Christoph Schönborn Ein Kardinal will nach ganz oben
Mariazell - Beim Papstbesuch in Österreich steht neben Benedikt XVI. zwangsläufig ein weiterer Mann im Mittelpunkt: der ranghöchste Katholik des Landes, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Wiens Kardinal Christoph Schönborn. Und insgeheim mag er sich schon in der Rolle des Heiligen Vaters sehen.
Papst und Kardinal kennen und schätzen sich seit langem. Der 62-jährige Schönborn studierte in den 70er Jahren bei Joseph Ratzinger, als dieser in Regensburg die Verzwicktheiten der Geheimnisse des Glaubens zu erklären suchte. Es ist überliefert, dass sich der Dogmatikprofessor und der ehrgeizige Student wissenschaftlich bestens verstanden - und auch menschlich.
So trifft in Wien und Mariazell ein zum Kardinal beförderter Schüler auf einen zum Papst aufgestiegenen Lehrer. Eine harmonische Allianz. Als Benedikt XVI. vor der Kirche Am Hof in Wien wegen technischer Probleme seine Rede unterbrechen musste und unklar war, wie es weitergehen sollte, trat Schönborn ihm zur Seite. Und da standen sie wie Vater und Sohn, und der Sohn half dem Vater aus der Patsche, indem er ein "Vater unser" anstimmte.
"Schönborn drängt es nach Rom", heißt es in sehr gut informierten Kreisen der österreichischen katholischen Kirche. Im Vatikan antichambriere er häufig. Sein Minimalziel: Vorsitzender der mächtigen Glaubenskongregation zu werden, ein Amt, das Ratzinger 24 Jahre lang innehatte. Ratzingers Nachfolger auf dem Posten, US-Kardinal Levada aus San Francisco, gilt als Wackelkandidat.
Ehrgeizig und eitel
Schönborns Ehrgeiz kommt seine Eitelkeit nahe. Er gehört zu jenen Menschen, deren Gefallsucht im Mäntelchen der Bescheidenheit daherkommen kann. Während des Empfangs am Flughafen Schwechat etwa folgte der schlanke, großgewachsene Kardinal dem Heiligen Vater, der die Ehrengarde des Militärs abschritt. Schönborns Gesicht war blass, seine Hände waren gefaltet, den Kopf hielt er leicht zur Seite geneigt, er schien voller Andacht zu schreiten, doch seine Augen suchten unablässig die Kameras.
Er weiß sich in den Medien zu inszenieren. In Interviews pflegt er auf kritisch gestellte Fragen zur Haltung der katholischen Kirche nicht einzugehen. Stattdessen stellt er sich selbst in den Mittelpunkt. Am Ende eines Papsttages klingt das dann so: "Ich war heute stundenlang mit dem Papst zusammen", "Ich bin in der ersten Reihe gesessen", "Ich habe dem Papst die Ergebnisse persönlich überreicht, und er war sehr beeindruckt". Die Wichtigkeit seiner Person scheint ihm bedeutsamer als das Ringen um die Sache.
Schönborn wiegelt ab, Schönborn malt schön: Wenn die reformorientierte "Pfarrerinitiative" fordert, man müsse mit dem Papst dringend über den Priestermangel reden, so sagt Schönborn: "Keine Zeit!" Wer auf einer solchen Reise Diskussionsrunden fordere, sei naiv. Wenn ein fehlender Papst-Enthusiasmus in einem ehemals durch und durch katholisch gestimmten Land festgestellt wird - in Wien ließen die Österreicher Benedikt im Regen stehen, nur 7000 Besucher kamen -, so sagt Schönborn, er stelle eine unglaubliche Papst-Begeisterung fest.
Erlöst und unglücklich
Zweifellos auch wegen des Dauerregens im Osten Österreichs hat die päpstliche Pilgerreise bisher den Charakter einer tristen Veranstaltung. Doch Schönborn redet sich vor den Kameras warm, er spricht von Freude, Jubel, Feierlaune - dabei verkörpert er selbst, während er dies sagt, das Gegenteil. Er wirkt defensiv, er agiert vorsichtig und umständlich. Es kommt einem das Wort Friedrich Nietzsches in den Sinn: Wenn die Christen schon erlöst seien, sollten sie doch glücklicher aussehen.
Schönborn hat keinen Grund, glücklich zu sein: In Österreich gibt es noch 5,6 Millionen Katholiken, das sind rund zwei Drittel der Bevölkerung. Vor sieben Jahren waren es noch drei Viertel. Um die Jahrtausendwende sank die Zahl der Katholiken in der Millionenstadt Wien unter die 50-Prozent-Marke. Laut dem österreichischen Nachrichtenmagazin "Profil" messen 80 Prozent der Österreicher dem Papstbesuch eine nur geringe oder gar keine Bedeutung bei.
Sexskandale erschüttern Österreichs Katholiken
Seit Mitte der neunziger Jahre nahm die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der Alpenrepublik stark ab. Die pädophilen Neigungen von Schönborns Vorgänger, des Wiener Erzbischofs Hans Hermann Groer, und die homosexuellen Exzesse im Priesterseminar St. Pölten, die der zuständige Bischof Kurt Krenn als "dumme Bubenstreiche" qualifizierte - ungeachtet der auf Computern sichergestellten pornografischen Fotos auch mit Kindern -, trieben die Gläubigen in Scharen davon.
Auch Schönborn spielte in dieser Zeit nicht immer eine glückliche Rolle. Zunächst deckte er als damaliger Weihbischof seinen Vorgesetzten und sprach davon, Groer werde verleumdet. Als ihn Johannes Paul II. zum Koadjutor des Erzbischofs mit dem Recht der Nachfolge einsetzte und weitere Vorwürfe sexueller Verfehlung gegen Groer laut wurden, entzogen Schönborn und drei weitere österreichische Bischöfe diesem dann doch öffentlich das Vertrauen.
Auch der polternde Krenn brachte Schönborn in Schwierigkeiten. Schönborn hatte mit der Spitze der österreichischen Amtskirche in Rom Reformvorschläge der Kirchenbasis vorgelegt. Johannes Paul II. lehnte diese ab. Daraufhin ließ es Erzbischof Krenn auf einen Machtkampf ankommen. Er behauptete, er sei beim Verfassen des Berichts nicht beteiligt gewesen. Dieser Kritik widersprach Schönborn - was Krenn vom Leder ziehen ließ: "Lügner sollen das Maul halten."
Ratzingers Kronprinz?
So schwierig die Situation in Österreich, so stark Schönborns heimlicher Drang nach Rom. Am Tiber meinen Insider zu wissen, dass sich der Kardinal bereits vor der Wahl Joseph Ratzingers selbst als "papabile" ins Gespräch als Nachfolger von Johannes Paul II. gebracht habe. Der Geistliche aus altem Grafengeschlecht - sein Vater war der Maler Hugo-Damian Graf von Schönborn - bastelt seit Jahren daran, eine höhere Aufgabe zu übernehmen. Er ist bereits Mitglied der Glaubenskongregation. Als Europa-Referent der Österreichischen Bischofskonferenz und als Ostkirchen-Beauftragter ist er auf dem alten Kontinent bestens vernetzt. Darüber hinaus knüpft er längst Kontakte zu Bistümern in aller Welt.
Zuletzt profilierte sich Schönborn mit einem Artikel in der "New York Times". Darin geißelte er Evolutionsbiologen als "Neodarwinisten" und machte sich für die Theorie des "Intelligent Design" stark. Die Geschichte der Arten entwickle sich nicht nach dem Prinzip Mutation und Selektion, wie dies unter Naturwissenschaftlern vertreten wird, sondern ihr liege ein intelligenter Plan des Schöpfers zugrunde. Eine Theorie, an der Benedikt XVI. durchaus Gefallen findet.
Gut möglich, dass der Wiener dem Mann aus Marktl am Inn bald folgt: Vielleicht auf dessen frühere Stelle in Rom als Vorsitzender der Glaubenskongregation - vielleicht sogar auf den Stuhl Petri.