Der Vollzeitmann Lars' Angst vor dem Altern
Lars wehrte sich mit aller Kraft gegen seine Blase, aber der Druck war stärker. Er blickte auf den Wecker. Kurz nach acht. Mit sehr viel Kreativität könnte er den Morgen so gestalten, dass er noch eine gute Stunde würde pennen können. Lars hielt seinen ganzen Stolz über die Schüssel. Das Ding brannte.
Wo früher ein strammer Strahl herausschoss, tröpfelte es jetzt wie bei einem undichten Wasserhahn. Dafür nahm das Plätschern überhaupt kein Ende mehr. Und was waren das für komische rote Flecken? Klare Sache: Inkontinenz, Prostatakrebs und Schwanzpilz. War ja klar, dass er eines Tages würde bezahlen müssen für seinen Lebenswandel.
Er hatte sich in letzter Zeit immer mal wieder mit dem Gedanken getragen zu beten. Das Leben als Atheist war ihm zu unsicher geworden. Wenn er schon sterben musste, dann wollte er lieber in den Himmel, als einfach nur zu Staub zu zerfallen: Nur jetzt gerade bitte nicht. Er hatte noch soviel vor.
Poren wie Krater
Im Rasierspiegel sahen seine Poren aus wie Krater, in denen all seine Hoffnungen verschwanden. Lars dimmte das Badezimmerlicht und musterte sein Gesicht von allen Seiten. Eine gute Stunde Schlaf pro Nacht war nicht gerade das, was einen Menschen schöner machte.
Lars hatte die Spiegel so angeordnet, dass er jeden Millimeter seines Körpers kontrollieren konnte. Er verachtete Männer, die sich gehen ließen. Als Single konnte er sich keine Bindegewebsschwäche leisten. Da draußen herrschte Krieg zwischen den Geschlechtern, eine einzige Kampfzone, das hatte doch dieser verklemmte Franzose geschrieben. Nur die Attraktivsten spielten mit. Und er wollte dazugehören.
Jeden Morgen kontrollierte er zuerst sein Kinn. Das Kinn war der wunde Punkt des Mannes. Man konnte trainieren, wie man wollte - wenn man am Kinn ein genetisches Gewebeproblem geerbt hatte, trug man spätestens mit vierzig ein Doppelkinn und sah mit fünfzig aus wie ein Leguan. Auf die üblichen Liegestütze zur Straffung der Brustmuskulatur verzichtete er heute, mit Rücksicht auf seinen Kreislauf. Lars zitterte.
Leguan mit Hängearsch
Im Gym musste er dringend wieder auf den Stepper, auch wenn das ein eher schwules Gerät war. Aber er hatte den Eindruck, sein Po baumelte ein wenig schlaff herum. Der Hintern ist das Kinn der Rückseite, dachte Lars. Geht gar nicht. Bei alten Frauen, also denen in seinem Alter, kam man auch als Leguan mit Hängearsch durch. Aber darauf wollte er sich erst gar nicht einlassen. Das wäre die größte Niederlage, wenn er sich plötzlich mit so einer Schabracke begnügen müsste. Der Maßstab war die Praktikantin, jetzt und für immer.
Lars inspizierte seinen Hinterkopf Millimeter für Millimeter unter einem speziell ausgerichteten Halogenstrahler. Kreisrunder Haarausfall wäre der Tod. Er nahm jeden Morgen Alpecin Liquid und Seborin Hair Tonic, manchmal beide Mittel zugleich und in doppelter Dosis. Man konnte sich nicht sorgfältig genug pflegen.
Er hatte die komplette Produktpalette von Biotherm im Regal, für gereizte und empfindliche Haut, gegen vorzeitiges Altern und Pflege für den ganzen Tag. Sein Kopf brannte immer noch. Lars fühlte sich immer noch nicht fit, aber mit Kosmetika für zwanzig Euro auf der Haut zumindest wertvoll.
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