Der Vollzeitmann Martins Martyrium beim Babyschwimmen
Baby Norbert nölte, als Martin ihn in die kotdichte Gummibadehose zwängte. Dorothea hatte diese Spezial-Shorts extra aus den USA kommen lassen, Marke Sweet Little Dolphin. Die Elastikbuxen waren in einem wasserpädagogischen Zentrum in Orlando entwickelt worden, hermetische Abdichtung für hochbegabte Babys, die zur Steigerung ihrer Sozialkompetenz mit Delfinen schwammen. Kinderkacke fand Flipper wohl nicht so dufte.
Jedenfalls war Martin sicher, dass Norbert als einziges Kind mit Sweet Little Dolphin antreten würde. Gerade bei den Super-Eltern, die mit ihren Babys zum integrativen Frühschwimmen gingen, konnte man gar nicht aufmerksam genug die richtigen Labels präsentieren, die maximalen Preis und mithin übermenschliche elterliche Fürsorge signalisierten.
Leider paddelten vier von neun Kindern in Sweet Little Dolphin. Es war also wie immer: Der immense Individualitätsdruck führte dazu, dass alle Babys nahezu gleich aussahen, so wie ihre Eltern auch. Die Mütter liefen rum wie Elfriede Tetzlaff oder Kampflesben, die Väter trugen Wim-Wenders-Brille, verteidigten ihre Rest-Männlichkeit auf dem Felde des Spezialwissens (Comics, iPhone-Apps, Pink Floyd) und trugen die Riemen ihrer Filz-Leder-Taschen quer über der Brust, weil das nach Fahrradkurier aussah.
Wer noch mit Lastwagenplanentaschen erwischt wurde, mit Ohr-Stöpseln oder Klamotten von Stella McCartney, der konnte gleich an den Stadtrand ziehen. Martin hätte gern einen Essay über Markenterror und Individualitätswahn für seinen Blog geschrieben, den er für die Dauer seiner Elternzeit mit einem großen Baustellenschild stillgelegt hatte. Aber sein Chef hatte ihm davon abgeraten. Das sei das falsche Signal an die Kunden.
Schlappschwanz, der Frau mit Calendula-Öl massiert
Die Schwimmwindel von Sweet Little Dolphin hatte er jedenfalls mehrfach mit aggressivem Oxy-Waschmittel und viel zu heiß gewaschen, Öko hin oder her. Wenn schon alle die gleiche Hose trugen, sollte Norberts wenigstens am ältesten aussehen. "Die haben wir vor zwei Jahren aus Florida mitgebracht", war kein schlechter Satz, um sich gegen die ganzen übermotivierten Mütter zu behaupten, die ihm und Norbert die Schwimmstunde mal wieder zur Hölle machen würden.
Martin checkte noch mal sein iPhone. Immer noch keine neue Rückmeldung aus der Agentur. Vielleicht hatten sich die lieben Kollegen verabredet, dass sie ihn nicht dabei haben wollten. Ging ja schnell so was, diese Eigendynamiken innerhalb einer hierarchischen Funktionsgemeinschaft hielt man nicht auf. Kaum war er ein paar Wochen nicht da, stellte man fest, dass es ohne ihn ginge, womöglich nicht mal schlechter. Martin hatte Angst, dass er nicht einmal merkte, wie er wegrationalisiert, weggemobbt, entsorgt wurde. War den Kollegen soviel Bösartigkeit zuzutrauen? Aber klar doch. Vor allem den jungen Frauen. Das waren Killerinnen, allesamt. Eiskalt.
Das Babyschwimmen war wie immer eine Qual. Er war der einzige Mann unter acht Frauen, drei magersüchtig, fünf flusspferdig, aber alle guckten verklemmt. Sie steckten in gerüschten, getupften und gebatikten Monturen, die nur mit viel Phantasie als Badeanzüge zu erkennen waren. Warum trugen eigentlich immer nur Frauen im Internet solche scharfen knappen Teile?
Martin verachtete die ständig überdrehten und Glück spielenden Super-Moms, schon deswegen, weil sie ihn auch nicht leiden konnten. Sie grinsten immer ganz vertraut, aber in Wirklichkeit hielten sie ihn für einen Schlappschwanz, der seine Frau immer nur mit Calendula-Öl massierte. Ist man nicht gerade Brad Pitt, gilt man als Vater soviel wie ein Glas Pastinaken. Neulich hatte er gelesen, dass sich die Mütter aufbretzelten wie blöd, die ihre Kinder im selben Kindergarten hatten wie Brad Pitt.
Mit sozialer Kompetenz in den Nobel-Kindergarten
Eigentlich war nur eine Frau halbwegs normal, das war die mongolische Übungsleiterin, die in Irland einen Aufbaukurs in integrativem Babyschwimmen absolviert hatte, was auch groß auf ihrem T-Shirt statt.
Dorothea hatte sich anfangs gewünscht, dass Norbert in die englische Gruppe kommen würde, aber die war schon voll. Die integrative Gruppe war ein Experiment, sie folgte einem ganz neuen Ansatz, der erstmals in einer irischen Bauernhof-Kommune erprobt worden war und seither seinen pädagogischen Siegeszug um die Welt angetreten hatte: Behinderte und nicht-behinderte Kinder planschten zusammen, was einen wahnsinnigen Kulturschock bedeutete für Hundertzwanzig-Prozent-Eltern.
Martin war sich auch nicht ganz sicher, ob der Kurs Norberts Entwicklung wirklich diente. Aber der Gedanke dahinter war umso verlockender: Wer nachweisen konnte, dass sein Kind auch soziale Kompetenzen entwickelte, der hatte deutlich bessere Chancen von Nobels Nest aufgenommen zu werden, dem mit Abstand besten und teuersten Kindergarten der Stadt. Immerhin mussten sie nicht unter Wasser auch noch Pekip machen und dabei auf Orffschem Holz trommeln.