Chai Time "Happy Christmis" in Pakistan
Christen in Islamabad: Der Weihnachtsmann spielt Saxofon
Die christliche Gemeinde ist klein in Pakistan. Der letzten Volkszählung von 1998 zufolge sind nur 1,59 Prozent der Bevölkerung Christen. Bei etwa 180 Millionen Menschen ist das aber dann so klein doch wieder nicht: Die islamische Republik steht damit immerhin auf Platz 70 der größten katholischen Länder und sogar auf Platz 47 der größten protestantischen Länder der Welt.
Der Anblick von saxofonspielenden Plastikweihnachtsmännern, Krippenfiguren aus Kunststoff, aufblasbaren Schneemännern und aufklappbaren Tannenbäumen bleibt einem also selbst in Islamabad nicht erspart. Meine Frau und ich haben beschlossen, über Weihnachten in der Stadt zu bleiben. Unsere Familie aus Deutschland kommt zum ersten Mal zu Besuch, wir dachten, das wäre eine gute Zeit, ihnen Pakistan zu zeigen, weil es nicht so unerträglich heiß ist wie im Sommer.
Da es aber mit fünf Grad auch nicht gerade tropisch warm ist und unser Haus - wie alle Wohnungen hier - unglaublich schlecht isoliert ist (um nicht zu sagen: gar nicht), werden wir Weihnachten wohl in Wolldecken gehüllt und mit eingeschalteten Gasheizern verbringen. Das macht es einem leichter, die schönen Bilder aus dem verschneiten Deutschland zu verkraften, die einem Freunde per E-Mail schicken: Gott sei Dank ist es bei uns nicht ganz so eisig, denken wir.
Als einzigen Weihnachtsschmuck erlauben wir uns Lichterketten in den Fenstern, dezente, weißleuchtende, nicht die bunten, blinkenden. "Made in China", verpackt in roten Kartons mit Weihnachtsmännern und Tannen drauf, gibt es sie in Pakistan ganzjährig zu kaufen. Pakistaner lieben Lichterketten. Zu jedem Anlass schmücken sie ihre Häuser damit: zu islamischen Festen wie Id, zu Geburtstagen, vor allem aber zu Hochzeiten. Der Verkauf von Lichterketten ist ein krisensicheres Geschäft in Pakistan.
Werbung für Weihnachten
Das ist das Gute am Leben im Ausland: Man nimmt jedes Fest mit. Vor einem Monat, am 28. November, haben wir Id ul-Adha gefeiert, das höchste islamische Fest zum Höhepunkt der Hadsch, der Wallfahrt nach Mekka. Auf das dabei übliche Opfern von Tieren haben wir damals gerne verzichtet, zur Verwunderung unser islamischen Freunde. Jetzt, nicht einmal einen Monat später, ist Weihnachten, und unsere christlichen Freunde wundern sich, warum wir keinen dieser giftgrünen Plastikbäume gekauft haben.
Die muslimische Bevölkerung nimmt Weihnachten zwar zur Kenntnis, aber keiner feiert. Den Weihnachtsplunder gibt es deshalb auch nur auf wenigen Märkten, dort, wo die pakistanischen Christen, die in eigenen, meist ärmlichen Vierteln leben, einkaufen und, deutlich teurer, wo die Ausländer in der Stadt, überwiegend Diplomaten und Entwicklungshelfer, ihre Besorgungen machen. "Happy Christmis" wünscht ein (islamischer) Buchhändler ihnen per Zettel, den er an der Kasse aufgestellt hat. Auch er hat Lichterketten im Angebot.
Es gibt in der ganzen pakistanischen Hauptstadt nur zwei geschmückte Bäume in der Öffentlichkeit, beide gestiftet von der Behörde für Stadtentwicklung. Neben dem größeren der beiden Bäume, die nur ein paar Meter voneinander entfernt an einer sechsspurigen Straße stehen, sind große Transparente angebracht, die in großen Lettern darauf hinweisen, was hier zu sehen ist ("Christmas Tree"). Selbst Islamabad nutzt Weihnachten als Stadtmarketing.
Glühwein und Christstollen
Die kleine Kirche im Christenviertel von Islamabad ist ebenfalls geschmückt, die Kirchgänger unterscheiden sich äußerlich kaum von Muslimen, die eine Moschee besuchen: Die Frauen bedecken ihren Kopf mit Tüchern, Männer und Frauen sitzen getrennt und alle Besucher habe ihre Schuhe ausgezogen, vor dem Eingang zur Kirche liegt ein Berg von Sandalen. Sie feiern Weihachten auf ihre eigene Weise: Sie singen sich in Trance, bitten um Gesundheit und hoffen auf Vergebung. Von Weihnachtsmärkten mit Glühwein haben sie noch nie gehört.
Wem das also fehlt, für den bringt die deutsche Botschaft in Islamabad die Rettung: Sie organisiert einen Weihnachtsmarkt auf dem Gelände der diplomatischen Vertretung. Der "German Christmas Bazaar" dauert zwar nur einen Nachmittag, aber es gibt, Prohibition und Schweinefleischverbot hin oder her, Glühwein, Bratwürstchen, aber auch Christstollen, Adventskalender und selbstgebackene Plätzchen, kurz: Es weihnachtet auch in Islamabad! Mitarbeiter der Botschaft haben die Sachen in Deutschland eingekauft und einen Container voll nach Pakistan verschiffen lassen. Die Einnahmen durch den Verkauf werden gespendet. Menschen aus allen möglichen Ländern - und selbst nichtchristliche Pakistaner - lassen sich auf diesem Markt blicken, von Weihnachtsliedern beschallen, essen Stollen und genehmigen sich den einen oder anderen Schluck Glühwein.