Chinesischer Web-Kult: Langnase sucht tollen Mann - DER SPIEGEL
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Web-Kult: Kennen Sie Su Fei?

Foto: Ben Miao

Chinesischer Web-Kult Langnase sucht tollen Mann

"Sex and the City" im Reich der Mitte: Eine Deutsch-Amerikanerin erforscht die Vorstellungen der Chinesen von der Liebe. Mit ihrer witzigen Lifestyle-Reihe "Sexy Beijing" wurde sie zum Star im Internet - obwohl sie sich den Gesetzen der Zensur beugen muss.
Von Felix Zeltner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Peking - Die Frau, die sich Su Fei nennt, steht im Jingshan-Park hinter der Verbotenen Stadt, ältere Herren und Damen haben sich um sie geschart, vor ihr steht ein Schild: "Akademiker-Ehe - Informationsaustausch für Eltern". Nur seriöse Menschen kämen hierher, erklärt ihr eine Frau und deutet auf die Paare: "Siehst du? Alles Mütter und Väter. Sie suchen jemanden für ihre Kinder in heiratsfähigem Alter." - "Ich bin 33 und immer noch nicht verheiratet", sagt Su Fei. "Ich habe einen Uni-Abschluss." - "Willst du jemanden treffen?", fragt die Frau.

Sekunden später ist Su Fei in einer Traube chinesischer Elternpaare gefangen, alle sind ohne ihre Kinder gekommen.

Su Fei zeigt ihren Lebenslauf. "Ich bin bereit zu kochen", sagt sie. "Schau an, eine Fremde, die kochen kann!", ruft ein Vater entzückt. "Aber was, wenn du nach der Hochzeit abhaust?" Das Problem sei ja nicht sie, antwortet Su Fei, "bisher sind die chinesischen Männer immer vor mir weggelaufen". Am Ende des Nachmittags geht sie allein nach Hause und sagt: "Ich glaube, die Tradition des Verkuppelns ist wie alles andere in Peking - ich sollte es besser sofort ausnutzen, bevor es verschwindet." Dann läuft der Abspann. Das war eine neue Folge von "Sexy Beijing". 300.000 Menschen haben sie im Netz schon angeklickt.

China hat die meisten Internet-Nutzer der Welt, und Su Fei ist ihr erster weiblicher Star. Vor drei Jahren begann sie damit, vor laufender Kamera das Liebesleben der Chinesen auszuforschen. Wanderarbeiter, Rosenverkäufer, HipHop-Tänzer oder ihre eigenen Freundinnen - niemand ist vor Su Fei sicher.

Männliche Interviewpartner fragt sie gern gleich noch nach der Telefonnummer. "In Peking gilt: Wer mit 26 keinen Mann hat, für den ist es zu spät." Die meisten Chinesen finden ihre Männer oder Frauen noch immer über eine Heiratsvermittlung.

Am Computer verpasst Su Fei den Filmchen englische Untertitel und eine Anmutung, die der amerikanischen Fernsehserie "Sex and the City" nachempfunden ist. Dann lädt sie die Episoden auf YouTube und auf chinesische Videoportale wie Tudou, Youku oder 56.com hoch.

Schätzungsweise 15 Millionen Menschen wollten "Sexy Beijing" schon sehen. Die Show ist Kult, obwohl sie nicht im Fernsehen läuft, denn dafür wäre sie zu revolutionär. "Jede Fernsehstation hier in China will mich engagieren, aber sie würde die Idee weichspülen", sagt Su Fei, die in Wahrheit Anna Sophie Loewenberg heißt.

"Man musste das Land wirklich lieben, um es hier auszuhalten"

Ihr Alias hat sie der chinesischen Übersetzung des Welterfolgs "Sofies Welt" entlehnt - Sofie heißt Su Fei. Sie wusste allerdings nicht, dass unter diesem Namen auch Tampons verkauft werden, wie sie in der Episode "Lost in Translation" genüsslich erzählt.

Loewenberg wuchs in Los Angeles auf, ihr Vater stammt aus Hamburg. Dessen jüdische Eltern flohen 1933 vor Hitler nach China, lebten dort, bis die japanische Armee einmarschierte und zogen dann weiter in die USA.

Die Enkelin ist fasziniert von der Geschichte ihrer Großeltern. Mit 22 Jahren kam sie als Entwicklungshelferin erstmals nach Peking und blieb, das ist nun 13 Jahre her. "Damals musste man das Land wirklich lieben, um es hier auszuhalten. Es war nicht hip, es war einfach nur versmogt und abgeschnitten vom Rest der Welt."

Loewenberg lernte Mandarin und begann 2006 mit "Sexy Beijing". In der ersten Folge lief sie im ältesten Viertel der Hauptstadt umher und fragte Passanten: "Gibt es jemanden in dieser Straße, der mich mögen könnte?" Ihre Idee war es, die Serie als öffentliche Suche nach einem Ehemann zu starten - Langnase sucht tollen Mann. "Sexy Beijing" war schnell ein Hit.

Seit sie bekannt ist, bekommt sie Aufträge aus aller Welt. Gemeinsam mit ihrem Kameramann produziert sie Sprachkurse, Nachrichten und Dokumentarfilme, die Firmenzentrale ist eine zum Büro umfunktionierte Wohnung in Pekings Diplomatenviertel. "Wir zensieren uns selbst. Es gibt keine Sex-Skandale, keine Regierungskritik, eine Menge Dinge, über die wir nicht reden", sagt Loewenberg. "Wir müssen schließlich auch an die Leute denken, die wir interviewen."

"Wann willst du Kinder haben?"

Seit März ist YouTube in China nicht mehr zu erreichen, vor dem Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni wurden auch noch Hotmail, Twitter, Facebook und Tausende andere Websites blockiert. "Great Firewall" - große Brandmauer - nennen westliche Medien die breit angelegte Zensur, "Goldener Schutzschild" sagt die chinesische Regierung dazu, denn sie wolle die Bürger vor schlechten Einflüssen schützen.

"Das nervt total", sagt Loewenberg, "aber zum Glück kann jeder, der sich ein bisschen auskennt, ganz leicht um die Blockade herumkommen."

So haben innerhalb einer Woche schon wieder Tausende die neueste Folge von "Sexy Beijing" auf YouTube angeklickt. Su Fei geht dieses Mal zum Speed Dating, 21 Junggesellen kommen innerhalb weniger Minuten dran. Ein netter junger Mann ist unter den Kandidaten. "Wann willst du Kinder haben?", fragt Su Fei. Sie ist im echten Leben seit kurzem Single, die Frage ist ihr ernst. "Ab 30." - "Und wie alt bist du?" - "Mitte 20." Für Su Fei ist er zu jung. Die Suche geht weiter.