschaft das Kulturfestival "Copa da Cultura". Die brasilianischen Musiklegenden Chico Buraque, Bebel Gilberto und Gilberto Gil waren da oder kommen noch, in den Ausstellungsräumen wird das brasilianische Siebziger-Jahre-Hippie-Design "Tropicália" gefeiert. Aber die jüngere brasilianische Kulturgeschichte interessiert hier heute Abend niemanden.

Anders als das nüchterne Foyer, das die Macher in "Foyer Futebol" umgetauft haben. Vor einer Großbildleinwand haben sich ungefähr 200 Zuschauer versammelt, um sich das Spiel Brasilien-Japan anzusehen. Ganz vorne sitzen einige Brasilianer mit gelben Trikots, Trommeln und Tröten. Hinter ihnen fläzen sich die anderen Zuschauer auf schwarzen Kissen, die sie auf den Boden gelegt haben, oder auf Minitribünen. An den Säulen hängen abwechselnd gelbe und grüne Scheinwerfer und die Ordner tragen gelbgrün. Die Stimmung ist aufgeräumt. Als jemand ein Bier verschüttet, kommt sofort ein Putzmann.

Hohe Erwartungen

Und die Erwartungen sind eindeutig. "Die Japaner sind gut mit Computern, aber nicht im Fußball", sagt eine Brasilianerin. Die Ergebnistipps beginnen auf der nach oben weit offenen Futebol-Skala ganz unten bei 2:0. "Brasil, Brasil", skandiert das Grüppchen vorne, einer schlägt dazu eine Trommel und weil in dem Fünfziger-Jahre-Foyer alles aus Beton ist, hallt es und hört sich fast so an wie im gigantischen Maracanã-Stadion in Rio - wenn dieses mal voll wäre. Fast.

Aber während der ersten Halbzeit bleibt die Trommel ruhig. Vielleicht weil die meisten Zuschauer Deutsche und keine Brasilianer sind. Vielleicht weil die brasilianische Mannschaft doch nicht so gut spielt. Ihre Spieler umkurven zwar die Japaner, wie sie wollen, und haben gute Chancen en masse. Das erste Tor schießt aber der Japaner Tamada.

Der ZDF-Kommentator Béla Réthy sagt im Fernsehen: "Auch wenn alles etwas organisiert wirkt, die Stimmung kommt von den Japanern." Er meint das Dortmunder Stadion. Wenn Japaner im "Foyer Futebol" wären, könnte er auch das meinen. "Oh, oh", sagt die Brasilianerin, "gar nicht so schlecht, die Japaner." Fast eine Halbzeit lang wird gezittert. Erst als Ronaldo kurz vor der Halbzeitpause das 1:1 schießt, springen die Brasilianer vorne vor der Leinwand auf, tanzen und jubeln.

Warten auf die Schönheit

Die meisten hier sind aber Deutsche, die die "Seleção" toll finden. So wie Markus aus Berlin, der ein gelbgrünes Polohemd trägt, heute Abend zu Brasilien hält und nicht richtig weiß, ob er bei der WM für Deutschland oder für Brasilien jubeln soll. "Die Brasilianer spielen einfach schön." Oder wie Peter, der in seinem Caipirinha-Plastikbecher stochert. Er ist hier, weil er das Ambiente mag und es zu Hause "viel langweiliger" gewesen wäre. Und, natürlich: "Wegen der Schönheit des Spiels."

Richtig schön wird es für sie erst in der zweiten Halbzeit. Juninho schießt das 2:1, Tanz, Trommel, Tröten vor der Leinwand. Der Sambamusiker Tiquinho aus Sao Paolo im gelben Ronaldinho-Trikot sagt eben noch, das Spiel seiner Mannschaft mache ihn etwas nervös, kaut demonstrativ an seinen Fingernägeln und meint überhaupt, jetzt liege noch viel Arbeit vor der Seleção - da schießt der in der Bundesliga als Torschütze bislang unbekannte Herthaner Gilberto das 3:1. Tanz, Trommel, Tröten. Und dann auch noch Problemstürmer Ronaldo das 4:1, sein zweites Tor an diesem Abend. Tanz, Trommel, Tröten.

Als das Spiel vorbei ist, sammeln die gelbgrünen Ordner schnell die Kissen ein. Aus der Liegewiese wird eine Tanzfläche. Ein DJ mit dem Namen Marlboro legt auf - laut Organisatoren ist er "das DJ-Urgestein aus Brasilien". Nicht Samba, sondern Baile Funk - "der Favela-Sound aus Rio de Janeiro" . Für die Brasilianer geht das Fest nahtlos weiter, sie stürmen auf die Tanzfläche. "Tonight everything is great", sagt Anna aus Florianopolis in Südbrasilien und zieht ihre Freundin auf die Tanzfläche. 

Auf den Minitribünen sitzen die Deutschen. Und sehen sich Brasilien an.

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