Charité Berlin: Krankenkassen sollen für Pädophilen-Therapie aufkommen - DER SPIEGEL
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"Kein Täter werden" Krankenkassen sollen für Pädophilen-Therapie aufkommen

Eine große Zahl Pädophiler hat in den vergangenen Jahren Hilfe bei der Berliner Charité gesucht. Die Therapien sollen in Zukunft von den Kassen bezahlt werden.
Pressekonferenz des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin
Pressekonferenz des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin

Pressekonferenz des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa
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Mit dem "Präventionsprojekt Dunkelfeld" sollen Menschen mit pädophilen Neigungen davon abgehalten werden, Kinder zu missbrauchen. Mehr als 7000 Männer haben sich bislang an das bundesweite Therapieprojekt gewandt. Knapp 660 davon begannen an der Berliner Charité oder einem der zehn anderen Standorte in Deutschland eine Therapie, wie die Charité nun in einer Bilanz mitteilte. Etwa 250 Männer schlossen demnach die Therapie ab, 265 sind aktuell in Behandlung.

Das Präventionsprojekt war 2005 an der Charité gestartet. Mittlerweile gibt es weitere Standorte unter anderem in Düsseldorf, Leipzig, Kiel und Regensburg. Durch Verhaltenstrainings, Gesprächstherapien und impulsdämpfende Medikamente sollen Menschen mit pädophilen Neigungen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren.

Ziel des Präventionsnetzwerks "Kein Täter werden" ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Kinderpornografie bereits im Vorfeld zu verhindern. Die wissenschaftlichen Nachuntersuchungen hätten gezeigt, "dass das Behandlungsprogramm geeignet ist, bekannte Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch zu senken und bei den Betroffenen eine erfolgreiche Verhaltenskontrolle aufzubauen", erklärte Klaus M. Beier, der das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité leitet.

Kassen sollen für Therapie zahlen

Die vorbeugende Therapie könnte in Zukunft eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung werden. Geplant sei noch in diesem Jahr eine Gesetzesänderung, sagte Lutz Stroppe, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit. Dadurch könnte der GKV-Spitzenverband den Auftrag für ein Modellvorhaben erhalten.

Für diese fünfjährige Erprobungsphase seien fünf Millionen Euro pro Jahr veranschlagt - verbunden mit einer wissenschaftlichen Analyse über den Nutzen der Therapien. Über die nötige Änderung im fünften Sozialgesetzbuch solle im November der Bundestag und im Dezember der Bundesrat entscheiden, ergänzte Stroppe. Hauptziel sei ein besserer Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch.

Nach derzeitiger Gesetzeslage müssten Betroffene bei einer psychotherapeutischen Behandlung ihre Anonymität aufgeben, wenn die Krankenkassen zur Finanzierung hinzugezogen würden, sagte Charité-Sprecher Jens Wagner SPIEGEL ONLINE. Für viele von ihnen sei das eine sehr große Hürde.

Mit dem neuen Gesetz solle darum parteiübergreifend ein Vorschlag der CDU/CSU-Bundestagsfraktion umgesetzt werden. Die Krankenkassen würden in diesem Fall durch ein Schlüsselsystem die Therapien finanzieren. Betroffene Männer könnten sich dann auch bei niedergelassenen Psychologen und Therapeuten anonym helfen lassen.

"Die Verhinderung von sexuellem Missbrauch von Kindern ist eine Aufgabe, die alle angeht. Es geht darum, ihn bereits in seiner Entstehung zu verhindern", sagte Lutz Stroppe, Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Mit der Gesetzesänderung könne auch das Gesundheitswesen einen zusätzlichen und zielführenden Beitrag zur Missbrauchsprävention leisten.

"Jede verhinderte Tat schützt ein Kind"

Die Mittel würden an die bisher elf Standorte des Netzwerks "Kein Täter werden" fließen. Voraussetzung für die Therapie ist, dass keine Strafverfahren laufen. Pädophilie sei nicht heilbar, lasse sich aber kontrollieren, sagte Beier. Nicht jeder Pädophile begehe Übergriffe.

Von den Berliner Teilnehmern habe keiner nach der Therapie Kinder und Jugendliche missbraucht, hieß es weiter. In Deutschland haben Befragungen zufolge ein Prozent der Männer pädophile Neigungen. Das Dunkelfeld in diesem Bereich schätzen Experten als groß ein.

"Die meisten Fälle von Kindesmissbrauch finden im sogenannten Dunkelfeld statt und bleiben unerkannt", erklärte Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesjustizministerium. Ihre Behörde finanziert das Präventionsnetzwerk noch bis Ende 2016. Sie verwies auf Studien, wonach die Dunkelziffer sexuellen Kindesmissbrauchs bis zu 30-fach höher liegen soll als aus amtlichen Statistiken hervorgehe. "Am sinnvollsten und am besten für alle Beteiligten ist es deshalb, bereits anzusetzen, bevor etwas passiert", sagte Wirtz.

Das Therapieangebot sei "ein wichtiger Baustein in der Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs", sagte Jerome Braun von der Kinderschutzstiftung "Hänsel + Gretel", die das Projekt seit 2005 unterstützt. "Jede verhinderte Tat schützt ein Kind."

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Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, in Deutschland hätten zwischen drei und sechs Prozent der Männer pädophile Neigungen. Tatsächlich sind es laut dem Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" etwa ein Prozent. Wir haben die Stelle im Text korrigiert.

cnn/dpa/AFP