Depression "Niemand zeigt uns einen Ausweg"
Eine SMS änderte das Leben von Johanna Jansen* von Grund auf. Innerer Frieden, sorgloses Glück sind seit jenem bewölkten Sommertag im Juli 2008 aus ihrem Alltag verschwunden.
Nach einem Streit fuhr ihr Sohn Kristian im Auto davon, wenige Stunden später schickte er eine Textbotschaft: "Ich kann nicht mehr." In der folgenden Nacht versuchte er, sich das Leben zu nehmen. "Seitdem", sagt Johanna Jansen, "ist nichts mehr, wie es war." Seitdem hat die Depression des Sohnes auch von ihrem Leben Besitz ergriffen.
Johanna Jansen, 57, geschieden, lebt in einer mittelgroßen norddeutschen Stadt, sie arbeitet im öffentlichen Dienst. Ihr Sohn Kristian ist 34 Jahre alt, lebt von Hartz IV und verbringt die meiste Zeit im Schrebergarten der Mutter. Laut einem fachärztlichen Gutachten ist er chronisch depressiv. Der Suizidversuch in jener Nacht sollte nicht der letzte bleiben.
Johanna Jansen sitzt auf einer schwarzen Couch in ihrer Wohnung. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Gebäck, doch das rührt sie nicht an. Ihre Stimme klingt müde, sie hat wenig geschlafen letzte Nacht. Sie will ihre Geschichte erzählen, die auch und vor allem die Geschichte ihres Sohnes Kristian ist. Die Geschichte seiner Krankheit, seiner Probleme, denen sie gemeinsam gegenüberstehen, von der Verzweiflung, die seine Depressionen auch bei ihr auslösen.
"Hörst du, was ich sage?"
Die Geschichte beginnt vor 26 Jahren, als Johanna Jansens Ehe in die Brüche geht. Die Kinder bekommen die Streitereien hautnah mit. Kristian entscheidet sich, beim Vater zu leben. Schon als Kind sei er immer etwas schwierig und "besonders" gewesen, manchmal ernst, manchmal irgendwie verrückt, erinnert sich Jansen. Sie schaut auf die Fotos in ihrem Regal. Auf einem streckt der Junge schelmisch die Zunge heraus.
Als ihn im Alter von 21 Jahren die Freundin verlässt, rutscht Kristian ab, unternimmt den ersten Suizidversuch. Es folgt ein jahrelanges Auf und Ab mit verschiedenen Ausbildungen und Jobs. Manchmal taucht Kristian wochenlang unter, sein Telefon bleibt ausgeschaltet. Er ist oft antriebslos, ohne Hoffnung, unnahbar: "Er lag in seinem WG-Zimmer auf dem Bett, und ich redete auf ihn ein", erinnert sich Jansen an eine dieser fruchtlosen, aufreibenden und einseitigen Begegnungen mit ihrem Sohn. "Er starrte nur vor sich hin. Man hatte das Gefühl, er hört überhaupt nicht zu. Zwischendurch fragte ich: Bist du noch da? Hörst du, was ich sage?"
Von der Diagnose "Depression" ist man damals noch weit entfernt. Zu einem Arzt will Kristian nicht gehen. Der Vater nimmt ihn schließlich 2007 wieder auf, um ihm Halt zu geben. Doch die beiden Männer überwerfen sich. Der Schrebergarten wird zum Rückzugsort des Sohnes, die Mutter zur einzigen echten Bezugsperson. Dann kommt die Nacht im Juli 2008, die alles verändert.
Krankenschwester, Haushälterin, Mutter
Am nächsten Morgen holt Johanna Jansen ihren Sohn zu sich. "Ich habe anfangs nur geheult", sagt sie. "Kristian lag bei mir auf dem Fußboden und sagte: 'Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr'. Ich lag daneben und fühlte mich elend. Ich litt so stark mit."
Kristian wird in die Psychiatrie eingewiesen, doch der Aufenthalt bringt nicht die erhofften Fortschritte. Weitere Behandlungsversuche schlagen fehl. Johanna Jansen ist enttäuscht und wütend. In ihren Augen haben Therapeuten und Betreuer versagt. Sie versucht alles, um ihren Sohn zurück in die Spur zu bringen, sie stellt ihr eigenes Leben komplett zurück. Sie gibt ihre Beziehung auf, sie ist jetzt nicht mehr nur Kristians Mutter, sondern auch seine Krankenschwester, seine Haushälterin. In ihrem Alltag funktioniert sie noch, doch das Erlebte hat Spuren hinterlassen: Seit einem Jahr befindet sich Johanna Jansen selbst in Therapie.
"Er muss doch spüren, dass ich mich sorge"
Die Angehörigen werden häufig mit in den Strudel aus Angst und Hilflosigkeit hineingezogen, in dem der Depressive gefangen ist. Sie leiden oft nicht weniger als der Betroffene selbst. "Der Stress kann durchaus so hoch sein, dass auch bei den Angehörigen ein Problem oder eine Erkrankung entsteht", sagt Holger Jahn, Oberarzt der Psychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf.
Besonders schlimm wird es, wenn trotz großer Anstrengungen keine Besserung in Sicht ist, wenn sich trotz Therapie keine Fortschritte zeigen - so wie im Fall von Kristian Jansen. Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Nur in 30 bis 35 Prozent der Fälle wird eine richtige Diagnose gestellt, gerade einmal sechs bis neun Prozent der Kranken bekommen eine angemessene Behandlung.
Kristian Jansen hat in diesem Sommer noch einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Mittlerweile lebt er seit Monaten ohne Therapie und ohne Medikamente. "Das ist bei einem schwer Depressiven in jedem Fall ein kritischer Zustand", sagt Professor Ulrich Hegerl, Koordinator des bundesweiten Forschungsprojekts "Kompetenznetz Depression".
Doch die Situation ist festgefahren: Kristian Jansen kostet es momentan zu viel Überwindung, sich wieder einen Arzt zu suchen. Für Menschen, die Depressionen nicht kennen, ist das nur schwer nachzuvollziehen: diese Angst vor Fremden, das Gefühl der Scham. Eigentlich soll ein Betreuer ihm helfen, ins Leben zurückzufinden: Papierkram regeln, eine eigene Wohnung suchen, den Alltag meistern. Doch nichts davon funktioniert.
"Wie es weitergehen soll? Ich weiß es nicht"
Die Enttäuschung bei Johanna Jansen wird immer größer. Sie schreibt verzweifelte Briefe an alle möglichen Stellen. Sie hofft "auf einen Engel", der erscheint und die Situation zum Guten wendet. Dass ein Mensch so abrutschen kann wie Kristian, obwohl man anscheinend alles dagegen unternimmt, obwohl es Gesetze und Vorschriften gibt, frustriert sie ungemein. Sie fühlt sich alleingelassen. "Wie es weitergehen soll? Ich weiß es nicht", sagt Johanna Jansen, "niemand zeigt uns einen Ausweg."
Die Leidensgeschichte ihres Sohnes ist längst ihre eigene geworden. "Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend genießen. Doch Hobbys pflegen, in eine andere Stadt ziehen - das ist jetzt unmöglich geworden." Sie fühlt sich in starkem Maße für ihren Sohn verantwortlich. Vielleicht hat sie sogar das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen nach der Scheidung. "Ich will ihn im Auge behalten. Er muss doch spüren, dass ich mich sorge, dass man ihn nicht aufgegeben hat", sagt Johanna Jansen.
Gleichzeitig wird sie aus Kristian nicht schlau: An manchen Tagen ist er "schrecklich unnahbar", an anderen verliert er die Beherrschung. Der Umgang mit Depressiven kostet viel Kraft, in den seltensten Fällen wissen die Angehörigen von Anfang an, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. "Ich war die ganze Zeit überfordert", sagt Johanna Jansen.
"Für die Angehörigen können quälende Situationen entstehen. Sie müssen wissen, wo die Grenzen sind", erklärt Hegerl. "Ohne professionelle Hilfe ist keine Heilung möglich."
Johanna Jansen spürt, dass es nicht mehr lange so weitergehen kann wie bisher. Im Dezember beginnt sie eine Kur, um das Erlebte zu verarbeiten. Vier bis sechs Wochen wird sie von ihrem Sohn getrennt sein - so lange wie seit dem Suizidversuch 2008 nicht mehr. Die Zukunft ist unsicher. Bis Januar 2010 ist Kristians Betreuung noch bewilligt, dann findet eine neue Anhörung statt.
Nach der fünften, sechsten Nacht wächst die Angst
Sie erzählt jetzt seit Stunden, sie schaut öfter auf ihre Notizen, sie will nichts auslassen. In ihrer Wohnung reihen sich Aktenordner aneinander, sie stehen auf dem Boden, auf der Fensterbank, auf dem Schreibtisch. Ihr Sohn ist inzwischen ein Fall für die Justiz geworden. Gegen einen Betreuer läuft eine Klage, er hat die Lage laut Johanna Jansen nur verschlimmert. Das Unglück der Betroffenen verschwindet zunehmend hinter Paragrafen und Aktenzeichen.
Kristian Jansen verbringt immer noch die meiste Zeit im Schrebergarten. "Wenn ich Glück habe, liegt ein Zettel auf dem Tisch: 'Bin im Garten. Komme morgen wieder'. Ich weiß dann: Er kommt mit großer Wahrscheinlichkeit morgen nicht wieder", sagt Johanna Jansen. Daran hat sie sich schon fast gewöhnt. Die ersten Tage sind kein Problem.
Doch nach der fünften, sechsten Nacht wächst die Angst. Dann ist plötzlich das Gefühl da, nachschauen zu müssen. "Ich setze mich aufs Fahrrad und fahre raus zum Garten, einfach drauflos, bloß keine Angst zeigen", sagt sie. "Meistens ist auch alles in Ordnung. Ich sehe ihn dann Laub harken und frage gar nicht nach. Ja, er lebt noch. Natürlich lebt er noch."
*Alle Namen von der Redaktion geändert.