Chinas Regierung Opa Wen und das Mädchen
Hamburg - Sie reißt die Hand hoch, um den offenen, verzerrten Mund zu verbergen. Er greift nach dieser Hand und beugt sich zu ihr hinunter. "Nicht weinen", sagt Wen Jiabao, "die Regierung wird sich um euch kümmern, die Regierung wird für euer Leben und eure Ausbildung sorgen."
Er schaut sie an, nur sie, Liu Xiaohua blinzelt, die Augen voller Tränen, sie kann nichts sagen, nur nicken. "Nicht weinen, nicht weinen", sagt Wen. "Das ist eine Katastrophe, aber ihr habt überlebt." Die Stimme des Regierungschefs, das Schluchzen des Kindes, das Klicken der Fotoapparate, mehr gibt es plötzlich nicht im Jiuzhou-Stadion von Mianyang.
Es war diese Szene am 13. Mai 2008 - einen Tag nach dem Erdbeben in Sichuan, gezeigt in China und der ganzen Welt -, die den Premier, das Mädchen und die Medien aneinanderband. Es war ein Moment der Unverstelltheit. Die allmächtige KP-Führung, die ohnmächtig scheint angesichts der Trauer eines Mädchens. Der Moment, in dem der Premier zu Opa Wen wird. Und der letzte Augenblick, da Liu Xiaohua, Tochter einer Schweinezüchterin, einfach nur ein zwölfjähriges Mädchen ist aus dem Dorf Baishi.
Fast drei Monate später werden die Menschen im Bus sie erkennen, man wird sie für eine Filmrolle vorschlagen, und sie wird auserwählt sein für den großen Auftritt im Kulturpalast der Nationalitäten in Peking. "Blumen feiern die Olympischen Spiele" heißt das Programm. 30 Gruppen aus ganz China trällerten und tanzten neulich in der Hauptstadt, und Xiaohua sang gemeinsam mit anderen Kindern aus dem Katastrophengebiet: "Zähl mal, wie viele grüne Gräser auf dem Boden wachsen, so viel Lachen gibt es im Herzen der kleinen Zhouma." Aber auch das andere Lied: "Mama, wie geht es dir im Himmel?"
Als die Erde bebte, lernte Xiaohua gerade Englisch. Sie schaffte es aus den Trümmern der Qushan-Grundschule im Kreis Beichuan, sah das eingestürzte Haus, in dem sie mit der Großmutter gewohnt hatte, weit weg von den Eltern im Heimatdorf. Sie irrte umher, irgendwann brachte sie jemand ins Stadion. "Dies", schrieb die "Sichuan Daily", "ermöglichte Liu Xiaohua die warmherzige Sorge und Liebe von Premier Wen." Xiaohua, so schien es, verkörperte das Leid aller Waisen. Sie wurde so prominent, dass Prominente sie adoptieren wollten. Doch dann meldeten sich ihre Schwester Liu Ling und auch der Vater, und eigentlich hätte die Geschichte hier enden können.
Ein tapferer Nationalschatz
Aber Chinas Behörden und Medien ließen nicht mehr von dem Mädchen. Xiaohua wurde in ein Heim gesteckt, die Schwester wollte sie zum Onkel bringen, doch es hieß, nur die Eltern dürften die Kleine abholen. Außerdem hatte man schon Termine gemacht. Bei einer Wohltätigkeitsgala in Chengdu - 18 Tage hatte Xiaohua ihre Eltern nicht mehr gesehen, die Oma war bei dem Beben gestorben - sprach sie am Telefon mit dem Vater. Blechern klang seine Stimme: "Sei nicht traurig. Papa kann dich jetzt nicht besuchen. Ich bin der Vorsteher vom Dorf Baishi. Ich bin Parteimitglied. Bei so einer Katastrophe muss ich mich zuerst um die Dorfbewohner kümmern." Applaus im Saal. Die Moderatorin legte einen Arm um Xiaohua, und die antwortete: "Ich werde tapfer sein."
Der Vater tat, was er für seine Pflicht hielt. "Dreimal an der eigenen Haustür vorbeigehen" heißt das Sprichwort in Erinnerung an den legendären Yu, der sich 13 Jahre lang dem Kampf gegen das Hochwasser verschrieb - und dreimal nicht bei seiner Familie einkehrte. Es gab viele Yus in Sichuan nach dem Beben: Ärzte, Schwestern, die Tag und Nacht arbeiteten, ohne um ihre eigenen Toten zu trauern. Auch Xiaohua dient längst der Gemeinschaft. Einen "Nationalschatz" nennt Liu Ling ihre kleine Schwester.
Einen Monat nach dem Erdbeben lud Air China Xiaohua nach Peking ein, es war ihr erster Flug, ihr erster Besuch in der Hauptstadt, das Bodenpersonal begrüßte sie mit einem Strauß weißer Lilien, so riesig, dass er fast Xiaohuas "I love China"-T-Shirt verdeckte. Dieses Mal filmte die Kamera ein lachendes Mädchen, das zur Nationalfahne auf dem Tiananmen-Platz emporschaute, vor der Olympia-Schwimmhalle die Hand zur Faust ballte und mit einer taiwanischen Popsängerin im Chor rief: "Gib Gas, China! Gebt Gas, Teilnehmer!" Und das dem Nationalhelden, dem Hürdenläufer Liu Xiang, ein Pappherz mit den besten Wünschen der Kinder von Sichuan überreichte.
"Danke, Opa Wen"
Liu Xiaohua ist die Figur, mit der China litt, mit der China sich freute, und die nun, stellvertretend für China, gestärkt aus der nationalen Tragödie hervorgehen soll. Und sie ist das Mädchen, das Post bekam vom Premier. Gerade hatte Xiaohua für Olympia geprobt, in Dreierreihen standen die Kinder singend vor ihren Plastikstühlen stramm, da stürmte eine Delegation der Provinzregierung herein und zupfte einen Bogen Reispapier aus der Klarsichtfolie.
Xiaohua, die laut Fernsehreporterin "ihre innere Aufregung nicht unterdrücken konnte", "salutierte im Stil der jungen Pioniere". Herausgeputzt in der Tracht ihrer Qiang-Minderheit trug sie die Worte des Premiers vor: "Xiaohua, mir scheint, als seiest du plötzlich erwachsen geworden, tapferer und verständnisvoller. Ich vermisse dich." Und Xiaohua sagte: "Danke, Opa Wen. Ich umarme dich."
Ein chinesischer Blogger kritisierte später, dass der Brief von den Provinzbeamten geöffnet worden sei. Dabei handle es sich doch "um privaten Schriftverkehr". Die Zeilen zeigten den "bewährten Stil des Premiers Wen, dem Volk nahe zu sein", das Verhalten der Lokalpolitiker jedoch die "Machtvergötterung der Chinesen". Der Brief des Premiers hängt jetzt, goldgerahmt, im Dorf Baishi in Sichuan. Liu Xiaohua aber wird nach dem Olympia-Auftritt nach Peking ziehen. Sie wird dort eine angesehene Schule besuchen. "Ich hoffe", hatte Wen geschrieben, "dass ihr euch noch mehr anstrengt, gut zu lernen." Liu Xiaohua wird tun, was der Premier ihr aufgetragen hat.