Bundespresseball Das Phantom Merkel
Berlin - Es hätten die Aufnahmen des Jahres werden können: Die frisch gekürte Kanzlerin Angela Merkel und ihr neuer Vize Franz Müntefering tanzen auf dem Berliner Bundespresseball zusammen im Drei-Viertel-Takt, kaum, dass die Tinte unter dem mühsam ausgehandelten Koalitionsvertrag so richtig getrocknet ist. Allein: Die CDU-Chefin kam gestern Abend nicht. Es gebe Terminschwierigkeiten, ließ sie sich entschuldigen - und schickte ihr Kabinett zum Tanzen vor.
Gekommen waren zu dem gesellschaftlichen Großereignis im Hotel Intercontinental neben Müntefering die neuen Minister Frank-Walter Steinmeier, Wolfgang Tiefensee, Peer Steinbrück und Michael Glos sowie das altgediente Regierungsmitglied Brigitte Zypries. Fünf SPD-Minister also und nur einer aus der Union, und der dann auch noch aus der CSU, wie sofort bemerkt wurde. CSU-Mann Glos jedoch war selbstbewusst. "Ich vertrete den Verein allein", erklärte er. So richtig verstehen könne er seine Unionskollegen aber nicht. Es sei ein Fehler, zu solch einer Veranstaltung nicht zu kommen.
Bundespresseball: Koalitionen im Dreivierteltakt
Merkel schwebte wie ein Phantom über dem 54. Bundespresseball. Vermisst wurde sie nicht nur von Glos. Merkel habe genug zu tun, reise in der ganzen Welt umher, sagte Müntefering. Daher könne er verstehen, wenn sie nicht komme, aber er habe heute schon mehrfach mit ihr telefoniert. Steinbrück sagte: "Es wird sicherlich auch noch andere Gelegenheiten geben, mit Merkel einige südamerikanische Tänze zu wagen." Allerdings sei er ein "sauschlechter Tänzer". Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) meinte, er könne so oft mit Merkel tanzen, dass müsse ja nicht unbedingt an diesem Abend sein. Und selbst DGB-Chef Michael Sommer, Grünen-Chefin Claudia Roth sowie der ehemalige Regierungssprecher Béla Anda fanden es schade, dass die Kanzlerin nicht da war.
So wurde über die Gründe der Absage heftig spekuliert. Merkel habe jede Menge Termine um die Ohren, inklusive ihrer Regierungserklärung am kommenden Mittwoch, und könne deswegen nicht teilnehmen, lautete die offizielle Begründung. Ein anderer Grund, so wurde spekuliert, könnte ihr Mann Joachim Sauer sein: Der 55-jährige international renommierte Chemie-Professor gilt als extrem öffentlichkeitsscheu.
Aber auch ohne die Kanzlerin feierten die 2500 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien bis zum Morgengrauen. Dabei waren unter anderem Spitzenpolitiker wie Guido Westerwelle, Klaus Wowereit und Reinhard Bütikofer, Moderatoren wie Anne Will, Ulrich Wickert, Marietta Slomka und Maybrit Illner sowie der US-Botschafter William Robert Timken. Und natürlich Bundespräsident Horst Köhler, der den Ball traditionell mit einem Walzer eröffnete, den er mit der Frau des Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, Ursula Gößling, tanzte. Walzer tanze er gerne, sagte Köhler. Natürlich am liebsten mit seiner Frau. Allerdings trete er ihr öfters auf die Füße.
Aufsehen erregend war natürlich auch dieses Mal wieder die Mode: Farbe war bei den Damen angesagt. So trug Präsidenten-Frau Eva Luise ein langes rotes Kleid. Aber auch ein Mann fiel auf: der Lebensgefährte von FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin, James Candon, kam im irischen Kilt - und trug Unterwäsche, wie er versicherte.
Für Schlagzeilen sorgten jedoch die an diesem Abend Abwesenden: So fehlte auch der neue SPD-Chef Matthias Platzeck - wie Merkel aus Termingründen. Auch der neue Regierungssprecher Ulrich Wilhelm hatte abgesagt - sein Vater feierte den 70. Geburtstag. Dass Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder nicht dabei sein würde, war eigentlich klar, gilt er doch als Tanzmuffel erster Güte. Und auf die legendären griesgrämigen Auftritte von Joschka Fischer musste dieses Mal - und wohl auch künftig - verzichtet werden. Für Stimmung sorgten unter anderem Stefan Raabs Casting-Entdeckung Max Mutzke sowie Max Raabe mit seinem Palastorchester. Für die Gäste waren 1400 Mitarbeiter im Einsatz, darunter 160 Köche. Serviert wurden unter anderem 5000 Austern, 2500 Currywürste und 400 Stück Hummer.
Von Holger Mehlig, AP