Chai Time: Wie ein Einäugiger Terroristen erschrecken soll - DER SPIEGEL
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Chai Time Wie ein Einäugiger Terroristen erschrecken soll

Stacheldraht auf den Mauern, bewaffnete Wachleute vor der Tür: Die Nachbarn in Islamabad rüsten auf. Der Terror in Pakistan macht Angst, die Menschen versuchen, sich zu schützen - und zahlen dafür einen hohen Preis.
Privathaus eines US-Diplomaten: Hässlichkeit als Preis für Sicherheit
Privathaus eines US-Diplomaten: Hässlichkeit als Preis für Sicherheit

Privathaus eines US-Diplomaten: Hässlichkeit als Preis für Sicherheit

Foto: Hasnain Kazim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der alte Mann mit dem langen grauen Bart kann nur noch auf einem Auge sehen. Das rechte Lid hängt ein wenig herunter, jemand hat ihm vor ein paar Monaten einen Stein ins Gesicht geschleudert. Er trägt eine blaue Uniform, auf dem Rücken hat er ein antiquiertes Gewehr geschultert, das so aussieht, als könnte es jeden Moment von alleine losgehen.

"Wissen Sie eigentlich, wie man damit umgeht?", frage ich ihn.

Er grinst, ihm fehlt ein Vorderzahn. Dann schüttelt er den Kopf.

Halbblind, hockt er tagsüber sieben, acht Stunden vor dem Haus eines Nachbarn. Er klagt mir sein Leid, dass er mit dem einen Auge nie wieder richtig sehen werde. Den Job werde er aber weiter machen, irgendwie müsse er ja schließlich seine Familie ernähren. Sein Arbeitgeber sei auch mit einem Einäugigen zufrieden.

Denn die Nachfrage nach Sicherheitspersonal wächst mit jedem Terroranschlag, entsprechend steigen die Preise. Der Alte verdient zwar weniger als 150 Euro im Monat, vermutlich würde er für dieses Geld im Angriffsfall eher weglaufen, als das Haus seines Auftraggebers zu verteidigen. Sein Kollege, der nachts in dem Wachhäuschen hockt - manchmal schläft er auch, kniet auf dem Gebetsteppich, den er auf dem Rasen ausrollt, oder spielt mit den Wachleuten der anderen Nachbarn Karten -, bekommt ein paar Rupien mehr. Aber wer heute einen wirklich professionellen Wachdienst sucht, kann auch mehr als 1000 Euro monatlich dafür ausgeben. Sicherheit hat inzwischen ihren Preis.

"Reden Sie Englisch mit den Polizisten, das flößt ihnen Respekt ein"

Zum Beispiel, dass man jedes Mal durch einen Security Check muss, wenn man in ein Restaurant, eine Bank oder auch nur zur Post will. Manchmal piept dabei der Metalldetektor - und man wird trotzdem mit einer müden Handbewegung durchgewinkt. Oder dass man jetzt dreimal so lange braucht, um mit dem Auto durch die Stadt zu kommen. Denn auf den Straßen stehen immer mehr Kontrollposten: Zwei Polizisten blicken in jeden Wagen, während man im Zickzack um drei Betonblöcke herumfährt. Hinter dem letzten hockt noch ein Polizist, das Gewehr im Anschlag. Meistens lassen sie einen passieren, ganz selten wollen sie einen Ausweis sehen: Manchmal genügt dann eine deutsche Drogeriekundenkarte, anderntags gibt's selbst mit einem nagelneuen biometrischen Reisepass Probleme.

Saleem, mein Taxifahrer, sagt: "Reden Sie immer Englisch mit denen, das flößt ihnen Respekt ein." Ich hab's mal mit Deutsch probiert: Wenn man sie mit einem zackigen "Guten Tag!" anspricht, lassen sie einen sofort in Ruhe. Wahrscheinlich halten sie einen für irre.

Kein Mensch weiß, nach welchen Kriterien die Polizei Leute anhält. Vielleicht soll auch nur das Gefühl vermittelt werden: Der Staat tut was für die Sicherheit.

Ein Nachbarshaus wie ein Foltergefängnis

Aber weil das im Ernstfall alles nichts nützt, verschanzen sich immer mehr Menschen, vor allem Ausländer, in ihren Häusern. Neue Mauern entstehen, auf alte werden Eisenzäune montiert, obendrauf kommt Stacheldraht. Und seit dem Anschlag auf eine Universität in Islamabad am 20. Oktober werden jetzt selbst Grundschulen zu Hochsicherheitstrakten. Manche sprechen von einer "Kabulisierung" Islamabads: In Kabul gibt es kaum noch ein Haus ohne hohe Mauer drum herum, dort zahlt man für einen Wachdienst längst 3000 Dollar im Monat und mehr.

Die Botschaften in der afghanischen Hauptstadt sind Festungen, auch die deutsche: Nach dem Anschlag im Januar wurden alle Fenster zugemauert, seither arbeiten die Diplomaten bei künstlichem Licht - und sie leben auf dem Botschaftsgelände, in wohnlich eingerichteten Containern. Rausfahren dürfen sie nur nach Absprache mit ihren Sicherheitsleuten, und auch nur mit gepanzerten Geländewagen. Sogar länger in Kabul lebende Mitarbeiter erzählen, sie seien noch nie in der "Chicken Street" gewesen, der Haupteinkaufsstraße und einstigem Hippie- und Touristenzentrum. Was bekommt man eigentlich von einem Land mit, das man nicht einmal aus dem Fenster sieht?

Bei der Bevölkerung kommt das nicht so gut an. "Die versprechen uns Sicherheit, aber glauben selbst nicht dran", sagt ein Obsthändler in Kabul. Ich will ihm antworten, aber er winkt ab. "Schon klar, die Terroristen haben es auf die Weißen abgesehen und deshalb haben die Angst." Er könne verstehen, dass sich die Menschen "wie eine Schildkröte in ihr Häuschen zurückziehen".

In Islamabad leben die meisten Diplomaten noch außerhalb des Botschaftsviertels, das sich allerdings zunehmend zu einem Fort Knox entwickelt: Wer dringend zu seiner Botschaft will, kann das ohne vorherige Anmeldung vergessen.

Und wo US-Diplomaten leben, erkennt man an den engmaschigen Gittern vor allen Fenstern, dem Stacheldraht ums ganze Haus und dem leicht erhöhten, hinter der Mauer stehenden Wachhäuschen. Man könnte sich auch gleich ein Schild ans Tor schrauben: "Hier leben Amerikaner."

Das Haus unserer Nachbarn jedenfalls sieht aus wie ein Foltergefängnis. Hässlichkeit ist auch ein Preis für Sicherheit. Auf der anderen Seite unserer Wohnung ist ein Wäldchen. Die Behörden überlegen aber, die Baumbestände und Gebüsche in ganz Islamabad zu reduzieren. Terroristen könnten diese "Dschungel" als Versteck nutzen.

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