Jüdisches Restaurant in Chemnitz: Alles koscher!
Jüdisches Restaurant "Schalom" "Ihr dürft hier auch lachen"
Die jüdische Gemeinde in Karl-Marx-Stadt hatte 1989 zwölf Mitglieder. Dann fiel die Mauer, Karl-Marx-Stadt wurde Chemnitz und die Gemeinde wuchs - auf rund 600 Mitglieder. Mittlerweile gibt es einen jüdischen Kindergarten, die Synagoge wurde gerade erst renoviert und in der Innenstadt führt Uwe Dziuballa ein koscheres Restaurant. Eine Sache gibt es trotzdem nicht in Chemnitz: ganz alltägliches jüdisches Leben.
"In Deutschland sind wir Juden ein Nischenprodukt", sagt Gastronom Dziuballa. Der 52-Jährige trägt eine Kippa auf dem Kopf und spricht mit weichem sächsischen Dialekt. Im Jahr 2000 hat er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Lars Ariel Dziuballa das koschere Restaurant "Schalom" eröffnet. Damals war er gerade aus den USA zurückgekehrt und träumte davon, jüdisches Leben wieder in den deutschen Alltag zu integrieren - so wie er es in New York kennengelernt hatte.
Siebzehn Jahre, einen Umzug und Sachschäden im Wert von rund 42.000 Euro später ist Dziuballa im "gastronomischen Himmel angekommen", wie er sagt. Das "Schalom" läuft gut und ist sogar im Ausland bekannt. Die Gäste kommen aus New York, Jerusalem. Und wenn Erzgebirge Aue zuhause gegen St. Pauli spielt, macht schon mal ein ganzer Fanbus aus Hamburg in dem koscheren Restaurant Halt. "Im Urlaub wurde mir mal am Strand von Tel Aviv meine eigene Gaststätte empfohlen", sagt Dziuballa nicht ohne Stolz.
Jüdisches Restaurant in Chemnitz: Alles koscher!
Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Chemnitz, Ruth Röcher, kommt nicht ins "Schalom". Sie ist sich nicht sicher, ob Dziuballa die strengen jüdischen Speisevorschriften einhält. Ihm fehlt ein nötiges Zertifikat und außerdem sei Dziuballa strenggenommen gar kein Jude. Dziuballas Mutter war keine Jüdin und er ist nie konvertiert. Eines von beiden ist Voraussetzung, um als Jude anerkannt zu werden.
Vor seiner Arbeit hat die Pädagogin dennoch Respekt. Lächelnd sagt die kleine Frau, die in Israel geboren wurde und als Studentin nach Deutschland kam: "Es ist das koscherste Restaurant in Chemnitz." Dziuballa versteht die Kritik nicht. Auch streng gläubige Juden und Rabbiner würden bei ihm essen.
"Wir wurden nicht von Nazis vertrieben"
So gut wie heute ging es dem Restaurant nicht immer. In den ersten Jahren wurden Gäste in der Carolastraße nahe dem Chemnitzer Hauptbahnhof empfangen. Die Nebenkosten in der Lokalität explodierten, nachts war die Gegend fast menschenleer, Randalierer konnten unbemerkt die Scheiben der Gaststube einschlagen und die Hauswände mit antisemitischen Sprüchen beschmieren. 2012 zog das "Schalom" in die belebtere Innenstadt und eine große Zeitung schrieb, Nazis hätten die Dziuballas von ihrem früheren Standort vertrieben.
"So war das nicht. Die Übergriffe auf das Lokal haben nur ganz minimal in diese Entscheidung reingespielt", sagt Dziuballa, der sich noch heute über den Zeitungsbericht ärgert. Genauso wie Röcher. "Die Stadt Chemnitz steht sehr hinter der jüdischen Gemeinde. Solche Schlagzeilen tun uns nicht gut" sagt sie. Antisemtische Übergriffe auf das Gemeindezentrum habe sie nie erlebt.
Und auch für Dziuballa sind die Zeiten friedlicher geworden. Der Umzug hat sich gelohnt. Der neue Gastraum ist gemütlich, mit Holz verkleidete Wände, ein volles Bücherregal. In den Fenstern stehen Menoras und ein farbenfrohes Wandbild vereint die Städte Chemnitz und Jerusalem miteinander. "Wir haben auf der Karte eine Mischung aus nahöstlichen, osteuropäisch-jüdischen und mitteleuropäisch-jiddischen Speisen. Und in der Küche steht an den meisten Tagen die Mutti", sagt der gelernte Bankkaufmann, während im Fernseher hinter ihm ein Fußballspiel läuft.
Schweinekopf und Hakenkreuze
Am alten Standort kamen regelmäßig Hooligans auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion am "Schalom" vorbei. In dieser Zeit dokumentierte Uwe Dziuballa noch jeden antisemitischen Übergriff auf sein Lokal auf einer Strichliste: Eine Tischreservierung für 88 Personen an Hitlers Geburtstag - ein Strich. Ein eingeritztes Hakenkreuz in der Toilettentür - ein Strich. Ein Schweinekopf auf der Türschwelle - wieder ein Strich. Heute gibt es keine Strichliste mehr, die Übergriffe sind viel weniger geworden und auch bei seinen Gästen hat Dziuballa einen Wandel festgestellt.
"Am Anfang kamen viele Deutsche aus Neugier. Die haben oft gedacht, wir betreiben eine Art Museum oder Wallfahrtsort und wollten bei uns auch Denkmalskultur erleben. Dann haben sie gemerkt, dass der Holocaust hier keine Alltagsrolle spielt, dass das Essen schmeckt und dass es nicht von KZ-Häftlingen an den Tisch getragen wird", sagt Dziuballa. Wenn er sich von den Deutschen etwas wünschen könnte, dann wäre es mehr Gelassenheit.
"Das Wort 'Jude' ist kein Schimpfwort. Ihr könnt ruhig sagen, dass ihr beim Juden essen geht. Ihr könnt auch sagen, wenn es nicht schmeckt und ihr dürft hier auch lachen", sagt Dziuballa. Mit "ihr" meint er seine nicht-jüdischen Gäste aus Deutschland. Natürlich kann Dziuballa auch einen jüdischen Witz erzählen. So kurz nach der Bundestagswahl ist ihm das Lachen allerdings ein wenig vergangen.
Das Wahlergebnis? Ein Schlag in die Fresse!
Die rechtspopulistische AfD ist in seinem Heimatbundesland Sachsen als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgegangen. In Chemnitz holte die Partei 24 Prozent. "Das Wahlergebnis ist ein Schlag in die Fresse", sagt Dziuballa. "Ich hoffe und weiß eigentlich auch, dass viele die Partei nur aus Protest gewählt haben. Aber bevor hier wieder im Gleichschritt durch die Straßen marschiert wird, würden wir unsere Sachen packen."
Weniger drastische Worte findet Röcher für die aktuelle politische Lage: "Das Wahlergebnis ist für uns ein Grund zur Sorge. Wir werden genau beobachten, was passiert." Trotz des Wahlergebnisses wünscht sie sich, dass mehr Deutsche die jüdische Gemeinde besuchen. "Wir sind ein sehr gastfreundliches Haus und ich hoffe, dass die Chemnitzer wissen, dass sie bei uns willkommen sind und keine Hemmungen haben, auf uns zu zugehen", sagt sie.
Weniger Hemmungen im Umgang mit Juden stellt Dziuballa immer öfter bei seinen jüngeren Gästen fest. "Denen ist es egal, wie gläubig ich bin oder wie ich zu Israel stehe. Der Umgang wird natürlicher." Normalität im jüdischen Leben in Deutschland könne es aber zumindest in der aktuellen Generation nicht geben - da sind sich Röcher und Dziuballa einig.