Der Vollzeitmann: Die Ehe als Win-Win-Situation - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Vollzeitmann Die Ehe als Win-Win-Situation

Es läuft alles wie geschmiert für Attila: Seine bezaubernde Frau, die Ukrainerin Olga, hat er sozusagen aus der Kolchose befreit, sie macht dafür an seiner Seite dank Eigenfett-Implantaten richtig was her. Wenn nur der Zeugungsdruck nicht wäre. Achim Achilles seziert das Dasein eines Karrieristen.
Die Frau als Implantant-Trägerin: "Das war nicht ganz billig, hatte sich aber gelohnt"
Die Frau als Implantant-Trägerin: "Das war nicht ganz billig, hatte sich aber gelohnt"

Die Frau als Implantant-Trägerin: "Das war nicht ganz billig, hatte sich aber gelohnt"

Foto: © Karoly Arvai / Reuters/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Attila zuckte, erschrak und tauchte unter. Das kühle Wasser versetzte ihn schlagartig in Panik. Er schlug um sich. "Alles okay?", hörte er eine vertraute Stimme fragen. Er riss die Augen auf.

Über ihm stand Camille, in einer Sünde von Nachthemd. Attila fand, dass eine Erektion jetzt wohl die angemessene Reaktion wäre. Aber das kalte Wasser verhinderte jede Blutbewegung. Faszinierend, dass ihn die Kühle des Badewassers nicht aufgeweckt hatte. Wahrscheinlich war es ihm ergangen wie dem Frosch, nur umgekehrt. Der Frosch im Topf merkte nicht, wenn er gekocht wurde, solange die Temperatur kontinuierlich stieg. Und der Mann in der Wanne merkte nicht, dass er erfror, solange das Wasser stetig abkühlte.

Attila sortierte seine Gedanken. Er hatte offenbar schon eine ganze Weile in der Badewanne gelegen, weil er eingeschlafen war. Er war heute morgen zwei Stunden gelaufen, mit einem sensationellen Schnitt unter fünf Minuten. Gute Zahlen gaben ihm Kraft. Er musste heute nicht ins Büro, stattdessen zum Gesundheits-Check, und seine bezaubernde Frau ließ soeben ihre Brüste über ihm baumeln, denen man gar nicht ansah, dass ihnen das Implantieren von körpereigenem Fett zu jeweils dreihundertfünfzig zusätzlichen Gramm verholfen hatte. Das war nicht ganz billig gewesen, hatte sich aber gelohnt.

Camille lächelte ihn an, wobei er nie wusste, ob es sich um Sympathielächeln oder Heiratsschwindler-Grinsen handelte. Schließlich hatte er Camille aus ihrem ukrainischen Elend befreit und mit ihr gemeinsam einen neuen Vornamen gesucht. "Olga" erinnerte entschieden zu stark an Kolchose und Kartoffelacker.

Die Broken-Window-Theorie galt auch für Partnerschaften

Konnte man von Liebe sprechen? Warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich hatten sie das klarste und fairste Verhältnis, das man sich vorstellen konnte. Sie führten eine Win-Win-Beziehung, die edelste Form der Ökonomie. Es gab keine Geheimnisse, beide Seiten hatten das Gefühl, ein gutes Geschäft zu machen: Er schenkte ihr ein menschenwürdiges Leben, sie half ihm bei der gesellschaftlichen Perfektionierung: Repräsentieren, Kinderkriegen, die Bude in Schuss halten, eben alles, was der Chef einer expandierenden Unternehmensberatung braucht, um Lebenskompetenz jenseits des Büros nachzuweisen.

Camille ging es wirklich gut bei ihm. Sie hatte ein großzügiges Budget für ihre Klamotten, das sie jeden Monat gründlich ausschöpfte. Dafür sah sie immer gut aus und war bei sexuellem Bedarf jederzeit abrufbar. Nur bei der Fruchtbarkeit schien bei ihr irgendwas unrund zu laufen. Aber hätte er vor der Ehe einen Test einfordern sollen?

"Du hast mein Omelett vergessen, heute morgen", sagte Attila mit leicht mahnendem Tonfall. Er wolle verhindern, dass diese Nachlässigkeiten einrissen. Aus kleinen wurden schnell große Schlampigkeiten. Die Broken-Window-Theorie galt auch für Partnerschaften. Und Camille musste jederzeit klar sein, um wen es in ihrer Beziehung wirklich ging. Ihr esoterischer Fimmel war ihm schon unangenehm genug. Mussten diese vormodernen Urvölker eigentlich immer auf Hokuspokus abfahren? "Heute es gibt kein Omelett", sagte Camille sanft, "Du darfst nicht essen, wegen die Untersuchung." "Wegen der Untersuchung", korrigierte Attila. Immer jede Chance nutzen, um besser zu werden.

"Wie war das Bauchgetränk", fragte Camille, "sehr schlimm?" Attila sprang aus der Wanne. Verdammt, er hatte gestern Abend den Darmreinigungstrunk vergessen. Er hatte die Karaffe mit der trüben Brühe extra auf seinem Schreibtisch platziert, wo er bis kurz nach zwei gesessen und gearbeitet hatte. Aber er hatte nicht einen Schluck getrunken. Er konnte den Check unmöglich platzen lassen, nur weil er seine Aufgabe nicht erfüllt hatte. In der Firma würden sich alle das Maul zerreißen.

"Stell Dir vor, es geht um Dein Leben"

Was tun? Vierundzwanzig Stunden vor der Untersuchung hätte er einen Liter von diesem Zeug trinken müssen. Nun waren es kaum mehr als zehn Stunden bis zum Termin, also musste er mindestens die doppelte Menge trinken: Zwei Liter in zehn Stunden waren ungefähr so gut wie ein Liter in vierundzwanzig Stunden.

Attila fuhr in seinen Bademantel, huschte Camille einen Kuss auf die Wange und hastete auf die Galerie, zu seinem Schreibtisch. In der Karaffe stand eine gelbliche Flüssigkeit mit einem wolkigen Bodensatz. "Attacke", dachte Attila und hob den Krug an die Lippen.

Er trank und trank ohne abzusetzen, fest entschlossen, den Geschmack überhaupt nicht wahrzunehmen, bevor die Karaffe leer war. Doch als der erste Schwung vom Bodensatz seine Kehle traf, konnte er das Würgen nicht länger unterdrücken. Tränen schossen ihm in die Augen. Aber er setzte nicht ab. "Stell Dir vor, es geht um Dein Leben", feuerte er sich an. Das dachte er immer in entscheidenden Momenten. In Augenblicken existentieller Not mobilisierte die Psyche jene entscheidenden Prozente, die über Sieg und Niederlage entschieden.

Noch zwei Schlucke, dachte Attila. Schweigend sah Camille von unten aus dem Kaminzimmer zu, wie ihr Mann auf der Galerie diesen merkwürdigen Kampf gegen das Abführmittel ausfocht. Sie war froh, diesen Vormittag nicht zuhause zu verbringen. Attila warf ihr einen triumphierenden Blick hinab. Den zweiten Liter würde er sogleich ansetzen.

Sie lächelte hinauf zu ihm. Sie liebt mich wirklich, dachte er.

Lesen Sie am Freitag auf SPIEGEL ONLINE: Jochens einsamer Sex mit sich selbst